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Selge & Walser: "Für Dreharbeiten trennen wir uns"

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Franziska Walser und Edgar -Selge leben in München und spielen im TV-Drama „Nie mehr wie immer“. © HR

München - Nichts von der Sprachlosigkeit und Einsamkeit ihrer Filmfiguren scheint sich in ihre eigene Ehe eingeschlichen zu haben. Mit großer Aufmerksamkeit lauschen Franziska Walser (62) und ­Edgar Selge (66) beim tz-Interview den Worten des ­jeweils anderen.

Im kammerspielartigen ARD-Drama Nie mehr wie immer (Mittwoch, 20.15 Uhr) spielen sie ein Ehepaar, das von einem dunklen Geheimnis eingeholt wird.

Frau Walser, Herr Selge – sind Sie als Ehepaar für diesen Film angefragt worden?

Franziska Walser: Sagen wir so: Wir waren sehr früh involviert. Der Regisseurin Petra Wagner gefiel auf Anhieb die Idee, die Geschichte mit einem echten Paar zu machen. Ich fand das extrem spannend und empfinde es als Geschenk, wenn man einen Stoff mit solcher Sprengkraft zusammen realisieren darf.

Edgar Selge: Gerade, weil es eher die Ausnahme ist, dass man gemeinsam vor der Kamera steht. Den letzten Film, den Franziska und ich zusammen gedreht haben, war Chaos der Gefühle – und das ist 12 Jahre her.

Funktioniert das Rollenstudium für so einen Film gemeinsam?

Walser: Nein. Wenn wir zusammen arbeiten, wohnen wir nicht zusammen. So kann sich jeder auf seine Sache konzen­trieren. Es ist dann auch viel spannender, sich vor der Kamera wieder zu begegnen.

Wie sieht das praktisch aus?

Edgar Selge: Jeder hat dann seine eigene Wohnung. Das ist auch wichtig, weil die gemeinsame Arbeit viel Respekt und Disziplin erfordert. Dieses Das-kennen-wir-ja aus dem Alltag hat vor der Kamera nichts zu suchen. Es ist wichtig, einen Schritt zurückzutreten und den anderen neu zu betrachten. Ein gemeinsames Rollenstudium ist im ­Übrigen nie gut – auch nicht mit anderen Partnern. Weil es beim Film darum geht, sich vor der Kamera gegenseitig zu überraschen.

Wer von Ihnen kam auf die Idee, gemeinsames Arbeiten und Wohnen voneinander zu ­trennen?

Walser: Keiner. Das war der Regisseur Diethard Klante, der mit uns Chaos der Gefühle gemacht hat. Er hat damals gesagt: Ich möchte mit euch gemeinsam diesen Film drehen, aber ich will nicht, dass ihr zusammen wohnt. Damals haben wir in Baden-Baden gedreht. Und Klante hat unsere Hotelzimmer so gewählt, dass Edgar neben ihm und ich unter ihm untergebracht war.

Selge: Ja, er hatte ein genaues Auge auf uns. Und das hat uns großen Spaß gemacht (lacht).

Walser: Da sind wir auf den Geschmack gekommen …

Wie gut können Sie voneinander Kritik annehmen?

Selge: Wie übt man überhaupt Kritik, ist, glaube ich, die entscheidende Frage. Denn das betrifft ja auch Kollegen oder die eigenen Kinder. Kritik kann für mich nicht heißen: Das finde ich nicht gut, was du machst.

Aber manchmal denkt man doch: „Das finde ich nicht gut, was du machst.“

Selge: Klar, aber das würde ich in dieser Form ungefiltert nicht weitergeben.

Walser: Ich auch nicht. So eine Arbeit ist ja ein Prozess, bei dem man Dinge ausprobiert und sich langsam annähert. Dadurch, dass man den Beruf teilt, weiß man, wie schwer das ist und wie wahnsinnig empfindlich auch jeder ist. So eine Arbeit ist immer auch eine Lehrzeit für gegenseitigen Respekt.

Selge: Temperamente oder das Verhältnis zur Zeit sind ja ganz unterschiedlich. Und manchmal ist der eine halt schneller oder langsamer. Beides kann einen provozieren. Aber man darf dem anderen nicht den eigenen Puls aufzwingen, das bringt nichts.

Sie haben sich auf der Schauspielschule kennengelernt. Wie war Ihre erste Begegnung?

Walser: Es gab mehrere Begegnungen. Und wir waren kein Paar auf der Schauspielschule. Aber ich kann mich daran erinnern, wie ich Edgar das erste Mal begegnet bin.

Selge: Wir haben auf der Schauspielschule ein Stück zusammen gespielt: Die Zofen von Genet. Franziska und eine Kollegin waren die Zofen, und ich spielte die gnädige Frau. Wir hatten eine sehr intensive Szene, in der ich die Zofe auf meinen Schoß ziehe, und es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, warum mir die Szene so gut gefallen hat (lacht). Wie gesagt, da waren wir noch kein Paar, aber die Spannung zwischen uns war schon immer sehr groß.

Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken. Haben sich Ihre Erwartungen an den Beruf erfüllt?

Walser: Die Erfüllung fängt damit an, diesen Beruf gewählt zu haben, weil er einen immer dazu auffordert, sich weiterzuentwickeln und nicht an einen Punkt zu kommen, an dem man sagt: Jetzt bin ich fertig. Man kann sich immer wieder anders spiegeln. Alles andere ist ein Auf und Ab – aber das gehört dazu.

Es heißt, eine geteilte Leidenschaft stabilisiert die Beziehung – sehen Sie das auch so?

Walser: Natürlich ist es ein ­Riesenvorteil, als Schauspieler mit einem Schauspieler leben zu können. Weil einen der andere versteht. Wir haben ja einen sehr zeitraubenden Beruf, den man auch mit in den Feierabend nimmt. Dieses In-immer-neue-Rollen-Schlüpfen hat etwas enorm Erleichterndes im Leben, und es ist schön, wenn man das mit dem Partner teilen kann.

Selge: Wenn Sie das so fragen, denke ich: Aha, anscheinend sind das zwei verschiedene Sachen – mein Beruf und meine Beziehung zu Franziska. Sie haben natürlich vollkommen recht, aber ich empfinde das nicht so. Für mich ist das eine Einheit.

Der Film endet an einer Stelle, an der man sich die Frage stellt: Kann man als Paar eine solche Krise bewältigen?

Walser: Richtig, und dass es keine Antwort in eine bestimmte Richtung gibt, finde ich sehr gut. Das Drama lässt dem Zuschauer genügend Raum, das für sich zu klären.

Haben Sie für sich eine ­Antwort gefunden?

Walser: Es ist schwer zu sagen, was man in so einer Situation machen würde. Die Frage ist, hat man die Kraft, diesen Scherbenhaufen zusammenzukehren?

Selge: Woran soll man sonst wachsen in einer Beziehung, wenn nicht an den Schwierigkeiten? Aber es ist klar, wenn’s nicht geht, geht’s nicht. Uns war es wichtig, dass die moralische Verurteilung nicht im Vordergrund steht. Schließlich ist der Missbrauch nur eine Parabel für die Geheimnisse und die Einsamkeit, die jede langjährige Beziehung produzieren kann.

Interview: Astrid Kistner

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