„Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ - Ein Krimi, zwei Meinungen

Großartig oder grenzwertig? „Polizeiruf 110“ polarisiert - wie fanden Sie den Krimi aus München?

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Kein Happy End: Für Polizistin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) endet die Romanze mit einem Mann von der Börsenaufsicht ebenso überraschend, wie sie für den Zuschauer begonnen hat. 

War der „Polizeiruf 110“ aus München jetzt außergewöhnlich sehenswert oder doch eher eine Zumutung für den Zuschauer? Unsere TV-Redakteure Astrid Kistner und Rudolf Ogiermann sind geteilter Meinung.

  • Beim „Polizeiruf 110“ aus München geriet die Polizistin Elisabeth Eyckhoff in Versuchung, aus einer Abhöraktion selbst Profit zu schlagen
  • Regisseur Dominik Graf knüpfte ein Geflecht aus Gier, Loyalität, Freundschaft und Verzweiflung
  • War der Krimi großartig oder grenzwertig? Unsere TV-Redakteure Astrid Kistner und Rudolf Ogiermann sind geteilter Meinung.   

Zu viele Überstunden, zu wenig Gehalt. Kein Wunder, dass die Truppe um Polizistin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) der Versuchung nicht widerstehen kann, aus den Informationen einer Abhöraktion selbst Profit zu schlagen. Doch der Traum vom großen Geld wurde im gestrigen Münchner „Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ schnell zum Albtraum. Regisseur Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“) knüpfte ein komplexes Geflecht aus Gier, Loyalität, Freundschaft und Verzweiflung. Ein Krimi, der nicht nur die befreundeten Beamten im Film, sondern auch unsere Medienredaktion gespalten hat. Warum sich die Kritiker nicht einigen konnten, ob dieser „Polizeiruf“ nun großartig oder in seiner künstlerischen Ausdrucksweise grenzwertig ist, lesen Sie hier:

Pro: Auf Augenhöhe mit den Besten

Kommissare in edlen Trenchcoats oder abgewetzten Lederjacken – was ist das schon gegen „einfache“ Polizisten, die Tag für Tag ganz dicht dran sind am richtigen Leben, verkannte Helden. Eine im wahrsten Sinne des Wortes bunte Truppe steht hier im Mittelpunkt des Geschehens, sie bestimmt die Atmosphäre dieses „Polizeiruf 110“ (ARD), die so anders ist als die der „Wo-waren-Sie-gestern?“-Krimis, die sonst so laufen, auch am Sonntagabend.

Autor Günter Schütter und Regisseur Dominik Graf erzählen in „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ die Geschichte einer Gemeinschaft, die am (geplatzten) Traum vom großen Geld zerbricht, und sie erzählen sie so, dass schon die banalsten Dinge wie der Überwachungsalltag der Beamten Spannung erzeugen. Vieles mag, nüchtern betrachtet, übertrieben, überzeichnet wirken – die Aggressionen, die die Polizisten wirken lassen wie Junkies, denen der Stoff ausgeht, aber auch die Eruptionen der Erotik. Doch Grafs ungestylte Bilder reißen mit wie der Eisbach den verzweifelten „Calli“ (Sascha Maaz), sie lassen vergessen, dass es erst ganz am Ende richtig knallt – dann aber richtig.

Mit traumwandlerischer Sicherheit agiert das ganze Ensemble in diesem Film, allen voran Verena Altenberger als Kommissarin Elisabeth Eyckhoff. In dieser Ästhetik des Rauschhaften stimmt jeder Satz und jede Geste. Und wie kaum ein anderer lässt der Münchner Dominik Graf auch seine Heimatstadt mitspielen – mal grün, mal grau, mal pittoresk, mal kalt. Ein außergewöhnlicher „Polizeiruf“, auf Augenhöhe mit den besten Fällen von Vorgänger Matthias Brandt.

Rudolf Ogiermann 

Contra: Ganz schön anstrengend

Günter Schütters Drehbuch wäre ein prima Stoff für einen sozialkritischen Krimi gewesen. Einer, der mit seinen fein gezeichneten Charakteren und den persönlichen Schicksalen unter die Haut geht, doch Regisseur Dominik Graf macht Kunst daraus. Und das ist jammerschade. Seine Münchner Polizeitruppe, die sich beim illegalen Insidergeschäft an der Börse verzockt hat, steht am existenziellen Abgrund. Das letzte Ersparte ist futsch, die Nerven liegen blank. Dazu könnten interne Ermittlungen das Karriere-Ende bedeuten. Diese menschliche Ausnahmesituation in leisen Bildern und kraftvollen Dialogen zu erzählen, ist Dominik Grafs Sache nicht. Stattdessen feiert der Münchner seine ganz persönliche Filmästhetik. Unerschrocken mixt er dafür Abhör-, Party- und Ermittlungsszenen, arbeitet mit verschiedenen Zeitebenen und legt über sein bruchstückhaftes Puzzle einen Klangteppich, der viele Dialoge überdeckt. 

Das ist beim Zuschauen über weite Strecken anstrengend und wirft Fragen auf: Welche Rolle spielt der Staatsanwalt bei der Abhöraktion, was für ein Fest feiern die entfesselten Beamten da eigentlich – Kindergeburtstag oder Karneval? Und auch wenn’s zwischendrin herrlich menschelt – will man tatsächlich Münchner Polizisten um sich wissen, die ihren Kollegen zum Suizid anstiften? Graf führt mit Andreas Bittl, Robert Sigl und Dimitri Abold ein ambitioniertes Ensemble, das er leider so übertrieben agieren lässt, dass man sich bisweilen im Kasperltheater wähnt. Dreh- und Angelpunkt ist auch im zweiten Fall die wunderbare Verena Altenberger, die trotz Romanze in diesem kruden Krimi weniger funkeln kann als bei ihrer Premiere.

Astrid Kistner 

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