Diplom-Psychologe erklärt's

Faszination "Tatort": Darum lieben wir den ARD-Krimi

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Ermitteln Hand in Hand: Eva Mattes und Roland Koch

München - Der "Tatort" ist beliebter denn je. Regelmäßig knackt er die Zehn-Millionen-Zuschauer-Marke. Diplom-Psychologe Stephan Lermer erklärt, warum wir den ARD-Krimi lieben.

Nie war der Tatort so erfolgreich wie heute. Scheinbar mühelos erreicht er immer wieder die zehn Millionen ­Marke und beschert der ARD Quoten, von denen andere nur noch träumen können. Dabei sah es Ende der 90er-Jahre eher so aus, als habe die Krimireihe ihre besten Zeiten hinter sich. Doch das Auslaufmodell verwandelte sich erneut zur echten Wunderwaffe. Was ist das ­Erfolgsrezept des Krimiklassikers, der sich am Sonntag mit dem BodenSee-Tatort: Letzte Tage in die Sommerpause verabschiedet? tz-Reporterin Susanne Sasse sprach darüber mit dem Münchner Diplom-Psychologen Stephan Lermer, der sich schon auf die neuen Fälle ab dem 18. August freut.

Herr Lermer, haben Sie eine Erklärung ­dafür, dass regelmäßig über zehn Millionen Deutsche am Sonntagabend „Tatort“ schauen?

Stephan Lermer: Auch im Buchhandel sind ­Krimis ja neben Kochbüchern die Verkaufsschlager schlechthin. Das liegt zum einen an der sogenannten Angstlust. Das ist dosierbarer Kitzel, angsteinflößend aber nicht lebensbedrohlich. Der Grund, aus dem wir auf der Wiesn für die Achterbahn zahlen. Zudem fiebern wir mit, wissen aber, dass wir jederzeit aussteigen können.

Es gibt unzählige TV-Krimis – warum ist ausgerechnet der „Tatort“ so beliebt?

Lermer: An sich ist das ja eine sehr staatstreue Krimiserie, erzählt aus der Sicht der Kommissare. Den Kriminellen wird klargemacht: Ihr habt keine Chance. Überspitzt gesagt: Der Münsteraner Pathologe findet anhand einer Wimper auch die Telefonnummer des Verbrechers heraus. Die Zuschauer sind Voyeure beim bösen Geschehen und haben gegenüber den Kommissaren immer ein wenig Wissensvorsprung. Damit ist der Tatort vergleichbar mit Straßenfegern von früher wie dem Stahlnetz. Er setzt auf den Wiedererkennungseffekt und darauf, dass die Zuschauer dabei sein wollen. Es macht Spaß, mitzuermitteln und am nächsten Tag mit den Kollegen den Fall zu analysieren.

Ist „Tatort“schauen dann eine Art gemeinschaftliches Ritual?

Lermer: Richtig. Wir Menschen wohnen ja in Gewohnheiten. Deshalb freut man sich vorher schon auf das lieb gewonnene Tatort-Ritual. Weil Vorfreude eine der größten Glücksquellen ist, gibt es den sogenannten Adventseffekt. Und man muss bedenken, dass der Sonntagnachmittag einer der größten Krisenzeitpunkte in einer Woche ist. Am Samstag war man im Baumarkt oder bummeln, am Sonntag schläft man aus und langweilt sich. Die meisten Scheidungsgespräche wer­den Sonntagnachmittag geführt. Da tut es gut, wenn man gemeinsam den ­Tatort anschaut.

Der „Tatort“ als ­Scheidungsverhinderer?

Lermer: Das könnte man so sagen. Die Tatort-Teams sind ja auch immer schwierige Zweierkombinationen. Da kracht es regelmäßig, aber am nächsten Morgen wird wieder zusammengearbeitet. Die Teams haben eine Gruppendynamik wie in einer Ehe, letztlich ist alles immer von Liebe und Humor getragen. Man reibt sich, aber man braucht einander, wie viele Ehepartner auch. Außerdem verbindet das Tatortschauen, weil gemeinsame Angst zusammenschweißt. Mein Rat in Ehekrisen: Tatort schauen oder gemeinsam Achterbahn fahren. Das verbindet ungemein.

Tatort: Letzte Tage

Auf der Autofähre zwischen der Schweiz und Konstanz stirbt ein Mann. War es Selbstmord? Schließlich hatte das leukämiekranke Opfer nicht mehr lange zu leben. Oder steckt ein handfester Pharmazieskandal dahinter? Bevor der Fall am Bodensee geklärt werden kann, streiten Klara Blum und ihr Schweizer Kollege um die Zuständigkeit.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

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