Kritik

„Tatort“ ohne Täter - Was ist aus dem klassischen Tatort geworden?

Das Ende der Folge blieb offen – das passiert nicht zum ersten Mal in der Geschichte der ARD-Krimireihe. Ist aber umso ärgerlicher für die Zuschauer. 

München - 102 Wochen, fast zwei Jahre also, gab es keinen eigenen Fall für „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm. Zuletzt zu sehen war Maria Furtwängler in dieser Rolle vergangenen November im 1000. „Tatort“, dem Jubiläumskrimi, an der Seite von Axel Milberg als Borowski. Am gestrigen Sonntag war sie wieder allein im Einsatz. Und dann das: ein offenes Ende, am Schluss kein Täter. Gab es bei Deutschlands beliebtester TV-Reihe schon öfter Krimis wie „Der Fall Holdt“?

„Allerdings“, sagt in Mannheim der Experte François Werner von „Tatort-Fundus.de“, der alle 1034 Krimis der Reihe seit 1970 kennt. „Es gibt ein paar Folgen ohne Täter oder Täterin. Die Macher setzen das Mittel aber eher selten ein, denn es verärgert viele Zuschauer, weil es das Bedürfnis nach einem beruhigenden Ende, bei dem Recht und Ordnung wiederhergestellt sind, durchkreuzt.“

Münchner Team führt bei Tatorten ohne Täter

Vergleichsweise häufig gab es solche Folgen beim Münchner Team Batic/Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) – zuletzt erst vor einem Jahr in dem großartigen Film „Die Wahrheit“, in dem ein Unbekannter einen Familienvater ersticht.

Ende 2012 hatte auch die Folge „Der tiefe Schlaf“ vom BR ein offenes Ende. Sie blieb vielen wegen Fabian Hinrichs in seiner Rolle als Assistent Gisbert in Erinnerung. In jenem Film ist sich Leitmayr zwar wegen eines verdächtigen Räusperns sicher, einen Mann als Täter zu erkennen – aber bei der Verfolgung durch einen Wald läuft der mutmaßliche Mörder vor ein fahrendes Auto und ist tot.

Legendär ist außerdem der Krimi „Frau Bu lacht“ (1995) von Dominik Graf. Darin verschleppen Batic und Leitmayr bewusst die Ermittlungen, sodass die Mörderin ungestört nach Thailand fliehen kann. Einen laufengelassenen Täter hatte übrigens bereits der erste „Tatort“ überhaupt – die Folge „Taxi nach Leipzig“ von 1970. Offene Enden hatten auch der Berliner Fall „Die kleine Kanaille“ (1986) und der Berliner Krimi „Vielleicht“ (2014; in dem zumindest einer von mehreren Tätern entkam) sowie der Frankfurter Krimi „Weil sie böse sind“ (2010).

Die Kommissare tappen im Dunkeln

In „Weil sie böse sind“ mit dem Ermittlerduo Sänger und Dellwo (Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf) weiß der Zuschauer genau, dass die Figur Rolf Herken (Milan Peschel) ein dreifacher Mörder ist, auch wenn alle Taten eher zufällig geschehen. Die Kommissare tappen aber völlig im Dunkeln. Sie begegnen ihm nicht, am Ende laufen sie an ihm vorbei, ohne einen blassen Schimmer zu haben. Der Fall geht ans LKA.

Bei einem Krimi mit Ulrike Folkerts – „Der Wald steht schwarz und schweiget“ (2012) – blieb die Täterfrage bewusst offen und der Südwestrundfunk (SWR) machte daraus ein Online-Spiel. Die Mitmachlust der Zuschauer jenseits des Fernsehers blieb allerdings verhalten.

Vielen in Erinnerung, auch wegen der Fortsetzung vor zwei Jahren („Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“), ist der Krimi „Borowski und der stille Gast“ (2012), in dem der Frauenmörder Kai Korthals (eindrucksvoll: Lars Eidinger) am Ende vermeintlich schwer verletzt aus einem Notarztwagen fliehen kann.

In den Ludwigshafener Folgen „Der Präsident“ (2001) und „Sterben für die Erben“ (2007) gab es laut „Tatort“-Experte Werner dagegen keinen gefassten Täter, weil sich das Ganze als Suizid entpuppte.

Ende gut, alles gut

Auch wenn jetzt aktuell über Experimente beim „Tatort“ debattiert wird: Außergewöhnliche Filme gab es in der Reihe eigentlich schon immer. Es scheint aber eine neue Sensibilität und Lust an der Kritik zu geben. Nicht zuletzt in sozialen Netzwerken äußern Zuschauer ihren Unmut darüber, dass der früher angeblich verlässliche Sonntagskrimi zu oft kein normaler Krimi mehr sei. Es gebe kaum noch „Tatort“-Filme nach traditionellem Schema. Sprich: ein Mordopfer, Verhöre durch die Kommissare, Zuschauer können mitraten, schließlich eine überraschende Wende und dann die Täterentlarvung – Ende gut, alles gut.

Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der TU Dortmund, der schon Studien zum „Tatort“ verfasste, sagt übrigens, seine Untersuchung zu den „Tatort“-Krimis des Jahres 2015 habe ergeben, dass mehr als 90 Prozent der Folgen ganz klassisch mit einem Tötungsdelikt begannen und am Ende der Kriminalfall ganz normal aufgelöst worden sei.

Gregor Tholl

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