Abeer Pamuk (SOS Kinderdörfer) im tz-Interview

Sie hilft den Kriegskindern in Aleppo

Abeer Pamuk arbeitet für SOS-Kinderdörfer.

München - Abeer Pamuk (23) aus Aleppo arbeitet für die Organisation SOS-Kinderdörfer in Syrien. Mit der tz sprach die mutige junge Frau über ihre Erfahrungen.

Abeer Pamuk lässt die Kinder von ihren Erlebnissen erzählen.

Es ist die dritte Woche eines – wenn auch wackligen – Waffenstillstandes in Syrien. Die Genfer Verhandlungen über die Zukunft des Bürgerkriegslandes sind gerade wieder angelaufen, und am Montag überraschte Russlands Präsident Wladimir Putin mit der Nachricht, er werde seine Soldaten abziehen. Zeichen der Hoffnung, auf die das gebeutelte Land fünf Jahre lang warten musste. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor den Gefechten zwischen Baschar al-Assads Truppen und den Rebellen, vor den Anschlägen der Terrormiliz Islamischer Staat und anderer Dschihadisten, auch vor den Angriffen der Russen und Amerikaner. Buchstäblich an der Front war fast die ganze Zeit Abeer Pamuk (23) aus Aleppo. Sie arbeitet für die Organisation SOS-Kinderdörfer in Syrien. Mit der tz sprach die mutige junge Frau über ihre Erfahrungen.

Wie fühlt sich der Waffenstillstand in Ihrer Heimat an?

Abeer Pamuk (23), Mitglied des Nothilfe-Teams von SOS-Kinderdörfer in Syrien: Ich war erst vor einigen Tagen in Aleppo. Es ist wunderbar, dass es bei den Friedensgesprächen in Genf gelungen ist, eine Feuerpause zu erreichen. Die Menschen sind so müde und erschöpft vom Bürgerkrieg. In den ersten Tagen haben Facebook-User versucht, Vogelgezwitscher aufzunehmen und zu posten. Sie schrieben, wie schön es ist, nicht vom Lärm der Explosionen aufzuwachen, sondern morgens friedliche Geräusche zu hören. Dieser Waffenstillstand gibt den Menschen Hoffnung.

Erkennen Sie in Aleppo überhaupt noch die Stadt Ihrer Kindheit?

Pamuk: Kaum. 90 Prozent der Orte, die wir früher besucht haben, gibt es nicht mehr oder sie sind nicht mehr zugänglich. Aber die Bürger haben immer verzweifelt versucht, das öffentliche Leben und ein wenig Normalität aufrecht zu erhalten, zum Beispiel mit kleinen Läden oder Märkten. Aber wie im 21. Jahrhunderts fühlt man sich nirgends.

Haben Sie noch Familie in Aleppo?

Pamuk: Ja, meine Mutter und mein Bruder sind immer noch dort.

Haben Sie Verwandte und Freunde verloren?

Abeer Pamuk.

Pamuk: Ich habe keine große Familie, aber viele meiner Freunde sind in den letzten Jahren ums Leben gekommen. Kurz nachdem ich mein Studium begonnen habe, nahm die Al Nusra-Front die Straße ein, in der ich lebte. Deshalb bin ich damals für sechs Monate zu meiner Tante in den Libanon gezogen. Als ich 2013 zu einer Prüfung zurück an die Uni in Aleppo musste, gab es am ersten Examenstag zwei riesige Explosionen. Viele Freunde waren unter den Toten. An diesem Tag beschloss ich, mich einer humanitären Organisation in Syrien anzuschließen.

Das bedeutete wohl eine Änderung Ihrer Lebensplanung – Ihr Studienfach war doch Englische Literatur!

Pamuk: Trotzdem war es das eigentlich nicht. Ich hatte früher immer davon geträumt, in Länder wie den Südsudan zu gehen und dort zu helfen. Dass eine solche Katastrophe mein eigenes Land überrollen würde – daran habe ich natürlich nie gedacht! So jedenfalls kam ich zum SOS-Kinderdorf, zunächst in Aleppo.

Waren Sie direkt in der Kinderbetreuung tätig?

Pamuk: Ja. Ein Teil meiner Aufgabe war es, die Schicksale der Kinder zu dokumentieren, auch in einem Blog. Ich beschreibe den Zustand der Jungs und Mädchen – einmal, wenn sie zu uns kommen, und dann ein halbes Jahr später.

Der Betreuungsbedarf muss riesig sein!

Pamuk: Deshalb werden im Programm SOS-Nothilfe Kinder aufgenommen, deren Eltern tot sind oder von ihnen getrennt wurden. Manche der Kleinen wachen im Krankenhaus oder irgendwo in einem Hinterhof auf und wissen nicht, was passiert ist. In zwei Häusern in Damaskus und einem in Aleppo werden diese traumatisierten Kinder zumindest vorübergehend versorgt. Sie bekommen ein Bett, Essen, Unterricht und auch psychosoziale Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten. Wenn wir die Eltern wieder finden, sind die nicht nur froh, ihre Kinder wieder zu haben, sondern auch erstaunt, wie gesund sie plötzlich wieder aussehen.

Das würde man den Kindern in der belagerten Stadt Madaja wünschen. Sie waren Ende Januar dabei, als nach Monaten erstmals Hilfsorganisationen erlaubt wurden.

Pamuk: Ich habe in Syrien viel Schreckliches gesehen, vor allem an der Front in Aleppo. Aber das Schlimmste, das man Menschen antun kann, ist sie in der Falle sitzen zu lassen, und sie als Geiseln zu benutzen! Zivilisten auszuhungern ist das Abscheulichste, das man sich vorstellen kann. Die Kinder in Madaja waren abgemagert, ihre Haare dünn, ihre Nägel brüchig, ihre Zähne zum Teil schwarz. Ihr Zahnfleisch blutete.

Hat sich die Situation dort seither verbessert?

Pamuk: Eine Reihe von Organisationen wie z. B. das Rote Kreuz versorgen die Stadt mit Nahrung und Hilfsgütern. Die Menschen kochen aber den Reis nur in winzigen Portionen – weil sie in der ständigen Furcht leben, dass die Versorgungsroute wieder abgeschnitten wird. Die Belagerung hält ja an. Alle hoffen auf einen wirklichen Friedensplan.

Wie groß ist Ihre Angst, wenn Sie unterwegs sind?

Pamuk: Jeder hat Angst. Die Straße von Damaskus nach Aleppo ist eine der gefährlichsten Strecken der Welt. Früher dauerte die Fahrt höchstens vier Stunden, jetzt 18. Manchmal ist die Weiterfahrt auf dieser einzigen Versorgungsroute gar nicht möglich. 2013 war ich einen Monat in Aleppo eingeschlossen; die Straße war gesperrt. Deshalb weiß ich genau, wie es sich anfühlt, wenn man in der Falle sitzt. Nach einer Woche Sperre gab es keinen Lebensmittelnachschub, kein Benzin, es war sehr beklemmend. Man kann für eine kurze Zeit den Krieg, die Kugeln und Explosionen vergessen, wenn man das Glück hat, noch eine Wohnung zu haben. Aber den Hunger spürt man immer.

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