700 Briefe von Himmler entdeckt

"Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, Dein Heini"

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Heinrich Himmler.

Tel Aviv - Heinrich Himmler, bürokratischer Manager des Holocaust, der vier Millionen Menschen in den Tod schickte, war privat ein fleißiger Briefschreiber. Jetzt sind zahlreiche Dokumente aufgetaucht.

In Tel Aviv sind rund 700 Briefe aufgetaucht, die „Heini“ von 1928 bis fünf Wochen vor seinem Selbstmord am 23. Mai 1945 an seine Frau Margarete (Marga) schrieb, dazu Fotos, Tagebücher von Marga Himmler, ihr NSDAP-Mitgliedsbuch, ein handschriftliches Rezeptbuch sowie der Nachlass von Himmlers Pflegesohn Gerhard von der Ahé. Die Tageszeitung Die Welt berichtete in ihrer Samstagsausgabe über den Fund, eine Serie darüber soll folgen. Die Echtheit der Unterlagen wurde von Michael Hollmann, dem Leiter des Bundesarchives, bestätigt. Demnächst erscheint auch ein Buch über die Briefe eines Massenmörders.

700 Briefe des NS-Massenmörders Heinrich Himmler entdeckt

Der Reichsführer der SS organisierte den Aufbau und das reibungslose Funktionieren der Todesmaschinerie von 20 Konzentrations- und Vernichtungslagern mit mehr als 1200 Außenlagern. Nüchterner Zweck: die „Endlösung der Judenfrage“. Seine Frau, die mit ihrem „Heini“ den Hass auf das „Judenpack“ teilte, erfuhr zumindest aus den Briefen kaum etwas über dessen Vernichtungsfeldzug – unvorstellbar banal liest sich der Informationsaustausch der Eheleute. „Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, Dein Heini“ – wie eine nichtssagende Dienstreise kündigt der Polizeichef einen Inspektionsbesuch im Todeslager an.

Die Korrespondenz zwischen Heinrich Himmler und der sieben Jahre älteren Krankenschwester Marga Boden beginnt, nachdem sie sich 1927, vermutlich auf einer Bahnfahrt von Berchtesgaden nach München, kennengelernt haben. Ein Jahr später heiratet der damalige Stellvertreter von Reichspropagandaleiter Joseph Goeb­bels die geschiedene Gutsbesitzertochter aus Bromberg (Polen). Zu dieser Zeit leitet sie ein Privatsanatorium in Berlin.

1929 macht Adolf Hitler den ehrgeizigen Himmler zum Chef der Schutzstaffel SS. Die ist zunächst noch relativ bedeutungslos, wächst aber unter Himmlers Regie als „Totenkopforden“ von wenigen Hundert Mann auf 50 000 bei Hitlers Machtergreifung an. Der Grundstein für das zerstörerische Wirken des Münchner Lehrerssohnes ist gelegt. Biograf Peter Longerich: „Ohne Himmler hätte der Holocaust so nicht stattgefunden.“ Goebbels beschrieb seinen Vize 1930 als „nicht übermäßig klug, aber fleißig und brav“.

Ganz anders stellt sich der junge nationalsozialistische Karrierist seiner Marga dar, gern als „wild“ oder „rau“ und „beese“ (böse), als „in zehnjährigem Kampf hart gewordener Landsknecht“ (2. Januar 1928). Die „liebe, goldige Frau“ findet Gefallen an dieser scheinbar ruppigen Art und sinnt frivol auf „Rache: Meine schwarze Seele denkt sich schon das Unmöglichste aus“ (30. April 1928). Das ist wohl eher auf das Intimleben des Paares gemünzt. Marga verabscheut Juden, nicht nur den Miteigentümer ihres Sanatoriums Bernhard Hauschild. Der verständnisvolle Gatte schreibt: „Ärgere dich aber über die Juden nicht, gute, gute Frau, könnte ich Dir nur helfen“ (21. Juni 1928). Zehn Jahre später ist Himmler Drahtzieher der Reichspogromnacht, in der in München und im ganzen Reich die Synagogen brennen und mit der die Judenhatz beginnt. Rastlos ist er in späteren Jahren in Europa unterwegs, um seine Leute bei der Vernichtung anzufeuern.

Mehr Moral und Emotion als der Kriegsherr zeigt seine elfjährige Tochter Gudrun, als sie 1941 vom „Unternehmen Barbarossa“ hört: „Es ist ja furchtbar, dass wir gegen Russland Krieg machen. Es waren doch unsere Verbündeten.“ Wenige Tage vor dem Überfall entspannt Himmler noch daheim am Tegernsee, offenbar ohne das Bevorstehende anzudeuten.

Himmlers Großnichte, die 2008 ein Buch über die Brüder Heinrich und Gerhard Himmler veröffentlicht hat, durchleuchtete zusammen mit dem Historiker Michael Wildt den Briefwechsel der Himmlers.

Warum gibt es in den Briefen beider Eheleute kaum Hinweise auf den Holocaust? Michael Wildt glaubt, dass der „Massenmord keine mitteilungswerte Tatsache ist.“ Katrin Himmler hat den Schluss gezogen, dass „es keine Persönlichkeitsspaltung gegeben hat“ – hier der Massenmörder sozusagen am Arbeitsplatz“, dort der „treusorgende Familienvater“ zu Hause. „In der Art, wie er seine Kinder erzogen hat, nimmt man die Härte und Kälte wahr, die er auch sonst zeigt.“

BW

tz-Stichwort Heinrich Himmler

Heinrich Himmler, geboren am 7. Oktober 1900 in München, war der zweite von drei Söhnen des katholischen Studienrats Gebhard Himmler. Schon in den 20er-Jahren machte er in der NSDAP Karriere. Letztlich wurde er Chef von drei Millionen Polizisten, 600 000 Mann der Waffen-SS und Vorgesetzter von zwei Millionen Soldaten im Ersatzheer. 1928 heiratete er Marga Boden, 1929 wurde Tochter Gudrun geboren. Himmler hatte zwei weitere Kinder mit seiner Sekretärin und Geliebten Hedwig Potthast (ab 1938). Als sich das Ende des Dritten Reiches abzeichnete, sondierte Himmler, wie er seine Karriere nach Hitler fortführen könnte. Am 29. April 1945 wurde er deshalb aller Ämter entbunden. Auf der Flucht geriet er in britische Gefangenschaft und beging wenige Tage später Suizid, indem er auf eine in einem Zahn verborgene Zyankalikapsel biss.

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