Aktion von tz und Unicef

Diese Liebe ist stärker als jeder Schmerz

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Ihr Mann Moztafizur weicht im Krankenhaus nicht von Rebekkas Seite.

Dhaka - Die tz hat gemeinsam mit UNICEF eine Spendenaktion für Bangladesch gestartet. Heute berichten wir von Rebekka, die zu den Näherinnen der eingestürzten Textilfabrik gehört.

Keine Geschichte hat mich während meiner Bangladesch- Reise so berührt wie die von Rebekka. Die 22-Jährige ist das letzte Opfer, das nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im April noch immer im Krankenhaus liegt. Ein vollständig und ein teilamputiertes Bein – das alleine wäre schon schlimm. Aber der Rest von Rebekkas Schicksal würde zudem ausreichen, um drei weitere tragische Leben zu füllen.

Für Bangladesch-Verhältnisse beginnt ihre Geschichte recht gewöhnlich. Das Mädchen wächst mit vier Geschwistern in armen Verhältnissen in einer Hütte auf. Wann genau der Vater die Familie verlässt, weiß Rebekka heute nicht mehr. „Ich war auf alle Fälle klein“, erzählt sie. Die Mutter sucht sich einen neuen Mann, die Familie mit den fünf Kindern braucht einen Versorger. Der Stiefvater interessiert sich wenig für die Kleinen, nur für Rebekka. Er missbraucht und misshandelt das Mädchen. Mit Hilfsarbeiten verdient sich das Kind etwas zum Lebensunterhalt dazu, eine Schule sieht Rebekka nie von innen.

Irgendwann landet sie in der Textilbranche, lernt schnell mit der Nähmaschine umzugehen. In der Textilfabrik Rana Plaza verdient die inzwischen junge Frau zunächst 29 Euro im Monat, später arbeitet sie sich auf 47 Euro hoch. Und dann trifft sie Moztafizur. Die beiden verlieben sich und ja, sie heirateten. Aus Liebe, nicht weil es die Familien so wollen. Rebekka wird nach für sie drei endlosen Jahren schwanger. Sie freut sich riesig auf das Baby. Das ist jetzt ein Jahr her. „Alles schien gut zu werden. Wir waren glücklich.“ Eines Abends Ende Februar 2013 schlendert die 22-Jährige nach Hause, streichelt liebevoll über ihren Bauch und lässt den Blick über die Straße streifen. Da liegt ein toter Bettler. „In dem Moment wusste ich, es würde etwas Schlimmes passieren.“ Zwei Tage später verliert sie ihr Baby.

Rebekka geht weiter in die Fabrik. Immer mehr Risse zeigen sich in den Wänden. Am 23. April sind sie so groß, dass die junge Frau wie so viele andere Kollegen Urlaub nehmen will. Sie hat Angst, will nicht mehr in das achtstöckige Gebäude. „Der Boss sagte nur, wer morgen nicht kommt, der kriegt seinen ganzen Monatslohn nicht.“ Rebekka kommt. Ihre Mutter, zwei Cousins, ihre Schwester und ihr Bruder auch. Sie alle arbeiten dort. Es ist ein sonniger Tag, dieser 24. April 2013. Gegen acht Uhr in der Früh näht die 22-Jährige an einer schwarzen Herrenhose. Ihre Nähmaschine steht im fünften Stock. Rebekkas Mutter will sie gegen neun Uhr zur Frühstückspause abholen.

„Ich komme gleich, nur noch die eine Naht.“

„Ich komme gleich, nur noch die eine Naht.“ Augenblicke später fällt wie so oft der Strom aus, die Generatoren springen mit einem Rumms an. Das Gebäude stürzt in sich zusammen. Die Näherin spürt, wie etwas auf sie kracht. Es ist ein Betonträger. Zwischen ihr und dem tonnenschweren Schutt liegt ein Mann. Tot. „Ich dachte, ich sterbe jetzt auch, wie soll mir hier jemand helfen?“ Sie kramt in ihrer Hosentasche nach dem Handy – kein Empfang. „Aber irgendwie habe ich gedacht, Moztafizur findet mich. Er kennt sich doch aus mit Häuser. Er ist Bauarbeiter.“

Zwei Tage liegt Rebekka begraben zwischen Leichen und Beton. Zwei Tage, in denen ihr Mann verzweifelt jedes Krankenhaus absucht, jeden Tag zur Unglücksstelle kommt. Dann kommt ein Helfer in den fünften Stock und ruft: „Wenn hier noch jemand lebt, soll er „Hallo“ rufen.“ Rebekka krächzt „Hallo“. Der Helfer ruft Moztafizur an. Gemeinsam versuchen er mit ihm Rebekka unter dem Träger herausziehen. Sie binden ihr einen Strick ums Becken. Das ist – wie sich später herausstellt, gebrochen.

„Ihre Schreie waren so schlimm, ich konnte das selbst kaum aushalten“, nuschelt der 28-Jährige, nimmt dabei seine Frau in den Arm, streicht über den vernarbten Stumpf. Beiden stehen die Tränen in den Augen. Sie denken auch an den Rest ihrer Familie. Alle sind tot, für immer begraben unter Nähmaschinen, Eisen und Steinen. Wie 1225 andere Arbeiter, die bei dem Unglück ums Leben kamen. Rebekka verliert ihr linkes Bein. Das rechte entzündet sich immer wieder. „Sie war immer zwischen Leben und Tod, ich hatte solche Angst, dass sie doch noch stirbt.“

Rebekkas Mann: "Sie darf nie mehr Schmerz erleiden"

Die 22-Jährige kämpft. Die Liebe macht sie stark. Sie überlebt, obwohl sie auch noch den rechten Fuß durch eine Krankenhausinfektion verliert. Das alles ist jetzt sieben Monate, sechs Operationen und unendlich viele Tränen her. Rebekka kann nicht mehr weinen. Sie hat keine Tränen mehr. Wie es weitergeht? Rebekka hat vom Staat gut 1000 Euro Entschädigung bekommen. Fünf weitere Jahre stehen ihr 100 Euro im Monat dazu. Das Geld reicht nicht, um eine behindertengerechte Bleibe in Dhaka zu finden und die Behandlungskosten in der Zukunft zu zahlen. „Wir ziehen aufs Land zu meiner Familie“, sagt ihr Ehemann. „Wir schaffen das. Wir werden alles tun, dass es ihr gut geht.“ Deshalb wünscht er sich auch keine Kinder mehr. Er will Rebekka die Geburt ersparen. „Wer ihre Schreie gehört hat, weiß, dass sie nie mehr Schmerzen erleiden darf.“

So können Sie helfen

Mit Ihrer Spende – und sei sie auch noch so klein – unterstützen Sie die tz-Weihnachtsaktion Helft den Kindern in Bangladesch. Der Erlös geht zum Beispiel in die Slum-Schulen für Straßenkinder. Bitte geben Sie das Stichwort „Bangladesch“ an. Nach wie vor möchten wir auch den Opfern des Taifuns auf den Philippinen helfen, wenn Sie für die Kinder dort spenden möchten, notieren Sie das Stichwort „Taifun“. Bei Spenden bis 100 Euro gilt der Einzahlungsbeleg als Quittung fürs Finanzamt. Bei größeren Beträgen bekommen Sie automatisch von Unicef eine Spendenbescheinigung zugeschickt. Bitte geben Sie deshalb im Feld „Verwendungszweck“ unbedingt Namen und Adresse an. Empfänger ist Unicef. Weitere Informationen: www.tz.de/unicef

 

Die Spendenkonten

Commerzbank

Kontonummer 326 900 000

BLZ 700 800 00

 

Stadtsparkasse München

Kontonummer 263 525

BLZ 701 500 00

 

D. CASPARY

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