Angst vor Mutation wächst

Corona-Zahlen in Deutschland steigen wieder - Lauterbach sieht EU-Fehler, der „in Geschichte eingehen“ wird

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SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach.

Wochenlang schien es so, als zeige der Lockdown in Deutschland endlich Wirkung. Alle Kurven zeigten nach unten. Doch nun gibt es immer mehr Hinweise, dass sich das wieder ändern könnte.

  • Corona in Deutschland: Der R-Wert liegt plötzlich wieder über 1. Auch die Zahl der Neuinfektionen steigt.
  • Flensburg ist zum Hotspot geworden und verschärft die Maßnahmen.
  • Die Zahlen in Bayern entwickeln sich positiv.
  • Karl Lauterbach benennt den seiner Meinung nach späten und mangelnden Aufbau der Impfkapazität durch die EU als großen Fehler.

Berlin - In Deutschland mehren sich die Hinweise auf eine mögliche neue Verschärfung der Corona-Pandemie. Nachdem die sogenannte Reproduktionszahl des Coronavirus über Wochen hinweg unter eins gelegen hatte, hat sie nach Angaben des Robert Koch-Instituts diese wichtige Schwelle jetzt erstmals wieder überschritten.

Coronavirus: R-Wert laut RKI plötzlich über 1 gestiegen

Das RKI gab den bundesweiten Sieben-Tage-R-Wert am Freitagabend mit 1,01 an. Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 101 weitere Menschen anstecken. Dies könnte darauf hindeuten, dass sich die ansteckenderen Virusvarianten trotz des Lockdowns rascher ausbreiten.

Coronavirus: Gesundheitsämter melden Anstieg der Neuinfektionen

Innerhalb eines Tages meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland dem RKI 9164 Corona-Neuinfektionen. Das sind 9,7 Prozent mehr als im Vergleich zum Samstag vergangener Woche (8354). Die Daten geben den Stand des RKI-Dashboards von 3.10 Uhr wieder, nachträgliche Änderungen oder Ergänzungen sind möglich. Außerdem wurden 490 neue Todesfälle innerhalb von 24 Stunden im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet.

Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz lag den Angaben zufolge am Freitag bei 57,8. Sie stieg damit erstmals seit längerer Zeit wieder leicht über den Wert vom Vortag, der 56,8 betragen hatte. 

RKI-Präsident Lothar Wieler hatte am Freitag erklärt, der Anteil der Virusvariante B 1.1.7., die nach konservativen Schätzungen 35 Prozent ansteckender ist, steige in Deutschland rasant an. „Wir stehen möglicherweise erneut an einem Wendepunkt. Der rückläufige Trend der letzten Wochen setzt sich offenbar nicht mehr fort“, sagte Wieler.

Bei den Neuinfektionen und der Sieben-Tage-Inzidenz hatte es in den vergangenen Tagen kaum Veränderungen gegeben - trotz des anhaltend strengen Lockdowns. Der Anstieg des R-Werts lässt nun aufhorchen. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab. Liegt er über 1, gewinnt es an Dynamik. Noch am Mittwoch hatte das RKI den R-Wert mit 0,85 angegeben.

Coronavirus: Flensburg verschärft Maßnahmen

In Flensburg hat die britische Mutante bereits die Oberhand gewonnen. In der Stadt an der dänischen Grenze werden nach Angaben von Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) fast nur noch Infektionen mit der zunächst in England aufgetretenen Variante festgestellt. In den vergangenen Tagen seien in 80 Fällen Mutanten nachgewiesen worden, sagte Lange am Freitag.

Dänemark hat deshalb inzwischen mehrere kleinere Grenzübergänge nach Deutschland geschlossen. Wichtige Übergänge wie Frøslev, Kruså und Padborg sollten zwar offen bleiben. Dort werde aber „wesentlich intensiver“ kontrolliert, teilte das Justizministerium am Freitag in Kopenhagen mit.

Flensburg: Blick über die Hafenspitze auf einige historische Gebäude in der Innenstadt. In Flensburg gibt es eine Häufung von mutierten Coronaviren.

In Flensburg selbst gelten seit Mitternacht nochmals verschärfte Corona-Auflagen. So treten an diesem Samstag nächtliche Ausgangsbeschränkungen in der Zeit von 21.00 Uhr bis 5.00 Uhr in Kraft. Zudem sind dort vorerst private Treffen untersagt. Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel für den Weg zur Arbeit oder zum Arzt.

Die Steigerung des Anteils der Mutationen und die zu erwartende Zunahme der Inzidenz „geben uns Recht, diese doch sehr schwerwiegenden aber notwendigen Maßnahmen einzuleiten“, sagte die Oberbürgermeisterin. Lange kündigte strenge Kontrollen an. Bei Verstößen gegen die Verordnung drohen hohe Bußgelder. In Flensburg sollen den Menschen zunächst 70 000 kostenlose Schnelltests zur Verfügung stehen.

Laut NDR kündigte der Leiter der Polizeidirektion Flensburg, Olaf Schulz, eine erhöhte Präsenz der Polizei in Flensburg an. „Wir werden für jedermann sichtbar unterwegs sein und die Kontrollen durchführen.“ Die Beamten würden dabei in erster Linie auf den Dialog mit den Bürgern setzen, jedoch konsequent durchgreifen, falls dies nötig sein sollte.

Coronavirus: Lauterbach fordert strikten Lockdown

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte Flensburg als Beispiel, was ganz Deutschland bei weiterer Verbreitung der britischen Mutation passieren könnte. „Verhindern kann das nur strikter Lockdown, bis wir klar unter Zielinzidenz von 35 liegen“, forderte er auf Twitter.

Auch am Samstag meldete sich Lauterbach mehrere Male bei Twitter zu Wort - unter anderem, um klare Worte zum Aufbau der Impfkapazität durch die EU zu formulieren. „Egal wie man es dreht oder wendet. Der mangelhafte und späte Aufbau der Impfkapazität durch die EU wird als der größte Fehler in unserer Covid-Bekämpfung in die Geschichte eingehen“, so der SPD-Gesundheitspolitiker.

Den Forderungen nach Verschärfungen stehen lauter werdende Öffnungsrufe entgegen. Bundespräsident Steinmeier sagte vor Vertretern des Gesundheitswesens in Sachsen: „Die Ungeduld wächst im Lande, das ist spürbar.“ Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann sagte: „Ich hör immer nur öffnen. Ich möchte mal einen erleben, der mal sagt, jetzt machen Sie mal ein bisschen was schärfer. Das hör ich nie!“ Eine dritte Welle, die noch schlimmer wäre als die zweite, könne nicht im Interesse der Wirtschaft sein. „Dann machen wir einen richtigen Lockdown - den gab es bisher ja gar nicht.“

Coronavirus: Positive Entwicklung in Bayern - Söder schwebt Öffnungsmatrix vor

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) rechnet damit, dass bis März die Bewohner von Altenheimen gegen Corona geimpft sind. „Wir sind mit dem Impfen in Alten- und Pflegeheimen weitgehend durch“, sagte er am Samstag bei einer Online-Veranstaltung der Christlich-Sozialen Arbeitnehmer (CSA). Er schätze, dass bis März die Zweitimpfungen „komplett abgeschlossen“ seien. „Dann wird es auch in der Frage der Gefährdung (durch) Corona eine deutliche Verbesserung bringen.“

Er wolle angesichts sinkender Infektionszahlen in Bayern auch über Öffnungsperspektiven reden. „Die Kurven entwickeln sich jetzt runter“, sagte Söder. „Aber die Wahrheit ist, dass (...) der Trend in Deutschland nicht mehr so stark runter geht wie letzte Woche.“ Mancherorts gingen die Zahlen sogar leicht hoch. Eine „Öffnungsmatrix“ stelle er sich je nach Infektionslage vor Ort so vor: „Wo mehr geht, geht sehr viel mehr. Dort, wo wir skeptisch sein müssen, geht deutlich weniger.“

Mehr als die Hälfte der Landkreise und kreisfreien Städte in Bayern hat mittlerweile den Inzidenzwert von 50 unterschritten. 51 der 96 Kreise und Städte verzeichnen nach den Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) von Samstag weniger als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche. Davon liegen 27 unter der 35er-Marke. Allerdings geht die Schere nach oben sehr weit auf: Mit den Landkreisen Tirschenreuth (345) und Wunsiedel (313) an der tschechischen Grenze liegen die deutschlandweiten Spitzenreiter bei den Inzidenzzahlen in Bayern.

Coronavirus: Heil warnt vor vorschnellen Lockerungen

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil warnte angesichts der Gefahren durch die Virusmutationen vor einer vorschnellen Lockerung der Corona-Auflagen in Deutschland. „Bund und Länder müssen gemeinsam ein vernünftiges Öffnungskonzept entwickeln“, sagte der SPD-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Samstag). „Das muss so sicher sein, dass wir nicht nach ein paar Wochen wieder alles schließen müssen, was wir gerade erst geöffnet haben.“

Bei einer Öffnungsstrategie gelte es, vorsichtig Schritt für Schritt voranzugehen. „Alle Maßnahmen müssen mit einer guten Teststrategie einhergehen und wir müssen den Impffortschritt im Auge behalten“, sagte Heil. „Nur weil wir alle vom Lockdown genervt sind, können wir ihn nicht Knall auf Fall beenden.“ Alles zur Corona-Lage in München lesen Sie hier. (dpa/lin)

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