Anti-AKW-Protest in Japan wächst

Tokio/Köln - Das Misstrauen der technikgläubigen Japaner wächst. Die Menschen haben Angst vor dem Super-GAU in Fukushima. Doch lautstarker Protest, wie im weit entfernten Deutschland, ist dennoch selten.

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Japan kämpft verzweifelt gegen die atomare Katastrophe, bekommt Strahlen-Lecks und radioaktive Verseuchung nicht in den Griff. Doch auf die Straße gehen die Atomkraftgegner zu Zehntausenden nicht in Japan, sondern im weit entfernten Deutschland, wo alte Atommeiler ruckzuck vom Netz müssen. Gibt es in Japan keinen Widerstand? Doch. Schon seit Jahrzehnten, aber lokal begrenzt, nicht so (laut)stark und demonstrativ wie hierzulande. Und ohne eine landesweite Organisation im Hintergrund, wie Experten berichten. Der Widerstand gegen die Kernenergie wachse.

“Viele Japaner, die bisher kaum Interesse am Thema hatten und an die massiv propagierte Sicherheit der Atomkraft geglaubt haben, sind jetzt wachgerüttelt und sagen, wir müssen uns umorientieren“, erzählt Atomkraftgegner Tomoyuki Takada. Fukushima habe allen schmerzhaft klar gemacht, wie gefährlich Atommeiler sein könnten.

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“Man kann es nicht statistisch belegen, aber unter der Oberfläche bewegt sich viel in der Bevölkerung. Es ist eine Wende in Gang gegen die Atomenergie.“ Das Vertrauen schwinde mit Meldungen über Rückschläge in Fukushima, verseuchtem Trinkwasser, Gemüse oder unverkäuflichem Fisch.

Die Japaner hätten gemerkt, dass die Technik nicht so beherrschbar sei, wie von Regierung und Energieunternehmen stets versprochen, sagt Masako Sawai vom Tokioter Atom-Info-Zentrum CNIC. “In Japan fließt fast alles Geld in die Atomkraft, andere Formen der Energien, also erneuerbare Energien, hat man (..) kaum ausprobiert und einfach vernachlässigt“, kritisiert sie im Deutschlandradio.

Während das CNIC früher fast unbeachtet von der Öffentlichkeit gearbeitet hat, sind Infos und Messungen nun bei der besorgten Bevölkerung begehrt.

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Japaner neigen nicht zu vehementem und offenen Protest. “Das ist auch die Mentalität. So aus der Gruppe herauszutreten und sichtbar zu protestieren, das ist für uns ein großer Mut- und Kraftakt“, sagt Aktivist Takada. Aber nun haben vereinzelte Demos gegen Atomkraft doch größeren Zulauf bekommen.

In Nagoya, nicht weit entfernt vom AKW Hamaoka, gingen jüngst immerhin 300 Japaner auf die Straße. In Tokio machten vor einigen Tagen gut 1000 Demonstranten ihrer Angst und ihrem Ärger Luft.

Die Sorge gilt - neben Fukushima - vor allem zwei Atommeilern, in denen es schon viele Zwischenfälle gab: Hamaoka - zwischen Nagoya und 170 Kilometer südlich von Tokio - und Kashiwazaki-Kariwa im Norden am Japan-Meer.

“Hamoka ist das größte AKW in Japan. Es liegt in einer besonders erdbebengefährdeten Region und muss sofort abgeschaltet werden“, verlangt Takada, der eine Bürgerbewegung gegen den Meiler unterstützt. “Seismologen warnen. Es kann dort jederzeit ein Erdbeben geben. Hamaoka ist ab Stärke 8 nicht geschützt. Gibt es noch eine Katastrophe, ist Japans Existenz bedroht“, glaubt der nahe Düsseldorf lebende Übersetzer. Seit 2001 gab es mehrere Störfälle in Hamaoka.

Auch im AKW Kashiwazaki gab es Pannen und Zwischenfälle, 2007 einen Kraftwerksbrand, ausgelöst durch ein Erdbeben. Unfälle oder Baumängel in vielen Meilern wurden verschwiegen, Prüfberichte gefälscht, wie sich später zeigte.

Obwohl Kraftwerke bewusst in strukturschwache Regionen gebaut werden, wo dann Jobs und Finanzhilfen locken, gibt es Widerstand. In der Kleinstadt Maki verhinderte ein Referendum 1996 einen AKW-Bau. Der Schnelle Brüter Monju am Japan-Meer musste nach einem Störfall immerhin für 15 Jahre bis 2010 vom Netz. Aktuell gibt es Proteste gegen ein geplantes AKW nahe Hiroshima.

Die Regierung argumentiert, Japan habe kein eigenes Gas, Öl oder Kohle, ohne Atomstrom gehe nichts. “Heute kommen in Japan etwa 30 Prozent der elektrischen Energie aus Kernkraft. In Zukunft sollen es 40 bis 50 Prozent werden“, erklärt der Chef des Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreises, Ruprecht Vondran.

Die 55 Atomanlagen wurden bisher von der großen Mehrheit akzeptiert, das könne sich nun ändern. “Ein Umdenken ist auch in der Energiepolitik notwendig.“ Trotz der Atombombenabwürfe 1945 in Hiroshima und Nagasaki sei dem Aufbau von Kraftwerken keine breite öffentliche Diskussion vorausgegangen.

“Die Japaner sind technikverliebt, und auch technikgläubig“, meint Japan-Kennerin Pia-Tomoko Meid. “Viele bemerken erst jetzt ihre eigene Blauäugigkeit und ihr Halbwissen über die angeblich so risikolose und saubere Technologie.“ Eine starke nationale Bewegung oder grüne Partei hält die Japanologin aber weiter für unwahrscheinlich.

dpa

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