Mehr Infizierte als gedacht 

Extrem-Zahlen aus Ischgl: Corona breitete sich rasant aus - Experte warnt vor fatalem Trugschluss

Das Coronavirus breitete sich zu Beginn der Pandemie in Ischgl aus, nun überrascht eine Antikörper-Studie aus Österreich. Doch es gibt auch Kritik.

Update vom 28. Juni, 9.49 Uhr: Nachdem Ischgl wegen Après-Ski-Partys vorübergehend zum Coronavirus-Hotspot wurde und mehr als 40 Prozent der dortigen Bewohner laut einer Studie Coronavirus-Antikörper entwickelt haben, hat eine große Mehrheit der Bürger dort eine eindeutige Forderung: Sie wollen eine Kurs-Korrektur beim Après-Ski. Das zeigt eine Umfrage des Marktforschungsinstituts IMAD. Ihr zufolge wollen 82 Prozent der Bürger in Ischgl, dass Après-Ski künftig „qualitäts- und maßvoller“ werden solle. Das berichtet die Tiroler Tageszeitung (Samstagsausgabe).

Ein Großteil erhoffe sich auch eine zeitliche Limitierung dieser Angebote - sowie auch von Bus- und Tagesgästen, die nur zum Feiern kämen, lauten die Ergebnisse der Umfrage im Auftrag des Tourismusverbands Paznaun-Ischgl weiter. Mehr als 700 Einheimische, Gäste und Mitarbeiter wurden dazu befragt. Ganz auf Après-Ski verzichten wollen die Gäste nicht. 

Übrigens: Im oberbayerischen Landkreis Starnberg kam es nun zu einem erneuten Coronavirus-Ausbruch. Ein Catering-Unternehmen ist betroffen - und es wurden erste Maßnahmen ergriffen*. Die lokalen Ausbrüche in Deutschland werfen außerdem weiterhin Fragen auf. Doch die Gefahr scheint weitgehend unter Kontrolle. Mit Sorge betrachtet jedoche Virologe Hendrik Streeck die Entwicklungen der Pandemie - und spricht vor weiteren Gefahren des Virus. 

Coronavirus: Ischgl-Studie liefert überraschendes Ergebnis - mehr als 40 Prozent der Bürger haben Antikörper

Update vom 27. Juni, 10.27 Uhr: Eine Studie aus Ischgl überrascht mit ihrem Ergebnis. Demnach wurden bei 42,4 Prozent der Bewohner Ischgls Antikörper gegen das Coronavirus festgestellt. 85 Prozent der Betroffenen hätten die Krankheit unbemerkt überstanden. Eine Erkenntnis könnte sein, dass die Dunkelziffer der Coronavirus-Infektionen sehr viel höher ist, als bisher angenommen. Corona-Forscher Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, hält diese Verallgemeinerung der Ischgl-Studie jedoch für fatal. Das berichtet Focus.de.

Im österreichischen Ischgl sei der Coronavirus-Ausbruch ein besonderer gewesen, den man nicht leicht auf andere Länder übertragen könne, so der Experte. „Die Fälle dort gehen vorrangig auf ein oder zwei Bars zurück. Dort wurde getrunken, geschrien, dicht aufeinander gehockt, schlecht gelüftet. Das hat zu den hohen Infektionszahlen in der Bevölkerung geführt. Wer davon nun aber wirklich asymptomatisch, also über die gesamte Dauer der Infektion hinweg ohne Symptome geblieben ist, oder wer nur präsymptomatisch war, also zum Zeitpunkt während der Befragung bloß noch keine Symptome hatte, ist schwer nachzuvollziehen“, kritisiert Weber im Focus. Der Krankheitsverlauf und der damit oft einhergehende Verlust des Geschmackssinns, würde von Patienten sehr unterschiedlich wahrgenommen. 

Coronavirus: Weckt Ischgl-Studie falsche Hoffnung? In Deutschland wäre mit mehreren Hunderttausend Toten zu rechnen

Auch, weil sich die Probanden freiwillig melden konnten, sieht Weber die Ischgl-Studie als nicht zuverlässig an. Menschen, die sich trotz Symptomen nicht haben testen lassen, wollten später vielleicht auch nicht wissen, wen sie in dieser Zeit angesteckt haben. Er halte 40 bis 45 Prozent asymptomatischer Verläufe bei Coronavirus-Infektionen für wahrscheinlicher. „Ich glaube nicht, dass die Dunkelziffer an Infizierten insgesamt so hoch ist, wie es die Ischgl-Studie suggeriert.“

Die Ischgl-Studie suggeriert eine Sterblichkeitsrate infolge von Corona von 0,25 Prozent - nur rund ein Zehntel im Vergleich der WHO-Berechnung von mehr als zwei Prozent der Infizierten. Doch selbst jene, die die Studie als verallgemeinerbar annehmen, hat Weber eine Warnung: Die Todesrate sei auch vom Gesundheitssystem abhängig. „Denn selbst wenn relativ gesehen 85 Prozent keine Symptome zeigten – was ich nicht glaube –, dann würden 15 Prozent trotzdem symptomatisch erkranken und das Virus, eben weil es so infektiös ist, früher oder später jeden infizieren, wenn wir es sich ohne Maßnahmen einfach so weiterverbreiten ließen“, so der Virologe. „Das würde auch bei einer Sterblichkeitsrate von 0,25 Prozent und 80 Millionen Deutschen 200.000 Tote und damit große Leichenberge bedeuten.“ 

Extreme Zahlen aus Ischgl: Hier verbreitete sich das Virus ganz schnell - wichtige Erkenntnis auch für Deutschland?

Update vom 26. Juni, 19.43 Uhr: Diese Studie sorgte für große Überraschung. Bei 42,4 Prozent der Bewohner Ischgls wurden Antikörper gegen das Coronavirus festgestellt. Außerdem hätten 85 Prozent der Infizierten die Krankheit unbemerkt durchgemacht. Was die Studie für den Rest der Welt bedeutet, ist momentan noch unklar. Sind die Ergebnisse der Studie auch auf andere Orte wie Deutschland übertragbar? Die Wissenschaft scheint sich in diesem Punkt uneins.

Professor Christian Hesse von der Universität Stuttgart sagt gegenüber der Bild (Artikel hinter Bezahlschranke): „Die Studie sendet ein sehr positives Zeichen und ich sehe keinen Grund, warum die Ergebnisse nicht auf Deutschland übertragbar sind. Offenbar ist es so, dass ein größerer Prozentsatz von mit Corona infizierten Menschen als bisher gedacht die Infektion mit gar keinen bis geringen Symptomen durchmacht.“

Dagegen meint der Epidemiologe Peter Williet von der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie: „Man kann nicht davon ausgehen, dass die Situation in Ischgl auch für andere Regionen oder Deutschland repräsentativ ist. Man kann daraus wichtige Erkenntnisse gewinnen, aber es braucht ähnliche Studien auch in anderen Regionen.“

Die Ischgl-Studie scheint alles in allem einen wichtigen Beitrag in der Corona-Forschung zu leisten, überinterpretieren sollte man sie jedoch nicht. Die Frage, ob man aus der Arbeit schließen könne, dass wir die Corona-Gefahr überschätzt haben, beantwortet der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit gegenüber dem Blatt klar: „Nein, das kann man auf keinen Fall ableiten. Wir sehen ja, wie dramatisch die Lage in den USA, Brasilien und Indien ist.“

Ischgl: Corona breitete sich extremer aus als gedacht - Antikörper-Studie aus Österreich überrascht 

Erstmeldung vom 25. Juni: Ischgl/Österreich - Als sich das Virus bereits in Italien* ausbreitete, da ahnte wohl noch niemand, dass sich auch Ischgl in Österreich zu einem der großen Coronavirus-Hotspots entwickeln würde. Eine nun veröffentlichte Antikörper-Studie beweist, dass das Virus dort offenbar mehr Menschen in sich getragen haben, als zunächst angenommen.

Coronavirus in Ischgl: Antikörper-Studie sorgt für Überraschung

Nach Angaben der Medizinischen Universität Innsbruck haben 42,4 Prozent der in einer umfassenden Studie untersuchten Bürger Antikörper* auf das Coronavirus* entwickelt. Das sei der weltweit höchste bisher publizierte Wert, sagte die Direktorin des Instituts für Virologie, Dorothee von Laer, am Donnerstag in Innsbruck. Antikörper im Blut gelten als Nachweis für eine durchgemachte Infektion*.

Mit seinen unzähligen Après-Skibars galt Ischgl bereits zu Beginn der Pandemie als Brennpunkt in Europa. Nach Angaben österreichischer Behörden waren zeitweise 40 Prozent aller Fälle im Inland auf Ischgl zurückzuführen. Auch viele deutsche Touristen haben sich nach ihrer Überzeugung in Ischgl angesteckt. Eine Kommission im Bundesland Tirol soll nun das stark kritisierte Krisenmanagement unter die Lupe nehmen.

Ischgl: Coronavirus in Österreich offenbar verbreiteter als gedacht

Von den nun positiv auf Antikörper getesteten Personen erhielten laut Angaben der Studie nur 15 Prozent die Diagnose* „Coronavirus“. „85 Prozent derjenigen, die die Infektion durchgemacht haben, haben das unbemerkt durchgemacht“, erklärt Dorothee von Laer am Donnerstag. 

Trotz des hohen Antikörper-Werts sei auch in Ischgl keine Herden-Immunität erreicht. Entscheidend für den Rückgang der Fälle seien die Quarantäne und die soziale Distanz gewesen, hieß es.

Rund 80 Prozent der Ischgler Bevölkerung nahmen an der Studie teil. 1473 Probanden waren zwischen 21. und 27. April untersucht worden.

Der Skandal um den Corona-Massenausbruch beim Fleischkonzern Tönnies sorgt seit Tagen für Schlagzeilen, nun könnte eine Ursache für die rasche Verbreitung im Unternehmen gefunden worden sein.

Sind Coronavirus-Mutationen möglicherweise noch gefährlicher als die Ursprungsform? Diese Frage beschäftigt zahlreiche Experten - und sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © dpa / Jakob Gruber

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