Briefe aus der Hölle

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Die Atomruine Fukushima 1 auf einem Foto von Dienstag. Die Lage in den Reaktorblöcken ist „unvorhersehbar“, heißt es offiziell

Tokio - Es ist ein Briefwechsel, der zu Herzen geht: Das Wall Street Journal hat E-Mails eines Angestellten im Atomkraftwerk Fukushima vom 23. März veröffentlicht.

Auf eindringliche Weise beschreibt der Mann, wie er und seine Kollegen arbeiten, was sie denken und wie sie kämpfen. Die tz zeigt Auszüge:

„Hier ist Tian S. (Name geändert). Ich schreibe in der Hoffnung, dass möglichst viele Menschen unsere Situation verstehen. (…)

Hier kämpfen viele Menschen unter furchtbaren Bedingungen im Atomkraftwerk. Doch weinen ist nutzlos. Auch wenn wir gerade durch die Hölle gehen – wir versuchen in Richtung Himmel zu kriechen. Bitte nehmt euch vor der verborgenen Stärke der Atomkraft in acht. Ich bin sicher, wir schaffen die Rettung. Ich bitte euch, unterstützt uns weiter. Vielen Dank!“

Auf die mitfühlende Antwort seines Kollegen, der für Tepco in Tokio arbeitet, schreibt Tian S.: „Ich möchte Sie über die aktuelle Situation auf dem Laufenden halten: Wir arbeiten hier seit dem Erdbeben ohne Schlaf und Pause. Wie Sie wissen, sind die meisten Arbeiter aus der Umgebung und Opfer des Bebens. Vielen wurden die Häuser weggeschwemmt. Auch meine Heimatstadt Namie-Machi an der Küste ist vom Tsunami zerstört. Meine Eltern sind wohl ertrunken.(…) Ich muss sehr schwere Arbeit verrichten und bin an der Grenze meiner Kräfte. Ich kann nicht mehr (…) Es gibt niemanden, dem wir unsere Sorgen und Ärger mitteilen können: Jeder hat alles verloren – sein Heim, seinen Job, seine Schule, seine Freunde, seine Familie. Wer kann dieser Wahrheit ins Auge blicken? (…) Wir kämpfen bis zum Ende. Tian S.“

Inzwischen wurden Details über den täglichen Kampf der „Helden von Fukushima“ bekannt: Ihr Tag beginnt um 6 Uhr morgens. Zum Frühstück gibt es je 30 „Überlebenscracker“ und ein Glas Fruchtsaft. Dann geht es zur Arbeit. Mittagessen fällt aus. Bis zum 22. März gab es täglich eine Flasche mit 1,5 Liter Mineralwasser. Danach trafen mehr Hilfsgüter ein – die Männer können nun eine Flasche mehr verlangen.

Gegen 17 Uhr Heimkehr in die Unterkünfte. Zum Abendessen gibt es Reis und eine Dose mit Huhn oder mit Fisch. Die Arbeiter essen schweigend. Um 20 Uhr gibt es ein Treffen, auf dem die Männer sich gegenseitig von ihrer Arbeit berichten. Am Ende klatschen alle in die Hände und stimmen einen Sprechchor an: „Gambaro“ („Machen wir weiter!“). Geschlafen wird in Konferenzräumen. Um sich vor Strahlung zu schützen, wickeln sich die Arbeiter in bleihaltige Tücher.

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