tz-Interview

Concordia-Überlebender: "Dafür muss er bezahlen"

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Peter Honvehlmann und Lebensgefährtin Teiksma Miehling kurz vor Fahrtantritt auf der Concordia

München - Heute soll der Prozess gegen Costa-Concordia-Unglückskapitän Francesco Schettino beginnen. Die tz sprach mit dem deutschen Überlebenden Peter Honvehlmann (41) aus Oer-Erkenschwick.

Nach einer einwöchigen Vertagung wegen eines Anwaltsstreiks in Italien soll am Mittwoch im toskanischen Grosseto der Prozess gegen Unglückskapitän Francesco Schettino beginnen. Er soll dafür verantwortlich sein, dass im Januar 2012 das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia kenterte. 32 Menschen starben damals, darunter zwölf Deutsche. Zwei Leichen sind bis heute nicht geborgen. Die tz sprach mit dem deutschen Überlebenden Peter Honvehlmann (41) aus Oer-Erkenschwick.

Was erwarten Sie von dem Prozess?

Peter Honvehlmann (41): Wie kann es sein, dass ein Kapitän durch Show-Manöver 4000 Menschen in Gefahr bringt, ohne dass die Reederei eingreift? Ich hoffe, dass das aufgeklärt wird.

Wie haben Sie Schettino als Kapitän erlebt?

Honvehlmann: Eigentlich ist das ganze Unglück auf seine Kappe gegangen. Dafür muss er bezahlen! An Bord hat er sich eher repräsentativen Aufgaben gewidmet. Sogar seine Besatzung hat gesagt, er solle sich besser um sein Boot kümmern, als um die Frauen.

Wie haben Sie damals das Unglück erlebt?

Honvehlmann: Das Essen war gerade vorbei, auf einmal ging ein Ruck durchs Schiff. Es bekam schnell Schieflage. Dass es eine Notsituation ist, wurde mir aber erst klar, als eine riesige Bleikristallvase zu Boden geknallt ist. Nach dem Stromausfall sind wir aufs Aussichtsdeck. Nach ein paar Minuten kam das Notsignal: sechsmal kurz und einmal lang. Mir wurde ganz anders, ich wusste: Die geben das Schiff jetzt auf! Wir sind zu den Rettungsbooten. Als meine Frau schon auf eins drauf wollte, ist mir aufgefallen: Die kriegen das ja gar nicht auf dieser Schiffsseite ins Wasser, wegen der Schräglage. Ich habe meine Frau weggezogen, und wir sind auf die andere Seite gerannt. Nach 20 Minuten haben wir dann ein freies Rettungsboot gefunden.

Was mussten Sie auf dem Schiff lassen?

Honvehlmann: Das war unsere erste Kreuzfahrt, wir haben da nur unsere besten Kleidungsstücke mitgenommen. Die sind jetzt alle weg. Das merkt man schon, wenn man in den Schrank schaut.

Klagen Sie auf Schadenersatz?

Honvehlmann: Man hat uns 11 000 Euro angeboten, davon 4000 Euro Schmerzensgeld. Für das, was wir erlebt haben! Das ist lächerlich! Wir sind ja fast gestorben. Deswegen haben wir abgelehnt. Wir lassen uns anwaltschaftlich vertreten.

Was hat Ihnen geholfen, das Erlebte zu verarbeiten?

Honvehlmann: Selbst helfen können, das war Balsam für die Seele. Bei dem Elbe-Hochwasser in Lauenburg waren Freunde von uns betroffen. Ich habe mir gedacht: Bei der Costa Concordia hat uns keiner richtig geholfen. Deswegen sind wir mit unserem Imbissbetrieb Pommesbaron ins Hochwassergebiet gefahren und haben die Helfer dort kostenlos mit Essen versorgt. (siehe Foto)

Konnten Sie ansonsten mit dem Unglück abschließen?

Honvehlmann: Wir sind ins Musical eingeladen worden. Nach der Vorstellung wollten 3000 Mann gleichzeitig den Saal verlassen. Da dachte ich mir: Oh, das hatten wir doch schon mal! Solche Situationen sind auf einmal ein Problem.

Haben Sie denn je wieder ein Schiff betreten?

Honvehlmann: Ja, ein Ausflugsboot in Südamerika. Das war auf einem kleinen See, vielleicht 500 Meter breit. Man war immer in Landnähe. Im ersten Moment hat es gekribbelt, aber dann ging es. Obwohl es nicht mit der Costa Concordia vergleichbar ist, war das für mich und meine Frau ein Riesenschritt. Auf ein großes Schiff werden wir in nächster Zeit aber nicht gehen.

Lukas Kurkowski

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