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Wie gefährlich sind Affenpocken? Virologin Ciesek erläutert ausführlich die aktuellen Kenntnisse

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Von: Anna Lorenz

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Erst Corona, jetzt Affenpocken. Das Virus taucht weltweit auf, doch wie gefährlich ist die Krankheit? Expertin Sandra Ciesek erklärt Ansteckung, Symptome, Therapie und den Fall, der den Virologen Angst macht.

Frankfurt am Main – Die Affenpocken sind in Deutschland angekommen. Kaum erscheint die Corona-Pandemie halbwegs überstanden zu sein, taucht ein neues, epidemisches Virus in Europa auf. Die Fallzahlen steigen täglich, ein Zusammenhang der Infektionen, die mittlerweile bis in die USA reichen, ist nicht erkennbar. WHO und RKI warnen, erste Länder verhängen Quarantäne über Erkrankte, im Krankenhaus werden Patienten streng isoliert. Verständlicherweise stellt sich in der öffentlichen Diskussion daher die Frage: Wie gefährlich sind Affenpocken wirklich?

Virologin Sandra Ciesek ist seit 15 Jahren in der Forschung tätig, vor den Affenpocken-Fällen beschäftigte sie sich zuletzt vor allem mit dem Coronavirus. Auf Twitter stellte die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt nun wichtige Informationen rund um Affenpocken zur Verfügung und sich damit der Frage, die sich aus der öffentlichen Diskussion gegenwärtig herauszukristallisieren scheint: Sind Affenpocken eine Art Corona-Ersatz-Besorgnis oder aber eine echte Gefahr?

Gefährlich? Affenpocken: Expertin Ciesek über Gefahren, Verlauf und Symptome des Virus

„Leider ja“, so lautet die Antwort der Virologin auf die Frage, inwiefern das zoonotische Virus, das eine Übertragung zwischen Tier und Mensch, aber auch bei Menschen untereinander zu vollziehen im Stande ist, mit Komplikationen oder schweren Verläufe einhergehen kann. Ciesek, die ihren Beitrag unprätentiös und informativ hält, weist darauf hin, dass nicht nur die durch Pocken betroffenen Hautstellen das Risiko von Entzündungen und Bakterieninfektionen mit sich bringen. Im Falle einer Augeninfektion sei sogar ein Verlust des Sehvermögens zu befürchten. Eine weitere, aber seltene Erschwernis, die eine Affenpocken-Erkrankung bewirken könne, sei eine Lungenentzündung. Auch Todesfälle hätte es bei vergangenen Virus-Ausbrüchen in Afrika gegeben – die Rate von bis zu zehn Prozent sei „aber nicht auf unsere Lebensbedingungen übertragbar“, so die Expertin.

Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt sowie Professorin für Medizinische Virologie an der Goethe-Universität, steht im Labor und blickt in die Kamera.
Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, sowie Professorin für Medizinische Virologie an der Goethe-Universität, gibt umfassende Informationen über das Affenpocken-Virus. © Sebastian Gollnow picture alliance/dpa

Im Vergleich zu dem Coronavirus haben Affenpocken, medizinisch betrachtet, jedoch einen entscheidenden Vorteil – zwar gehen sie ebenfalls mit „Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit“ einher, doch, so die Virologin, „zusammen mit charakteristischen Hautveränderungen“. Die Pocken, die „flach oder leicht erhaben [...], [sowie] mit einer klaren oder gelblichen Flüssigkeit gefüllt sein“ können, treten „vor allem im Gesicht, an den Handflächen und Fußsohlen auf.“ Weiterhin können sich die Läsionen „auch am Mund, an den Genitalien und an den Augen“ zeigen. Nichtsdestotrotz: Die Pocken machen die Infektion sichtbar.

Affenpocken wirklich so schlimm? Virologin rät: „Entsprechende Hauterscheinungen untersuchen lassen“

Allerdings seien „Hautausschlag, Körperflüssigkeiten (wie Flüssigkeit, Eiter oder Blut aus Hautläsionen) und Schorf“, bedauerlicherweise auch besonders ansteckend. Die Infektiösität bestehe, so Ciesek, während der Dauer der Symptome. Affenpocken, die eine Inkubationszeit „zwischen 7 und 14 (-21) Tagen“ haben, plagten Erkrankte gewöhnlich zwischen zwei und bis zu vier Wochen lang; Menschen mit Immunschwäche seien besonders gefährdet, sich mit dem Virus zu infizieren.

„Die Übertragung vom Tier auf den Menschen kann durch Tierbiss oder durch direkten Kontakt mit den Körperflüssigkeiten eines infizierten Tieres erfolgen“, informiert Ciesek. Diesen Ansteckungsweg könne das Virus auch zwischen Menschen beschreiten, denn „auch der Speichel kann infektiös sein, wenn der Patient z.B. entsprechende Läsionen im Mund hat.“ Um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, ist laut der Virologin daher ein Bewusstsein für die Bedeutung des Affenpocken-Virus hinsichtlich der Gesundheit wünschenswert.

„Wichtig ist, dass man daran denkt, bei entsprechenden Hauterscheinungen auf Affenpocken zu untersuchen (Awareness). Das können verschiedene virologische Institute in Deutschland.“ Um herauszufinden, ob es sich bei fragwürdigen Hautausschlägen um Affenpocken handelt, werde mit PCR-Testungen – bereits seit dem Coronavirus allgemein bekannt – und Elektronenmikroskopen gearbeitet.

Affenpocken: Epidemische Gefahr oder schlicht ein Virus? Expertin Ciesek erklärt weltweite Besorgnis der Virologen

Die umfassenden Informationen, die Ciesek in ihrem Beitrag bereitstellt, machen deutlich: Eine Infektion mit Affenpocken ist zwar kein medizinisches Neuland, aber definitiv auch keine wünschenswerte Erkrankung. Die Lehren der Corona-Pandemie, die kollektiv ein erhöhtes Bewusstsein für die potenziellen Auswirkungen einer Epidemie geschaffen haben, führen daher zu der Frage: Ist nach Covid nun eine Pandemie der Affenpocken denkbar?

„Immer wieder werden Menschen mit Affenpocken in anderen Ländern identifiziert, nachdem sie aus Regionen gereist sind, in denen die Affenpocken endemisch sind. Zwischen 1970 und 1986 konnten z.B. über 400 Fälle beim Menschen nachgewiesen werden“, betont die Virologin. Auch 2003 sei durch verunreinigte Importe von Nagetieren ein „Affenpocken-Ausbruch in den USA mit 71 Fällen in 6 Staaten“ provoziert worden. Die Erkrankung ist bekannt, die symptombezogene Therapie erprobt – seit Januar 2022 kann in Extremfällen sogar „ein Vaccinia-Immunglobulin (VIG) eingesetzt werden“, also ein Medikament, das aus dem Blut gegen Pocken Geimpfter hergestellt wurde.

Dies basiert auf dem Umstand, dass „der ursprünglichen Pockenimpfstoff [...] nicht mehr erhältlich [ist].“ Da die Pocken lange Zeit als besiegt galten, wurde das Vakzin, das teils heftige Nebenwirkungen mit sich brachte, nicht mehr verabreicht und die Produktion eingestellt. „Menschen unter 40/50 Jahren sind somit in der Regel nicht geimpft“, zieht die Institutsdirektorin das folgerichtige Fazit. Allerdings muss man bei der Wiederverfügbarmachung eines Vakzins gegen Affenpocken nicht noch einmal von vorne beginnen. „In der EU ist ein Pocken-Impfstoff zugelassen, der modifiziertes Vacciniavirus Ankara (MVA) beinhaltet. In UK wird engen Kontaktpersonen derzeit eine Impfung angeboten.“

So betrachtet, erscheint die Medizin selbst im Falle des großflächigen Ausbruchs von Affenpocken um ein Vielfaches besser gewappnet als dem Corona-Virus gegenüber. Die Besorgnis der Virologen rührt allerdings daher, dass – im Vergleich zu früheren Affenpocken-Fällen, in denen die Infektionskette regelmäßig nachvollziehbar war – die gegenwärtig weltweit auftauchenden Infektionen in keinem erkennbaren Zusammenhang miteinander stehen.

„Dies war bisher nicht typisch für Affenpocken. Derzeit wird von der WHO untersucht[,] ob das Virus seine Eigenschaften (Übertragung) verändert hat oder ob es eine Erklärung gibt, wie das Virus fast gleichzeitig in die verschiedenen Länder in Europa und den USA kommen konnte. Bisher gibt es aber keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen den gemeldeten Fällen und Reisen aus endemischen Ländern und auch keinen bewiesenen Zusammenhang zu infizierten Tieren.“ Die große Gefahr sieht die Virologin damit nicht unbedingt in dem Affenpocken-Virus per se, sondern vor allem in der Möglichkeit, dass dieses sich strukturell verändert haben und mutiert sein könnte. Weiterhin sei noch nicht sicher, „[o]b auch Menschen ohne Symptome das Virus übertragen können“, so Ciesek. Und wie sich der Umgang mit einem epidemischen Virus gestaltet, das womöglich nicht zwingend sichtbar in Erscheinung tritt, sowie eventuell bis dato unbekannte Verbreitungswege gefunden hat – das hat die Corona-Pandemie schmerzlich aufgezeigt. (askl)

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