Das Wetter spielt der Bahn in die Hände.

Stuttgarter Polizei räumt Hauptbahnhof-Südflügel

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Gegner des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 halten am Samstag in Stuttgart den Südflügel des Hauptbahnhofs besetzt.

Stuttgart - Die Polizei hat den Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs geräumt. Diesen hatten mehrere Dutzend Aktivisten nach einer Demonstration zwischenzeitlich besetzt.

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Etwa 35 Besetzer hätten nach einer guten Stunde weitgehend freiwillig aufgegeben, sagte ein Polizeisprecher am Samstagabend. Die Demonstranten, die Bänder mit Parolen gegen Stuttgart 21 aus dem Fenster hielten, müssten jetzt mit Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs rechnen. Das Gebäude war nach einer Demonstration auf dem Schlossplatz gestürmt worden. Die Besetzer hatten eine Türe aufgehebelt und hinter sich verrammelt. Etwa 1500 Demonstranten feierten vor dem Gebäude den Coup. Die Polizei geht von einem geplanten Manöver aus. Die Aktion sei live im Internet übertragen worden.

Stuttgart 21: Demo und Besetzung des Bahnhof-Südflügels

Rund 25.000 Stuttgart-21-Gegner haben am Samstag auf dem Schlossplatz demonstriert. © dpa
Konstantin Wecker singt © dpa
Der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir war unter den Demonstranten © dpa
Der Techno-Discjockey Dr. Motte ebenfalls © dpa
Konstantin Wecker © dpa
Gangolf Stocker vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 © dpa
Nach der Demonstration besetzten rund 35 Gegner den Südflügel des Hauptbahnhofs. © dpa
Auf Transparenten ... © dpa
... gaben die Gegner ... © dpa
... ihre Meinung kund. © dpa
Die Polizei setzte der Besetzung ein Ende. © dpa
Die Aktivisten räumten freiwillig den Südflügel. © dpa

Der Nordflügel des Bahnhofes ist bereits abgerissen. Der Südflügel soll noch mindestens bis zur Landtagswahl im kommenden März stehenbleiben. Dieses Zugeständnis machten Bahn und Landesregierung, um mit den Gegnern des Großprojekts ins Gespräch zu kommen.

25.000 bei Demonstration

Durchhalten ist das bestimmende Motto der Demonstranten am Samstag auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Dem Regen ebenso trotzen wie den scheinbar übermächtigen Gegnern Bahn und Landesregierung. Doch die Enttäuschung ist deutlich in den Gesichtern abzulesen. Parallel zu den Schlichtungsverhandlungen wollten die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 ihre Stärke demonstrieren und 100 000 Menschen auf die Straße bringen. Am Ende sind es 25 000, die Polizei spricht sogar nur von 18 000.

Dass es letztlich so viel weniger sind als angekündigt, liegt für Gangolf Stocker von der Initiative “Leben in Stuttgart - kein Stuttgart 21“ vor allem am Wetter. “Unsere Sorge ist aber auch, dass viele Menschen sich nun denken: Nun, da die Gespräche laufen, muss ich ja nicht mehr zum Demonstrieren kommen, das hat sich ja nun erstmal erledigt.“

Stuttgart 21: Argumente Pro und Contra

Das Bahnprojekt Stuttgart 21 (Foto: Modellzeichnung) gilt als größtes Infrastrukturprojekt Europas. Seit Monaten laufen Bürger Sturm gegen das Projekt. Wir zeigen die Argumente der "S21"-Befürworter und die der Gegner. © dpa
DAS IST STUTTGART 21: Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll vom Kopf- zum Durchgangsbahnhof umgebaut und "tiefergelegt" werden. Die Gleise werden unterirdisch verlegt. Der Flughafen Stuttgart bekommt eine ICE-Haltestelle. Außerdem wird ein neuer Bahnhof Flughafen/Messe gebaut. Dieser soll die Stuttgarter Innenstadt, den Flughafen und das Messegelände besser miteinander verbinden. Auch wird ein Tunnelnetz gebaut, um den gesamte Stuttgarter Raum an das Schienennetz anzubinden. © dpa
PRO: Stuttgart 21 bringt Baden-Württemberg näher zusammen: So wird die Fahrzeit von Stuttgart nach Ulm fast halbiert (von 54 auf 28 Minuten). Auch die Fahrtzeit zwischen Hauptbahnhof und Flughafen von derzeit 27 auf 8 Minuten verkürzt. © dpa
PRO: Ohne Stuttgart 21 wird Baden-Württemberg vom internationalen Bahnverkehr abgehängt. Das Projekt ermöglicht den Lückenschluss in der europäischen Magistrale Paris-Budapest. Außerdem werden Flughafen und Landesmesse an die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden. © dpa
PRO: Stuttgart 21 bildet einen Anreiz für Autofahrer, auf dieser Strecke vom Auto auf den Zug umzusteigen. © dpa
PRO: Auch der Schienenregionalverkehr profitiert von Stuttgart 21. © dpa
PRO: Stuttgart schafft auf Dauer 10.000 neue Arbeitsplätze und zusätzlich 7000 während der Bauzeit. © dpa
PRO: Im neuen Durchgangsbahnhof können mit halb so vielen Gleisen deutlich mehr Züge in den Bahnhof ein- und ausfahren, weil sie sich nicht mehr gegenseitig blockieren. © dpa
PRO: Bei einem Aus für Stuttgart 21 gehen Millionenzuschüsse von Bund und Bahn für das Land Baden-Württemberg verloren. Die Gelder fließen dann in die Infrastruktur eines anderen Bundeslandes. © dpa
PRO: Auf den Flächen, die derzeit noch mit Gleisen bedeckt sind, werden Parkanlagen erweitert. Außerdem wird neuer Wohn- und Arbeitsraum im Stadtzentrum geschaffen. © dpa
PRO: Die Kosten für Stuttgart 21 werden nicht aus dem Ruder laufen. In der aktuellen Kalkulation von 4,088 Milliarden Euro sind bereits 323 Millionen Euro für weitere Baupreissteigerungen eingerechnet. Für alle Fälle steht zudem ein Risikofonds von 438 Millionen Euro bereit. © dpa
PRO: Der Bau des unterirdischen Bahnhofs bringt deutlich weniger Probleme für die Fahrgäste mit sich als die Modernisierung des Kopfbahnhofes während des laufenden Zugbetriebs. © dpa
PRO: Stuttgart 21 ist sorgfältig geplant. Damit sind Risiken beim Bau weitgehend ausgeschlossen. © dpa
PRO: Die historische Bausubstanz des Stuttgarter Bahnhofsgebäudes bleibt trotz des Abrisses der Seitenflügel erhalten. © dpa
CONTRA: Eine jahrelang bestehende Großbaustelle im Zentrum Stuttgarts führt zu Verkehrsbehinderungen und Belästigungen durch Abgase der Baustellenfahrzeuge. © dpa
CONTRA: Die Kosten für Stuttgart 21 laufen aus dem Ruder. Das Geld könnte besser in Bildung, sowie das Gesundheits- und Sozialwesen gesteckt werden. © dpa
CONTRA: Die Modernisierung des Kopfbahnhofes (K21) ist mehrere Milliarden Euro billiger - in erster Linie, weil weniger Tunnelkilometer gebaut werden müssen. © dpa
CONTRA: Die Bauarbeiten für Stuttgart 21 gefährden die Mineralwasserquellen der Stadt. © dpa
CONTRA: Im Stuttgarter Schlossgarten werden hunderte alte Bäume abgeholzt. Der Park wird durch die hohen Lichtaugen des unterirdischen Bahnhofs verschandelt. © dpa
CONTRA: Weil es bei Stuttgart 21 nur noch vier Bahnsteige gibt, wird es für die Reisenden eng. Vor allem, weil die Anzahl der haltenden Züge pro Bahnsteig ansteigt. © dpa
CONTRA: Ein integrierter Taktungsplan lässt sich nicht realisieren. Somit werden die Umsteigezeiten länger. © dpa
CONTRA: Die Zahl der Gleise sinkt von 17 auf 8. Auch einige Zubringergleise werden verschwinden. Deswegen werden sich Züge vor dem Bahnhof stauen. © dpa
CONTRA: Das Klima im Stuttgarter Kessel heizt sich künftig auf. Bislang kühlen sich die unbebauten Flächen des Gleisvorfeldes nachts stark ab. Dadurch halten sie die Temperaturen in Grenzen. © dpa
CONTRA: Dem Ausbau und der Verbesserung des Regionalverkehrs wird durch das Mammutprojekt Stuttgart 21 Geld entzogen. © dpa
CONTRA: Auch bei einer Modernisierung des Kopfbahnhofes kann der Bahnhof an die Schnellbahntrasse angeschlossen werden - und zwar über das Neckartal und einen Tunnel auf die Filder. © dpa
CONTRA: Teile des denkmalgeschützten Stuttgarter Bahnhofsgebäudes von Paul Bonatz werden abgerissen. © dpa
CONTRA: Auf dem Stuttgart-21-Gelände müssen alte Bäume gefällt werden. Darin leben aber seltene Tiere, zum Beispiel der vom Aussterben bedrohte Juchtenkäfer. © dpa

Je durchweichter die Demonstranten, desto mehr versuchen die Akteure auf der Bühne, ihnen einzuheizen. Der Erfinder der Berliner Love-Parade, Dr. Motte, schwört die Stuttgarter darauf ein, mit ihren Protesten weiterzumachen. Der erwartete Auftritt des Grünen- Bundesvorsitzenden Cem Özdemir fällt allerdings aus. Er ist zwar nach Angaben der Veranstalter unter den Demonstranten, verzichtet aber darauf, sich auf der Bühne zu zeigen und zu sprechen.

Der Liedermacher Konstantin Wecker lobt die Widerspenstigen für ihr Engagement. Demokratie werde nur dann lebendig, wenn sich die Menschen einmischten und ihre Stimme laut werden lassen. “Lass uns aufsteh'n, lass uns schrei'n gegen all die Mauscheleien - sage nein“, singt er in seinem Kurzkonzert.

Begeistert singen die Menschen auf dem Platz mit. Kurz vergessen sie, dass nur die wirklich Hartgesottenen dem Aufruf gefolgt sind. “Ich hätte mir schon gewünscht, dass mehr Menschen kommen, aber es könnte natürlich auch sein, dass viele vielleicht wegen der Friedenspflicht verunsichert sind und denken, dass sie nicht mehr demonstrieren dürfen“, sagt eine Frau.

Sehr emotional, gut und aufwühlend findet dagegen ein Demonstrant die Veranstaltung auf dem Schlossplatz. Er ist erleichtert, dass es nicht wieder zu Ausschreitungen wie am 30. September gekommen ist. Sicherheitshalber hat er eine Gasmaske um den Hals gehängt.

dpa

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