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Sky-Serie „Der Pass 2“: Deshalb lohnt sich die neue Staffel

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Von: Katja Kraft

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Die Regisseure von Der Pass 2: Cyrill Boss und Philipp Stennert
Schauen harmlos aus – doch die Geschichten, die Cyrill Boss (li.) und Philipp Stennert schreiben, haben’s in sich. © Marcus Schlaf

„Der Pass“ geht weiter. Sky zeigt jetzt die zweite Staffel der Superserie. Wir sprachen mit den beiden Münchner Regisseuren Cyrill Boss und Philipp Stennert über ihre Faszination für Serienmörder. Und die Qual beim Schreiben.

Sie hatten gehofft, dass es wieder eine Premiere geben würde. Wie 2019, bei Staffel eins, im Münchner Gloria Palast. Als Corona noch ein Fremdwort war. Doch Omikron kam – und damit die Absage für das Fest zur zweiten Staffel von „Der Pass“, die Sky jetzt zeigt. Die preisgekrönten Münchner Regisseure Cyrill Boss (47) und Philipp Stennert (46) haben erneut das Drehbuch geschrieben. Und acht weitere Folgen dieses besonderen Alpenkrimis geschaffen. Wieder schaut man verblüfft hin und weiß erst nicht so recht, wohin die zwei einen diesmal führen wollen. Doch bereitwillig lässt man sich in die gespenstische Gegend hineinziehen – und will bald immer weiter schauen. Mit welchen Tricks ihnen das gelingt und wie sie brillante Typen wie den Schauspieler Dominic Marcus Singer für ihre Projekte gewinnen – darüber sprachen wir mit Boss und Stennert an einem sonnigen Wintertag an der Isar.

Was zur Hölle ist in Ihren Köpfen los, dass Ihnen all diese Widerwärtigkeiten einfallen?

Cyrill Boss: (Zeigt lachend auf Philipp Stennert:) Das schlummert alles in ihm!
Philipp Stennert: (Lacht.) Ja, das ist wirklich eine spannende Frage: Warum fühlt man sich sowohl als Kreativer als auch als Zuschauer so hingezogen zu solchen Abgründen?

Und was ist die Antwort?

Philipp Stennert: Ein bisschen Düsternis steckt in jedem von uns, und Abgründe sind ein Teil von uns allen. In manchen Menschen sind sie eben besonders schrecklich ausgeprägt. Je mehr man liest über Serienmörder und Triebtäter, desto mehr ist man gebannt von der menschlichen Psyche.

Und Sie schaffen es einmal mehr, Schauspieler zu finden, bei denen man denkt: Mit dem hätte ich gestern noch in der Kantine ratschen können. Die so unschuldig wirken...

Cyrill Boss: Wie schön, so sollte es sein. Serienmörder sind eben keine Monster, sondern oft Menschen, die in ihrer Kindheit Liebe vermisst haben oder sich verzweifelt nach Anerkennung sehnen. Wir haben uns vorab zum Beispiel mit amerikanischen Triebtätern auseinandergesetzt, einige von denen hatten einen krankhaften Mutterkomplex. Es ist eine Parallele, die in Kombination mit anderen Faktoren den Ausschlag geben kann, dass jemand zum Mörder wird. Es gibt allerdings nie nur den einen Grund und keine leichte Erklärung.

Wobei das Interessante in „Der Pass 2“ auch der Bruder des Täters ist. Der schreitet nicht ein – schützt seinen Bruder gar davor, gefasst zu werden.

Phillip Stennert: Das war unsere Hoffnung, dass man als Zuschauer hin und her schwankt und sich fragt: Wer ist eigentlich der Böse? Der, der nicht anders kann, weil es einfach in ihm steckt? Oder der, der aus rationalen Gründen das Leid der Opfer nicht verhindert, obwohl er eingreifen könnte?
Cyrill Boss: Aber im Grunde sind sie beide gestört. Durch das Elternhaus.

Sie haben keine andere Wahl? In der Serie heißt es: „Jeder kann sich ändern, wenn er es will.“ Glauben Sie das? Oder sind wir determiniert?

Cyrill Boss: Das ist echt die große Frage. Ich glaube, man kann sich bis zu einem gewissen Punkt ändern, aber am Ende ist man dann doch oft Gefangener seiner Erziehung, seiner Umwelt, seiner Gene. Diese Grenze auszuloten, bis wohin kann ich mich wirklich ändern und ab wann bin ich einfach hoffnungslos fremdgesteuert, das ist das Spannende.

Wir können so offen über den Täter sprechen, weil Sie ihn früh als solchen zu erkennen geben. Warum?

Philipp Stennert: Weil wir bei der Recherche gemerkt haben: Es ist so interessant zu sehen, wie jemand überhaupt zum Täter wird. Deshalb wollten wir dieses Mal noch vor der ersten Leiche anfangen, diesem Typen zu folgen.
Cyrill Boss: Unsere Geschichten entstehen im Grunde immer über die Figuren. Für Staffel eins haben wir alle Figuren erfinden müssen. Das war viel Arbeit. Der Vorteil nun war, dass die Hauptpersonen bereits geboren waren – und wir jetzt überlegen konnten: Okay, wo gehen wir mit Gedeon Winter und Ellie Stocker hin und was hat der erste Fall aus denen gemacht?

Philipp Stennert (li.) und Cyrill Boss (re.) mit ihren Hauptdarstellern Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek.
Dreh in den Bergen: Philipp Stennert (li.) und Cyrill Boss (re.) mit ihren Hauptdarstellern Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek. © Hendrik Heiden

Hat das Schreiben deshalb noch mehr Spaß gemacht als in Staffel eins?

Cyrill Boss: Lustigerweise habe ich erst kürzlich ein Interview mit Franz Xaver Kroetz gelesen, in dem er meinte: Jemand, der sagt, „Ich hab’ so viel Spaß beim Schreiben!“, der sei ein Volldepp. (Lacht.) Und es stimmt: Schreiben ist ‘ne Qual. Man quält sich und denkt sich immer wieder: Das ist alles Dreck, was ich da geschrieben hab’!

Der Erfolgsdruck, der auf Ihnen wegen Staffel eins lastete, wird da nicht besonders geholfen haben...

Cyrill Boss: Der Grimme- und der Deutsche Fernsehpreis kamen erst, als wir schon voll in der Arbeit zu Teil zwei waren. Da waren wir so am Rotieren, dass wir keine Muße hatten, zu hinterfragen, ob das mit der ersten Staffel mithalten kann. Und nach all den Jahren in diesem Beruf ist eine Erkenntnis hilfreich – nämlich, dass man die Freude letztlich im Machen finden muss. Denn ob’s ein Erfolg wird oder nicht, ob es einen Nerv trifft, hat man nicht mehr in der Hand. Als wir jünger waren, haben wir uns das Hirn zermartert und oft diskutiert: Wieso hat das jetzt nicht funktioniert?
Philipp Stennert: Letztlich muss man den eigenen Ansprüchen gerecht werden. Und die waren in diesem Fall, mutig nicht einfach die Formeln, die in Staffel eins erfolgreich waren, zu wiederholen. Das zu tun, ist extrem verlockend. Doch wir wollten dramaturgisch neue Wege gehen und dabei die Visualität und das Setting behalten.

Die Serie spielt in der deutsch-österreichischen Grenzregion. Warum drehen Sie so gern in dieser Alpenwelt?

Philipp Stennert: Weil Wald, Berge und Seen allein schon durch ihren Anblick ein Gefühl von Bedrohung vermitteln. Ein Gefühl von: Ich weiß nicht, was sich unter dem Wasser oder dem Schnee verbirgt. Das erzeugt der Blick auf freies, plattes Land nicht.

Und wie sehr haben Sie es während der Dreharbeiten bereut, in diese verschneite Welt einzutauchen?

Philipp Stennert: (Lacht.) Interessant ist: In dem Moment, in dem man friert, aber in überwältigender Bergkulisse steht, empfindet man die Kälte nicht so. Die wirklich schlimmen Drehorte sind Plätze wie Tiefgaragen. Da zieht’s und es ist kalt und hässlich. Aber wenn das Panorama stimmt, empfindet man das nicht als schmerzhaft. Ich hoffe, dem Team ging es auch so. (Lacht.)

Zumindest erzählen alle, mit denen man spricht, dass die Arbeitsatmosphäre bei Ihnen eine ganz besondere sei. Dürfen die Schauspieler sich sehr mit einbringen?

Cyrill Boss: Immer. Wir schreiben die Figuren, entwickeln sie weiter – und dann kommt etwas ganz Wichtiges: das Casting. Mit den Schauspielern fangen unsere Figuren an zu leben. Beim „Pass“ waren alle Ensemblemitglieder so tolle Leute! Eine Julia Jentsch etwa hat viele kluge Gedanken, die hat Fragen, Vorschläge. Oder Dominic Marcus Singer: Das ist ein unheimlich schlauer Typ, der die Figur ganz schnell kapiert, aufsaugt, hinterfragt, Ideen einbringt. Da wären wir ja echt bescheuert, wenn wir die nicht aufnehmen würden.

Wie sehr mögen Sie Ihre Figuren eigentlich?

Philipp Stennert: Im Grunde mag man sie alle. Selbst für die ganz schlimmen muss man Empathie haben, um sie schreiben und inszenieren zu können. Und: Das Böse fällt nicht vom Himmel. Es ist immer von irgendwas ausgelöst. Boss: Menschen sind extrem komplex, jemand kann heute ein widerlicher Egoist sein und morgen ein Opfer. Es gibt nicht schwarz-weiß. Jeder hat seine Geschichte.

„Der Pass 2“ ist ab 21. Januar 2022 in Doppelfolgen auf Sky One sowie als komplette Staffel bei Sky Ticket und Sky Q zu sehen.

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