Schauspieler vor TV-Ausstrahlung im Interview

Thieme: "Hoeneß war die emotionalste Rolle meines Lebens"

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Verblüffende Ähnlichkeit: Schauspieler Thomas Thieme rechts als Uli Hoeneß im Gerichtssaal, links das "Original".

München - Im ZDF-Doku-Drama "Uli Hoeneß – Der ­Patriarch" verkörpert Thieme den ehemaligen Präsidenten des FC Bayern. Vor der Ausstrahlung trafen wir ihn zum Interview.

Er ist einer der großartigsten Schauspieler, die es im deutschsprachigen Raum gibt. Thomas Thieme verleiht jeder (!) Rolle etwas ganz Eigenes, Besonderes, ja, etwas Bleibendes. Ganz gleich, ob er einen zynischen Minister in Das Leben der Anderen gibt, Helmut Kohl darstellt oder in verschiedensten, stets hochwertigen Fernsehspielen vor der Kamera steht – es ist immer ein Vergnügen, dem 66-Jährigen bei der Arbeit zuzuschauen.

Sein neuester Coup: In dem ZDF-Doku-Drama Uli Hoeneß – Der ­Patriarch verkörpert Thieme, übrigens selbst Fußballfan und Trainer der Theatermannschaft FC Energie Schaubühne 97 („Einer unserer wichtigsten Spieler ist Lars Eidinger!“), den ehemaligen Präsidenten des FC Bayern. Es war, sagt Thieme, „die emotionalste Aktion“ in seinem Leben als Schauspieler. Was ihn an der Figur Hoeneß so fasziniert, wie er sich der Rolle genähert hat und was er dem 63-Jährigen ins Stammbuch schreiben würde, verrät er im Interview.

"Uli Hoeneß – Der Patriarch": Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDF

Herr Thieme, wie stehen Sie zu Uli Hoeneß? Was ist er für Sie? 

Thomas Thieme: Ich tue mich schwer mit einer eindeutigen Haltung zu Uli Hoeneß. Natürlich – er hat gegen die Gesetze verstoßen. Sonst hätte man ihn nicht eingesperrt. Aber er ist mir durchaus auch sympathisch. Mir würden jedenfalls Leute in der Gehaltsklasse von Hoeneß einfallen, die ich lieber hinter Gittern sehen würde als ihn. Ich nenne keine Namen. Aber ihm wünsche ich das Leben im Gefängnis nicht.

Was macht ihn so sympathisch?

Thomas Thieme: Er ist ein Mensch! Ich halte ihn sogar für einen bedeutsamen Menschen. Für einen Robin Hood, der uns, der vielen in seinem Umfeld, viel gegeben hat. Er selbst hat ja gerne vom sogenannten „kleinen Mann“ gesprochen, der etwas zu essen haben müsse. Ich meine, das ist O-Ton Robin Hood.

In der Rolle hat sich Hoeneß am liebsten gesehen. 

Thomas Thieme: Ja, es ist sicher auch nur eine seiner Spielarten, aber die hat er ausgefüllt. Mich berührt an ihm auch, dass er mit über 60 Jahren dieser rote Stier geblieben ist, der immer noch durch die Wand rammelt. Solche Typen gibt es heute kaum noch. Es gibt nur noch Wegducker und Rumschleimer.

Das klingt, als hätten Sie geradezu Mitleid. Dass dieser Stier nun ein gutes halbes Jahr hinter Gittern saß und inzwischen Freigänger ist …? 

Thomas Thieme: Mitleid ist zu viel gesagt. Aber die emotionale Fallhöhe ist bei Uli Hoeneß einfach wahnsinnig hoch und die überträgt sich auf den, der ihn spielt, also in diesem Fall auf mich.

Sie mussten nicht lange überlegen, als das Angebot kam, ihn zu spielen, oder? 

Thomas Thieme: Keine Minute. Der Produzent sollte das jetzt nicht hören oder lesen, aber ich hätte die Rolle auch umsonst gespielt (lacht). Ich wollte ihn unbedingt spielen und es war am Ende möglicherweise die emotionalste Aktion in meinem Leben als Schauspieler.

Ernsthaft? 

Thomas Thieme: Ja, das könnte gut sein. Mir fällt im Moment jedenfalls kein Vergleich ein. Hoeneß zu spielen war für mich beispielsweise viel emotionaler als damals ­Helmut Kohl.

Weil Sie zu Kohl keine Verbindung hatten?

Thomas Thieme: Vor allem, weil Kohl nicht so ein Typ ist wie Hoeneß. Kohl konnte sehr von oben herab sein. Natürlich ist er auch ein Mann aus dem Volk, gekennzeichnet schon durch seine Sprache. Aber Kohl hat etwas sehr Hochfahrendes, etwas sehr Niederbretterndes. Hoeneß ist das vielleicht auch nicht fremd, aber bei ihm kommt es aus dem Bauch heraus und ist nicht bösartig kalkuliert.

Sie haben auf einer Pressekonferenz gesagt, dass Sie Uli Hoeneß für den Film nicht kopieren wollten. Gleichwohl haben Sie Mimik und Gestik sehr genau studiert und sind ihm dadurch durchaus ähnlich geworden. 

Thomas Thieme: Ja, das ist für mich kein Widerspruch. Hoeneß hat zum Beispiel eine wesentlich höhere Stimme als ich. Wahrscheinlich zwei Oktaven höher. Und wenn er sich aufregt und laut wird, dann wird seine Stimme noch höher. Das hätte man natürlich kopieren können, aber das verbot sich für mich, weil es bei mir nicht diese Wirkung haben würde wie bei ihm. Wenn ich mich als Hoeneß errege, dann mit meiner Stimme, sonst ist es eine Knallcharge. Sonst ist es nicht mehr Thieme, und wenn es nicht mehr Thieme ist, dann wird es schon lange nicht Hoeneß. Ziemlich komplex, was? (lacht).

Allerdings! 

Thomas Thieme: Es ging mir darum, mich in diesen Menschen einzufühlen. Mein Ziel war es, herauszufinden, was in dem Mann vorgeht, was in diesem dicken Bauch vorgeht, das wollte ich zeigen und spielen.

Haben Sie ein Beispiel?

Thomas Thieme: Ich bin zum Beispiel überzeugt davon, dass die Reue, die er gezeigt hat, ehrlich ist. Abgesehen davon: Wenn Uli Hoeneß nicht Uli Hoeneß wäre, sondern einmal von außen auf sich schauen könnte – er würde mit dem Kopf schütteln! Hoeneß ist doch viel zu intelligent, um so eine Handlungsweise, so ein Verhalten, wie er es an den Tag gelegt hat, einfach abzunicken.

Sie haben Uli Hoeneß nie persönlich getroffen. Würden Sie ihn gerne kennenlernen? 

Thomas Thieme: Ja klar würde ich ihn gerne treffen – wenn er noch mit mir spricht nach der Ausstrahlung. Wer weiß das schon?

Nach allem, was Sie über Hoeneß erfahren haben – glauben Sie, er kommt zurück auf die große Bühne? 

Thomas Thieme: Ja, leider. Ich würde, wenn ich ihn beraten müsste – dringend davon abraten.

Was sollte er Ihrer Meinung tun? 

Thomas Thieme: Ich kann ihm hier an dieser Stelle ja ­etwas ins Stammbuch ­schreiben, vielleicht liest er es.

Dann mal los. 

Thomas Thieme: „Mach es nicht, Uli! Eine Reprise, das weiß ich aus meinem Beruf, ist immer Scheiße.“ Das kann man wirklich so sagen. Nach vier Jahren kommt ja nicht der alte Hoeneß wieder. Es kommt ein anderer, ein möglicherweise wesentlich gereifter, viel besserer Hoeneß. Ich sage trotzdem: „Tu dir das nicht noch mal an, Uli, mach was Schönes anderes! Du bist doch intelligent, hast Charisma und jetzt, wie ich höre, auch noch 20 Kilo weniger (lacht). Also – neues Spiel, neues Glück!“

Neues Spiel, neues Glück? Was könnte das sein?

Thomas Thieme: Ja, was könnte das sein? Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte er sich einfach in sein schönes Haus in Bad Wiessee auf die Terrasse setzen, guten Rotwein trinken und Goethe lesen. Sein Verstand reicht dafür aus. Ja, er sollte die großen Philosophen lesen … Das würde ich als alter Mann jedenfalls gerne machen. Deswegen empfehle ich es ihm auch.

Interview: Stefanie Thyssen

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