1. tz
  2. TV

Wenn die Mutter zur Mörderin wird

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Lena Meyer

Kommentare

37 Grad, Jennifer, Janine
Versuchen das Erlebte hinter sich zu lassen: die Schwestern Jennifer (l.) und Janine. © ZDF

München - Janine und Jennifer erleben, wie ihre Mutter den Vater umbringt. Das ZDF widmet sich der Geschichte der beiden Schwestern. In der tz spricht eine Psychologin über Fälle wie diesen.

Für das ZDF haben sich die Schwestern Janine (23) und Jennifer (21) in ein Ruderboot gesetzt. Die Stimmung wirkt harmonisch. Doch das Leben der beiden jungen Frauen verlief bisher alles andere als friedlich. Das einschneidende Erlebnis, das das Leben der beiden bis heute prägt, ist der Mord an ihrem Vater, den die Mutter vor 19 Jahren begangen hat. Noch immer stellen sich Janine und Jennifer die Frage: "Mama, warum hast du das getan?" So heißt auch die ZDF-Reportage in der Reihe 37 Grad, die an diesem Dienstag (22.15 Uhr) zu sehen ist.

"Wenn ich die Tatort-Fotos sehe, denke ich, ich bin im Krimi“, sagt Jennifer. "Mit was für einem Hass muss das gewesen sein – bei so viel Blut", fügt Janine hinzu, als ihnen noch einmal die Bilder der Bluttat vom Juni 1996 vorgelegt werden, als Mutter Iris Vater Frank mit 20 Messerstichen umbrachte. "Ein Schwert im Rücken" gab später die damals vierjährige Janine zu Protokoll, als sie nach dem Mord von der Polizei befragt wurde. Heute erinnert sie sich nicht mehr daran.

"Waren wir als Kinder zu nervig?"

"Wir fragen uns, ob wir eine Teilschuld daran tragen", sagt Jennifer. "Vielleicht waren wir sehr nervig als Kinder." Sie hat ihre Mutter seitdem erst ein Mal gesehen. Janine hingegen hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit ihr getroffen. Doch eine Annäherung erscheint illusorisch.

Die tz sprach mit der Psychologin Dr. Dominique Gall-Kleebach, die am Max Planck Institut für Psychatrie in München arbeitet, und auf Traumata spezialisiert ist.

Frau Dr. Gall-Kleebach, die zwei Mädchen, Jennifer und Janine, können sich heute nicht mehr an die Tat und das Geschehene erinnern. Warum?

Dominique Gall-Kleebach: Das ist ein typischer Mechanismus, der bei Traumata und Posttraumatischen Belastungsstörungen nicht unüblich ist. Und das hängt mit dem in diesem Zusammenhang großem Ausmaß an Stressfaktoren zusammen, die in so einem Fall auf die Person einwirken. Einfach formuliert: Die Person wird durch das Erlebte so stark belastet, dass die Psyche – quasi als Schutzmechanismus – das Geschehene ausblendet, weil eine Konfrontation damit nicht erträglich wäre. Es kann allerdings passieren, dass im Verlauf sogenannte Trigger Erinnerungsfetzen hervorrufen. Diese sind dann oftmals schwer für den Betroffenen einzuordnen und können sehr belastend sein.

Die Situation des Traumas erscheint also wieder real?

Gall-Kleebach: Das kann passieren. Der Betroffene erlebt die Erinnerung in diesem Fall dann so intensiv, als würde sich das Geschehene wiederholen. Oder ihn plagen sich wiederholende Erinnerungsbilder (sogenannte Intrusionen) und Albträume. Das ist natürlich ausgesprochen belastend, schränkt das alltägliche Leben sehr ein. Eine therapeutische Behandlung ist dann unbedingt notwendig.

Wie sieht die dann aus?

Gall-Kleebach: Das Trauma an sich kann man natürlich nicht behandeln. Denn das Erlebte ist geschehen, und kann nicht wieder rückgängig gemacht werden. Allerdings können die daraus resultierenden und belastenden Symptome behandelt werden. Zum einen die Vermeidung, das Wiedererleben oder auch die sogenannten assoziierten Merkmale. Viele Betroffene stellen sich zum Beispiel immer wieder die Frage nach dem Warum, oder haben das Gefühl, in irgendeiner Form für das Geschehene verantwortlich zu sein. In der Therapie werden diese Dinge aufgearbeitet. Ist der Patient stabil genug, kann sogar eine Konfrontation mit der traumatischen Situation stattfinden. Heißt: Der Patient setzt sich – vom Therapeuten begleitet – gezielt mit den traumatischen Erlebnissen auseinander, um sie dann, als nächsten Schritt, zu integrieren.

Janine und Jennifer stellen sich heute – 19 Jahre später – auch die Frage nach dem Warum, überlegen sogar, ob sie eine gewisse Mitschuld tragen, weil sie als Kinder zu nervig gewesen seien.

Gall-Kleebach: Das ist, wie gesagt, eine mögliche Folgeerscheinung eines so belastenden Ereignisses. Hier ist es dann für den Psychologen wichtig, gemeinsam mit dem Patienten zu erarbeiten, dass wir nicht alles, was geschieht, klären und erklären können.

Während Jennifer in einer Pflegefamilie Halt findet, rutscht Janine kurzzeitig auf die schiefe Bahn ab. Drogen- und Alkoholmissbrauch sind die Folge.

Gall-Kleebach: Für jedes Kind ist es wichtig, in einer förderlichen unterstützenden Umgebung aufzuwachsen. Im Falle der zwei Mädchen ist das natürlich schwierig. Durch das Geschehene verlieren sie ja sowohl Mutter als auch Vater. Es ist wichtig, dann in einem anderen Umfeld – wie etwa bei einer Pflegefamilie oder durch eine Therapie – Halt zu finden. Gelingt das nicht, kann es passieren, dass die Betroffenen versuchen, die Symptome anders zu kompensieren, wie beispielsweise durch Alkohol- oder Drogenmissbrauch.

Kann ein Mensch von einem Trauma geheilt werden?

Gall-Kleebach: Von den Symptomen ja. Er kann nach einer erfolgreichen Therapie lernen, mit dem Vergangenen zu leben, das Ganze als Teil der eigenen Geschichte zu akzeptieren.

Interview: Lena Meyer

"37 Grad", Dienstag, 22.15 Uhr, ZDF

Auch interessant

Kommentare