Politiker stocksauer

„Ar***loch“: Das war der größte Nockherberg-Skandal

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Walter Sedlmayr derbleckte als Fastenprediger einen Politiker so arg, dass er übel beleidigt wurde.

Ob Maxi Schafroth das auf dem Nockherberg 2019 auch schafft? Walter Sedlmayr derbleckte als Fastenprediger einen Politiker so arg, dass er übel beleidigt wurde.

München - Wie macht sich Maxi Schafroth als Fastenprediger auf dem Nockherberg 2019? Gespannt warten die TV-Zuschauer auf den ersten Auftritt des 34-jährigen Allgäuers beim Starkbieranstich (live im BR und im Live-Stream). Trifft er beim Derblecken der Politprominenz den einen oder anderen Nerv? 

Wie man sich als Fastenprediger richtig unbeliebt macht, bewies einer von Schafroths Vorgängern, der für viele Nockherberg-Fans noch immer der Beste von allen war: Volksschauspieler Walter Sedlmayr, der von 1982 bis 1990 die Rede zu Beginn des Starkbieranstichs vortrug.

Gleich bei seinem ersten Auftritt sorgte Sedlmayr für einen Eklat, der sich in dieser Form bislang nicht mehr wiederholte: Sedlmayr betitelte damals den bayerischen SPD-Chef Helmut Rothemund immerzu als „Herr Dings“. Das brachte den Roten so in Rage, dass er Sedlmayr ein „Arschloch“ nannte.

Der Clou bei dem Witz: Sedlmayr nannte Rothemund nicht ein einziges Mal beim Namen. „Sie müssen halt nur a bisserl bekannter werden, unsere bayerischen Sozialdemokraten“, befand der Redner damals und setzte hinterher: „Am bekanntesten ist ja noch der Ding... der, der, der... Na, der immer so beleidigt ist, so traurig ist, wenn der Strauß ned in Landtag kommt. Der Ding,... der, der... Ein anderes Wort für Verbalsozi. Wie hoaßt er denn, der... der...“

Die TV-Bilder zeigten Rothemund, der - Zigarette in der Hand - gequält lächelte und seine Wut im Starkbier ersoff. Aus seinem Umfeld war hernach zu erfahren, dass er Sedlmayr ein „Arschloch“ nannte.

Video: Walter Sedlmayr sorgt für den größten Nockherberg-Skandal

Wie der legendäre Nockherberg-Redenschreiber Hannes Burger sich in der tz erinnert, bescherte dieser Eklat dem Starkbieranstich eine Riesen-Aufmerksamkeit: „Bis 1982 hat nur der Rundfunk die Salvatorprobe übertragen. Trotz Protesten der SPD im Rundfunkrat brachte ab 1983 das Bayerische Fernsehen Zusammenschnitte – dann 20 Jahre mit den höchsten Einschaltquoten des Jahres.“

Wie Burger berichtet, revanchierte er sich im Jahr nach dem Eklat auf seine ganz eigene Weise bei SPD-Mann Rothemund: „Im Herbst war Landtagswahl und bei der Probe 1983 schrieb ich für Sedlmayr die Retourkutsche: Rothemunds Behauptung stimme also doch, dass 70 Prozent der Bayern ihn kennen, denn die anderen 30 Prozent hätten ihn ja gewählt.“

Laut Hannes Burger reagierten die Sozialdemokraten des Öfteren pikiert auf die Bosheiten beim Derblecken: „Die schwierigste Kundschaft war stets die SPD. Als Faustregel galt: Die Roten beschweren sich immer vor dem nächsten Mikrofon und weinen sich aus, die Schwarzen gehen still nach Haus, reden ein halbes Jahr nicht mit mir und schnappen dann irgendwann wieder aus.“

Und die CSU-Politiker? Burger erzählt der tz: „Das dankbarste Derbleck-Opfer war Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Da er von allen gefürchtet wurde, ließen schon forsch vorgetragene, harmlose Spitzen viele Gäste im Saal vor so viel mangelnder Devotion erschaudern. In Wirklichkeit waren die Pfeile knapp an Strauß vorbei auf seine Oberministranten Tandler und Stoiber gezielt. Edmund Stoiber wurde in allen Posten seiner Karriere immer am schärfsten angegriffen, hat sich aber nie beschwert, weil er im Gegensatz zur SPD weiß, dass ihn das populär macht.“

Der Starkbier-Gau: Triumphator-Anstich abgesagt - Kabarettist Springer enttäuscht

Nockherberg: Das waren die großen Derblecker

Böse Pointen, listige Hinweise, süffige Seitenhiebe – das ist es, was die Festredner auf dem Nockherberg auszeichnet. Launige Ansprachen gab es zur Eröffnung der Starkbiersaison bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. Die Reihe der Redner ist also lang. Hier einige davon:

  • Die erste richtige Salvator-Ansprache hielt der legendäre Jakob „Papa“ Geis im Jahre 1891. Der Humorist Weiß Ferdl hatte 1922 seinen ersten umjubelten Auftritt auf dem Nockherberg, bis zur Nazi-Diktatur. Danach war erst mal lange Pause.
  • Musik und politische Seitenhiebe führte der Roider Jackl ab 1954 beim Starkbieranstich ein. Unvergessen seine kunstvollen Gstanzln. Etwa aus dem Jahr 1969: „Gegen unsa Remilitarisierung hört ma gar neamd mehr redn, ja wenn scho d‘Sozi dafür san, bin i aa nimma dagegn.“
  • Bis 1978 trat Regisseur, Kabarettist und Rundfunkplauderer Emil Vierlinger („1, 2, 3, Vierlinger“) als Autor und Interpret mit feinen, aber treffsicheren Gemeinheiten den Derbleckten auf die Zehen: „Franz Josef Strauß fragt einen Oberkellner: Ist der Tisch da frei? Der Ober: Wer sind Sie? Strauß: Der bekannteste Politiker Bayerns! Ober: Es ist mir eine Ehre, nehmen Sie Platz, Herr Goppel.“
  • Gut. . ., besser . . ., der Beste? Walter Sedlmayr prägte die Redner-Rolle, nicht zuletzt wegen der Zusammenarbeit mit Schreiber Hannes Burger – ein Traum-Team. Der gelernte Journalist schrieb dem Schauspieler Bosheiten auf den Leib, die dieser virtuos umsetzte. Beispiele gibt es unzählige, etwa aus Sedlmayrs erstem Auftritt 1982: Da titulierte er den bayerischen SPD-Chef Helmut Rothemund wegen dessen mangelnder Popularität beharrlich mit „Herr Dings“. Herr Dings beschimpfte Sedlmayr nach der Rede: „Arschloch!“ – und kam als schlechter Verlierer in die Schlagzeilen.

Video: Sedlmayrs legendäre Nockherberg-Begrüßung

  • Sedlmayrs Tod 1990 war ein Schlag. 1992 übernahm Kollege Max Grießer – erstmals in Mönchskutte. Er war ein lieber Bruder Barnabas und tat besonders der CSU nicht gerne weh – Texter war freilich nach wie vor Burger.
  • Als sympathischer Richter bleibt Erich Hallhuber in Erinnerung, und ein solcher war er im Grunde 1997 auch als Barnabas – voller Ironie. Mit Burger verkrachte er sich allerdings schon im Jahr darauf. Viel Erfahrung hatte Gerd Fischer bereits auf dem Nockherberg, als Double von Peter Gauweiler, als er seinen Job 1999 antrat. Er und Burger traten 2002 gemeinsam ab.
  • 2007 war der niederbayerische Kabarettist Django Asül als Fastenprediger ein Politikum. Seit Max Grießer 1992 dem ermordeten Walter Sedlmayr nachfolgte, war es Tradition, dass der Redner dem Publikum in Mönchskutte die Leviten las. Jetzt trat – ganz in zivil – ein Deutschtürke auf und seine Sätze wirkten wie Handgranaten. Nur ein Beispiel: „Wie nah Sekret und Sekretär einander sind, zeigt die Schleimspur, die Söder hinterlässt.“ Asül derbleckte nur ein Mal auf dem Nockherberg.
  • Bei Paulaner wünschte man sich Asül wohl schon 2010 wieder zurück. Denn sein Nachfolger Michael Lerchenberg, ein messerscharf moralisierender Barnabas, zog zusammen mit Autor Christian Springer einen folgenschweren Vergleich. In einer Passage der Rede ließen sie FDP-Chef Guido Westerwelle durch die Lande ziehen und Hartz-IV-Empfänger in Lager sperren. Über deren Ausgang der damalige FDP-Slogan: „Leistung muss sich wieder lohnen.“ Der KZ-Vergleich wurde zum Bumerang. Charlotte Knobloch, damals Chefin des Zentralrats der Juden, sah die Holocaust- Opfer verhöhnt. Westerwelle teilte Steinfatt auf offiziellem Briefpapier des Außenministers mit, dass er sich künftig alle Einladungen auf den Nockherberg verbitte – das „persönliche“ Schreiben ging vorab an die Medien.
  • Bei ihrer Fastenpredigt 2012 spielte „Mama Bavaria“ Luise Kinseher auf das uneheliche Kind des damaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) an. Über „Horsti“ sagte sie: „Du mit deinem Schmarrn. Vor einer Woche ruft er mich an: „Mama, i brauch a Geld. Ich: „Was, ist wieder jemand schwanger?“ Moderator Waldi Hartmann nannte den Spruch hinterher „ein grobes Foul“. 2017 boykottierten Landtagspräsidentin Barbara Stamm und Sozialministerin Emilia Müller (CSU) wegen Kinseher den Nockherberg. Der Vorwurf: Frauenfeindlichkeit. „Für mich ist das kein Kabarett mehr. Die Rede von Luise Kinseher 2016 war frauenfeindlich und verletzend“, schimpfte Barbara Stamm damals in der Bild-Zeitung.

Nockherberg 2019: Das waren die bisherigen Fastenprediger(innen)

Jahr

Festredner

Besonderheit

1891 - 1922

Jakob Geis

Erfinder des Derbleckens

1922 - 1932

Weiß Ferdl

Der legendäre bayerische Volkssänger ("Ein Wagen von der Linie 8") und Schauspieler war der zweite Festredner auf dem Nockherberg.

1951 - 1952

Adolf Gondrell

1953 und 1974

Roider Jackl

Der große bayerische Volkssänger derbleckte fast 20 Jahre lang auf dem Nockherberg die Politiker mit seinen Salvator-Reden und seinen Gstanzln.

1975 - 19781

Emil Vierlinger

Organisierte nach dem Zweiten Weltkrieg die Übertragung des Derbleckens auf dem Nockherberg im Radio.

1979

Michl Lang

1980

Ernst Maria Lang

1981

Franz Schönhuber

Eigentlich hätte Franz Schönhuber 1981 die Fastenpredigt auf dem Nockherberg halten sollen. Allerdings veröffentlichte er kurz zuvor seine Autobiografie "Ich war dabei" (über die NS-Zeit), die ihn seinen Job beim BR kostete. Er war später Parteivorsitzender der Rechtsaußen-Partei „Die Republikaner“.

1981

Klaus Havenstein

1982 - 1990

Walter Sedlmayr

Walter Sedlmayer wurde im Juli 1990 ermordet. Andernfalls hätte er wohl noch ein paar Jahre den Bruder Barnabas auf dem Nockherberg gegeben.

1991

---

Das Politspektakel auf dem Nockherberg wurde wegen der Irakkrise abgesagt.

1992 - 1996

Max Grießer

Nach dem gewaltsamen Tod von Walter Sedlmayr folgte ihm Schauspieler-Kollege Max Grießer (beide waren in Polizeiinspektion 1 zu sehen) als Festredner Bruder Barnabas auf dem Nockherberg nach.

1997 - 1998

Erich Hallhuber

1999 - 2003

Gerd Fischer

2004 - 2006

Bruno Jonas

2007

Django Asül

Erster Festredner seit 1992, der nicht als Bruder Barnabas auftrat.

2008 - 2010

Michael Lerchenberg

Michael Lerchenberg schied nach einem Eklat 2010 aus dem Nockherberg aus. Seine Fastenpredigt war vom BR zensiert worden.

2011 - 2018

Luise Kinseher

Die erste Frau unter den Festrednern: Mit dem Nockherberg, wo Luise Kinseher beim Starkbieranstich 2011 erstmals als Mama Bavaria ans Redenerpult trat, hatte Kinseher den Gipfel des politischen Kabaretts erklommen. 2018 kündigte sie unerwartet ihren Rückzug an. Aber die Rolle der Mama Bavaria war der Niederbayerin so sehr ans Herz gewachsen, dass sie die Figur in ihr aktuelles Bühnenprogramm integriert hat. Seit Februar hat sie eine eigene Sendung im BR.

2019 - ?

Maxi Schafroth

Mit seinen 34 Jahren ist der Allgäuer Kabarettist Maxi Schafroth der jüngste Fastenprediger auf dem Nockherberg.

fro

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