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Atzorn spielt Demenzkranken: "Haben doch alle Aussetzer"

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Von: Astrid Kistner

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Robert Atzorn, Angelika Atzorn
Sind seit 40 Jahren glücklich verheiratet: Schauspieler Robert Atzorn und seine Frau Angelika. © Jantz Sigi

München - Das Thema Demenz rückt immer mehr in den Fokus. Das ZDF greift die Krankheit in einem Film auf. Hauptdarsteller Robert Atzorn spricht im tz-Interview über seine Erfahrungen.

"Ich wollte mal wissen, wie es ist, mit einem alten Mann zu schlafen“, sagt die hübsche Kellnerin Belinda am morgen danach und lächelt ihren 70-jährigen Liebhaber herausfordernd an. Alexander, pensionierter Architekt, verwitwet, gebildet und wohlhabend, verschenkt noch einmal sein Herz und merkt gleichzeitig, dass ihm die Erinnerungen an seine prall gefüllte Vergangenheit allmählich entgleiten. Mein vergessenes Leben (31.8., ZDF, 20.15 Uhr) ist ein glänzendes Demenz-Drama, das bei aller Tragik vor allem vom Glück erzählt, von Lebensfreude und vom Lieben im Hier und Jetzt. Eine Paraderolle für Robert Atzorn, der im tz-Interview über das Alter, das Leben und Ehe spricht.

Herr Atzorn, wie sehr hat Sie das Thema Demenz während der Dreharbeiten beschäftigt?

Robert Atzorn: Meine Mutter litt an Demenz und war ein Jahr vor den Dreharbeiten gestorben. Ich habe diesen Film auch für sie gedreht. Das Schlimmste ist, glaube ich, die Übergangsphase, bei der du so langsam in die Krankheit rutscht und merkst, wie die Lücken allmählich größer werden. Das ist schon heftig. Trotzdem behält der Mann im Film eine ungeheure Würde, und Krankheit und Verfall wirken nicht so furchterregend, wie uns das gerne suggeriert wird.

Das Drama hat wirklich etwas sehr Versöhnliches.

Atzorn: Ja, es strahlt bei aller Tragik Lebensfreude und Genuss aus und lehrt uns das überhaupt Wichtigste: im Hier und Jetzt zu bleiben.

Haben Sie zwischendrin überlegt, was Sie tun würden, wenn es Sie treffen würde?

Atzorn: Mich trifft das nicht.

So sicher? Ich vergesse schon jetzt so viel …

Atzorn: Quatsch!

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Alexander (Robert Atzorn) und seine junge Geliebte Belinda (Natalia Belitski). © ZDF und Hendrik Heiden

Wir haben doch alle Aussetzer. Ich gehe auch in den Keller runter und sehe, ah, da liegt die Wäsche, aber was wollte ich denn eigentlich holen? Das ist ganz normal, weil wir vieles im Kopf haben und das meiste mal eben nebenbei machen wollen. Aber letztens habe ich gelesen, dass nur 0,5 Prozent der Deutschen dement werden. Allerdings müssen wir aufpassen, dass wir nicht so viel Weizen futtern. Der ist größtenteils genmanipuliert, und das kann die Demenz befördern.

Halten Sie sich daran?

Atzorn: Natürlich. Ich will ja gesund sterben.

Das sagt meine Oma auch immer.

Atzorn: Und sie hat recht. Das Wichtigste ist der Geist: Wenn man immer darum kreist, was alles passieren kann und wie schlecht es einem geht, dann zieht man das Schlechte an. Dabei muss man das Leben genießen..

Sie leben im Chiemgau. Genießt es sich da besser?

Atzorn: Wir haben auf jeden Fall eine riesige Lebensqualität. Die Berge sind toll, die Hütten sowieso. Du kannst hoch wandern, radeln, runter springen – alles. Und dann erst die Seen. Das ist nur schwer zu toppen.

Sind Sie sehr sportlich?

Atzorn: Es geht, aber ich bewege mich gerne draußen. Allerdings radel ich lieber um den See als auf die Berge. Aber vor allem bin ich mit einer YogaLehrerin verheiratet, und da bist du immer im Zugzwang (lacht).

Ihr Sohn Jens ist in Ihre Fußstapfen getreten. Hat er es als Schauspieler schwerer als sie früher?

Atzorn: Ich finde, es ist für junge Schauspieler wahnsinnig schwer geworden, in dem Beruf Fuß zu fassen, weil die Schulen jedes Jahr so viele Talente ausspucken. Durch die Medien wollen immer noch so viele diesen Beruf machen, spielen, berühmt werden, ich weiß nicht was sich die meisten ausmalen.

Und früher war es leichter?

Atzorn: Klar. Gespielt hast du früher immer. Vielleicht nicht immer an den besten Bühnen, aber du warst beschäftigt. Das ist ja heute nicht mehr so.

Normale Menschen kommen doch irgendwann mal an den Punkt, an dem sie sich auf den Ruhestand freuen. Das hört man von Schauspielern nie. Warum?

Atzorn: Ich sag es Ihnen ehrlich: Ich brauch die Kohle noch. Außerdem merke ich, wenn ich mich lange nicht mit einem Drehbuch beschäftige, werde ich unruhig. Das ist schon schön, wenn irgendwann wieder was ist – auch für den Geist.

Sie kennen keine Berufsmüdigkeit?

Atzorn: Doch so Phasen gab’s auch schon. Aber man darf ja nicht vergessen: Schauspieler arbeiten anders. Ich habe einen Freund, der genauso alt wie ich ist, der hat jeden Tag von acht bis 18 Uhr gearbeitet. Natürlich war der froh, mit 65 aus der Mühle auszusteigen. Als Schauspieler hast du stressige Zeiten und dann wieder wochenlang nix. Und dein Marktwert bestimmt, wie ausgedehnt deine Pausen sind. Da entsteht nicht so ein Alltag.

Glauben Sie, dass man als Schauspieler mit den Jahren besser wird?

Atzorn: Nicht alle (lacht). Aber es kann passieren. Clint Eastwood ist beispielsweise mit den Jahren besser geworden. Wenn man sich weiterentwickelt und sich nicht auf dem Erfolg ausruht, sind die Chancen gut, besser zu werden.

„Mein vergessenes Leben“ ist die erste Rolle, in der’s für Sie um den Verfall und ums Sterben geht. Macht Ihnen das Angst?

Atzorn: Nein, das fühlt sich richtig an. Das ist ja auch mein Thema. Wie geht’s weiter und wie endet alles. Ich finde es eher schade, dass ernsthafte Sinnfragen viel zu wenig im Fernsehen thematisiert werden und dafür viel zu viel nur noch über Krimis erzählt wird.

Was würde Sie interessieren?

Atzorn: Wie werden wir alt? Wie rettet man eine langjährige Ehe? In Filmen verlieben sich die Menschen immer. Große Euphorie, Leidenschaft. Was danach kommt, sehen wir nicht. Aber wie hält man eine alte Beziehung lebendig? Das würde mich interessieren.

Wie schaffen Sie das?

Atzorn: Eine Ehe zu führen, ist für mich auch kreative Arbeit. Man muss immer wieder was Neues schaffen, um sie lebendig zu halten. Das ist natürlich um einiges leichter, wenn beide ähnlich gestrickt sind und sich entwickeln wollen. Die Perspektive sollte in etwa übereinstimmen.

Sie sind seit 40 Jahren verheiratet. Eine ganz schöne Leistung …

Atzorn: Sagt man so. Für mich ist es keine. Ich kann mir das gar nicht anders vorstellen. Es ist die beste Zeit meines Lebens – auch wenn’s zwischendrin schwierig ist oder wir uns streiten. Aber wenn man sich die Mühe macht, hinter den Streit zu schauen und zu überlegen, warum hat’s denn jetzt gekracht, dann kann man eine Stufe weitergehen, sich verändern. Das ist doch spannend!

Sie haben Ihrer Frau beim Bayerischen Fernsehpreis in einer Dankesrede so eine schöne Liebeserklärung gemacht.

Atzorn: Weil ich einfach weiß, wie wichtig sie für mich ist. Und deshalb würde ich gern mal in einem Film spielen, in dem man zeigt, wie man den Alltag meistert. Wie man das hinkriegt, wenn der Respekt manchmal flöten geht, weil man den anderen in und auswendig kennt.

Wie erhält man die Wertschätzung in der Ehe?

Atzorn: Indem man es übt. Sich selbst kritisch überprüft und sich immer wieder klarmacht, wie kostbar es ist, wenn es in der Liebe gut läuft. Es reicht nicht, mal ’ne Blume mitzubringen. Es ist der tägliche Umgang miteinander, der entscheidet, ob du glücklich bist oder nicht.

Intervier: Astrid Kistner

„Mein vergessenes Leben“, Montag, 20.15 Uhr, ZDF

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