Beklemmendes ZDF-Drama

Silvia S. - Blinde Wut: Wenn Ohnmacht zu Allmacht wird

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Silvia ­(Maria Simon, re.) fühlt sich von ­ihrer Mutter ­(Ul­rike Kriener) gedemütigt.

München - Friedemann Fromms beklemmendes ZDF-Drama Silvia S. – Blinde Wut warf am Montagabend die Frage auf, wie es zum kompletten Kontrollverlust kommen kann. Im tz-Gespräch versucht Psychotherapeut Christian Lüdke eine Antwort auf das schwer Erklärbare zu geben.

Ein Leben voller Demütigungen und Zurückweisungen. Gelebt von einer Frau, für die am Ende die Auslöschung der eigenen Familie die zwingende Konsequenz ist. Friedemann Fromms beklemmendes ZDF-Drama Silvia S. – Blinde Wut warf am Montagabend die Frage auf, wie es zum kompletten Kontrollverlust kommen kann. Im tz-Gespräch versucht Psychotherapeut Christian Lüdke eine Antwort auf das schwer Erklärbare zu geben.

Herr Lüdke, Sie haben die Dreharbeiten zu „Silvia S.“ beratend begleitet. Was war Ihnen bei der Darstellung wichtig?

Christian Lüdke: Es war mir wichtig, einzuordnen, wie realistisch das Verhalten der Silvia S. ist. Das ist ja ein recht ungewöhnlicher Fall, wenn man bedenkt, dass 90 Prozent aller Amokläufe von Männern begangen werden. Wir haben es hier also mit einem für Frauen eher untypischen Verhalten zu tun.

Silvia S. tötet am Ende ihr Kind und ihre Schwester – was unterscheidet die Beziehungstat vom Amoklauf?

Lüdke: Bei einem Amoklauf inszeniert der Täter seinen eigenen Selbstmord. Er nimmt in Kauf, vom Sondereinsatzkommando erschossen zu werden. Und er ist bereit, Unschuldige, die nicht in einer Beziehung zu ihm stehen, mit reinzuziehen.

Welche Faktoren können bei Frauen zum Amoklauf führen?

Lüdke: Das sind vielfältige. Im Film, der ein durchaus realistisches Bild zeichnet, sieht man an der Lebensgeschichte der Silvia S., dass sie sich nie so richtig als Person wahrgenommen gefühlt hat. Es gab permanent Demütigungen, Kränkungen und Verletzungen. Gerade ihre Mutter, die ihr weder Anerkennung noch Geborgenheit geben konnte, spielt in diesem Geflecht eine riesige Rolle.

Erfahrungen, die vermutlich viele Menschen in ihrem Leben machen müssen. Was aber sorgt dafür, dass der eine seine Wut ausagiert und der andere nicht? Gibt es ein Amok-Gen?

Christian Lüdke, Psychotherapeut.

Lüdke: Es gibt weder ein Amok-Gen, noch tragen wir die Bereitschaft zu töten in uns. Man wird nicht über Nacht zum Mörder. Das ist der Abschluss einer langen gestörten Persönlichkeitsentwicklung. Jeder von uns kennt Situationen, in denen er sich klein, verletzt und gedemütigt fühlt, und trotzdem drehen wir nicht durch. Nur wenn Frust der tägliche Lebensbegleiter ist, dann erleben viele Menschen eine Ohnmacht, eine erlernte Hilflosigkeit. Gewalt hingegen verwandelt Ohnmacht zeitweise in ein Gefühl von Allmacht.

Eine Reaktion, die also nicht über Nacht kommt?

Lüdke: Richtig. Silvia S. handelt nach einem inneren Drehbuch, das über Jahre geschrieben wurde. Nach dem Motto: Wenn ich als Mensch nicht geliebt werden konnte, dann will ich wenigsten gehasst werden – aber das mit der gleichen Intensität.

Warum sind es so selten Frauen, die Amok laufen? Überforderung und Demütigungen gibt es doch sicher bei beiden Geschlechtern gleichermaßen …

Lüdke: Das stimmt. Frauen sind aber generell viel belastbarer als Männer und haben ganz andere Strategien, mit Stress umzugehen. Wenn also eine Frau eine so ausgesprochen männliche Tat begeht, dann ist das Ausdruck der unglaublichen Märtyrien, die sie in ihrem Leben durchlitten hat.

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