Interview zu Amoris Laetitia

Papst-Biograf Englisch: Benedikt XVI. als Gegenpapst möglich

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Papst Franziskus (links) und der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Dezember 2015 im Vatikan. 

München - Interview mit Papst-Biograf Andreas Englisch zum Schreiben Amoris Laetitia. Er meint: Jetzt ist eine Kirchenspaltung mit Benedikt XVI. als Gegenpapst möglich.

Überrascht Sie der Inhalt von Amoris Laetitia?

Papst-Biograf Andreas Englisch

Andreas Englisch: Ja! Denn der Papst hat sich in einem Punkt durchgesetzt, um den zwei Jahre gestritten wurde. Beim Umgang mit den Wiederverheirateten. Bisher sah die Kirche in der Verletzung des Sakraments der Ehe eine Todsünde. Wer nach Der Trennung einen neuen Partner hatte, war draußen. Jetzt ist das nicht mehr so.

Das empört die Konservativen…

Englisch: Das ist für sie das Schlimmste, was passieren konnte. Aus ihrer Sicht höhlt dies das Sakrament der Ehe aus. Und da die Ideen der Kirche aufeinander aufgebaut sind, fürchten sie, dass nun alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen könnte.

Der Papst spricht doch nur davon, dass man sich jeden Einzelfall ansehen muss …

Englisch: Ja, aber er sagt auch noch, dass die Vorstellung der Kirche von Partnerschaft und Ehe überholt ist. Und die Kirche viel zu rigide gewesen sei.

Das heißt, er kritisiert die Haltung in der Vergangenheit.

Englisch: Ja. Genau dies tut Konservativen besonders weh. Das ist ein Klatsche – und sorgt für eine angespannte Lage.

Erklären Sie uns das.

Englisch: Die Superkonservativen haben immer gesagt, wenn der Papst zum ersten Mal einem Wiederverheirateten die Kommunion gibt, ist er nicht mehr katholisch! Dann gibt es eine Kirchenteilung wie 1054 – als die orthodoxe Kirche entstand.

Mit Papst Benedikt?

Englisch: Genau! Ich halte das nicht für wahrscheinlich. Aber wir sind zum ersten Mal seit Jahrhunderten in einer Situation, in der das möglich wäre. Dass es einen Papst gibt, der sagen könnte, mein Nachfolger ist nicht katholisch, hat es bisher nicht gegeben. Viele Konservative würden sich das wünschen: eine kleine Herde mit maximal einem Zehntel aller Kirchenmitglieder.

Aber ist der Papst nicht näher an der Botschaft Jesu dran, als die Konservativen?

Englisch: Natürlich.

Warum tut sich die Kirche so schwer damit?

Englisch: Schauen Sie sich an, was auf der Fassade des Petersdoms, der wichtigsten Kirche der Christenheit steht: Zu Ehren Pauls V.. Bisher ist keiner drauf gekommen, das zu ändern und zu schreiben. Zu Ehren Jesus von Nazareth... Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte von Prunk und Pomp.

Und das will der Papst ändern…

Englisch: Ja, aber es geht noch weiter. Er sagt zum einen: Dass ihr euch für etwas Besseres gehalten habt, weil ihr Priester seid, damit ist Schluss. Und das Zweite ist: Katholisch – ja, aber Gott ist größer als eine Religion. Die Strenge, mit der wir Regeln ausgelegt haben, hat den Menschen geschadet!

Andreas Englisch hat kürzlich sein aktuelles Buch "Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg" veröffentlicht (Random House, 19,99 Euro, 384 Seiten).

Amoris Laetitia: Das steht im Schreiben von Papst Franziskus

Ehe und Familie – beide Punkte stehen im Mittelpunkt der katholischen Lehre. Mit großer Spannung wurde deshalb der schon vor Wochen angekündigte Text von Papst Franziskus zu diesen Themen erwartet. Zumal schon der Vorlauf ungewöhnlich war. Denn bevor er sich selbst zu Wort meldete, hatte sich der Heilige Vater über einen Fragenbogen, der an Katholiken in alle Welt verschickt worden war, darüber informiert, wie seine 1,3 Milliarden Schäfchen über das Thema denken. Am Freitag wurde nun das Papier im Vatikan vorgestellt. Titel: Amoris Laetitia (dt.: Freude der Liebe). Ein ungewöhnlicher Text von einem außergewöhnlichen Mann – hier die wichtigsten Punkte und Reaktionen:

Wiederverheiratete: Der Papst ermöglicht wiederverheirateten Geschiedenen im Einzelfall den Zugang zur Kommunion und den anderen Sakramenten. Sie hätten ihren Platz in der Kirche, so Franziskus, „und sollten sich nicht exkommuniziert fühlen, sondern können als lebendige Glieder der Kirche leben und reifen“.

Homosexualität: Der Papst spricht sich zwar gegen jegliche Form der Diskriminierung aus, betont aber auch, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften keineswegs auf einer Stufe mit der Ehe zwischen Mann und Frau stünden.

Erotik: Auch dieses Themen greift Franziskus auf. Er schreibt: „Wir dürfen die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen (...), sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten.“ Jungen Ehepaare müsse man anregen, eine eigene Alltagsroutine zu schaffen: „Es ist gut, den Morgen immer mit einem Kuss zu beginnen …“

Verhütung: Das von vielen erhoffte Signal, dass sich die katholische Kirche ihre Haltung zur Empfängnisverhütung ändern würde, blieb aus. Das Thema taucht in dem Papier praktisch gar nicht auf. Das heißt: Franziskus lehnt Kondom und Pille weiter ab. Eltern, so sagte er vor einem Jahr, könnten auch so die Zahl ihrer Kinder planen. Es gebe viele von der Kirche erlaubte Methoden.

Reaktionen: Der Freiburger Theologe Magnus Striet bewertet das Schreiben als Plädoyer für die freie Gewissensentscheidung der Gläubigen: „Die Konsequenz ist ein anderes Verständnis von Kirche. Das Ideal einer lebenslangen Ehe bleibt, aber Ambivalenzen und Brüche werden nicht einfach verurteilt.“ Der Sprecher der reformkatholischen Bewegung „Wir sind Kirche“, Christian Weisner, sagte: „Es wird jetzt auf die Bischöfe ankommen, auf die Ortskirchen, wie sie die Impulse des Papstes umsetzen. Man muss nicht mehr nach Rom schauen und warten, was erlaubt ist.“

WdP

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