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Milchprodukte: Der Schwindel mit der Almidylle

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Molkereiprodukte aus Bayern: Doch wo kommt die Milch, aus denen sie gemacht sind, wirklich her? © ZDF/Katarina Schickling

München - Über 50 Liter Milch und 20 Kilo Käse verbrauchen die Deutschen pro Kopf pro Jahr. ZDFzoom deckt jetzt auf, dass die Idylle der Verpackung meistens nichts mit dem Inhalt zu tun hat.

Viel bezahlen wollen die meisten für ihre Molkereiprodukte

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Katarina Schickling

nicht. Müssen sie auch gar nicht. Im Supermarkt gibt es Joghurt, Butter und Co. zu Kampfpreisen. Für schlappe 48 Cent wandert ein Liter Milch in den Einkaufswagen – die Almidylle inklusive. Schließlich suggerieren uns die Verpackungen das Bild von glücklichen Kühen unter weißblauem Himmel. Wie viel Schwindel mit dem Grundnahrungsmittel betrieben wird, zeigt die ZDF­zoom-Reportage von Katarina Schickling am Dienstag. Die tz sprach mit der Münchner Autorin über die Tricks der Molkereien.

Frau Schickling, in den 50er-Jahren gab es noch 3000 Molkereien, heute sind es gerade mal 100. Wer sind denn die größten?

Katarina Schickling: Es gibt das Deutsche Milchkontor, die Hochwald-Gruppe und Müller – das sind die ganz Großen, die allein schon 40 Prozent der Milch aus Deutschland verarbeiten. Das sind Riesenkonzerne, die unter ihrem Dach einzelne Marken vereinen. So gehört Bärenmarke beispielsweise zu Hochwald und Weihenstephan zu Müller.

Und diese Giganten bestimmen den Markt?

Schickling: Das ist das Problem, dem viele Bauern gegenüberstehen: Früher gab’s in jeder Region mehrere Molkereien, unter denen die Landwirte wählen konnten. Heute haben sie es mit enorm großen und mächtigen Verhandlungspartnern zu tun, die ihnen den Milchpreis diktieren wollen. Wer 38 Cent pro Liter raushandelt, hat Glück.

Der Milchpreis ist das ­eine – Sie haben aber auch die Endprodukte unter die Lupe genommen und dabei welche Erkenntnis gewonnen?

Schickling: Ich bin immer davon ausgegangen: Wenn es ein klassisches regionales Produkt gibt, dann wird es ja wohl die Milch sein. ­Allein schon wegen ihrer Verderblichkeit. Bei meinen Recherchen habe ich dann aber überrascht festgestellt, dass Milch europaweit durch die Gegend gefahren wird. Wir haben zum Beispiel vor der Weihenstephaner Molkerei einen Milchtransporter aus Polen gefilmt. Damit die Milch nicht verdirbt, wird sie in ihre Komponenten zerlegt – in Rahm und in Magermilchkonzentrat. Die Molkerei mischt sich dann am Ende wieder das zusammen, was sie braucht.

Als Verbraucher glaubt man ja immer noch an die Kuh, die auf der Weide steht.

Schickling: Das ist ja auch das Bild, das uns auf den Verpackungen vermittelt wird. Es ist ja nicht gesagt, dass die Milch schlechter ist, nur weil sie woanders herkommt. Das Ärgerliche für uns Kunden ist nur, dass wir kaum Chancen haben, den Herkunftsort herauszufinden.

Ist denn der Preis eine Richtlinie für die Qualität der Milch?

Schickling: Grundsätzlich ist natürlich klar, dass ich für 48 Cent keine Milch von Kühen kriegen kann, die glücklich auf Almwiesen gegrast haben. Und trotzdem sind die Regale mit der Billigmilch in den Supermärkten am schnellsten leer. Wir haben allerdings auch teurere Milch im Labor getestet, die qualitativ nicht besser war.

Was also kann ich als Verbraucher tun, um ein ordentliches Produkt einzukaufen?

Schickling: Sie müssen die Texte auf den Verpackungen sehr genau lesen, um nicht reinzufallen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Milch von Berchtesgadener Land. Da steht auf der Verpackung, was die Kühe gefressen haben und dass sie auf der Weide standen. Darauf kann man sich dann tatsächlich auch verlassen, weil der Gesetzgeber streng darauf achtet, dass diese Texte der Wahrheit entsprechen. Oft stehen aber auch Sachen drauf, die nur ein bestimmtes Bild in unseren Köpfen entstehen lassen. Ein Beispiel ist die Alpenmilch von Weihenstephan oder die Alpenfrische Milch von Bärenmarke, da erwartet man auch, dass sie von Kühen kommt, die auf Bergwiesen geweidet haben. Im Text auf der Packung steht aber nur „von Höfen aus den Alpen und dem Alpenvorland“. De facto bedeutet das: Es handelt sich um Milch von Kühen, die in einem Stall in der Nähe der Alpen stehen. Es kann sein, dass die noch nie in ihrem Leben eine Wiese gesehen haben. Das ist juristisch nicht anfechtbar und ziemlich geschickt gemacht.

Schlägt sich denn die ­Haltung der Tiere in der Qualität der Milch nieder?

Schickling: Auf jeden Fall. Wir haben sie an der Uni Jena testen lassen. Milch von Kühen, die an der frischen Luft geweidet haben und nicht mit Kraftfutter im Stall versorgt wurden, geben eine hochwertigere Milch, die mehr Omega-3-Fettsäuren enthält. Da lohnt es sich, genau hinzuschauen.

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