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Wo bleibt eigentlich die Corona-Winterwelle?

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Von: Martina Lippl

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Wo bleibt die Corona-Winterwelle? Lauterbach warnt vor steigenden Infektionszahlen – zu Recht?
Wo bleibt die Corona-Winterwelle? Lauterbach warnt vor steigenden Infektionszahlen – zu Recht? © Christian Ohde/imago

Corona wird drei. Experten warnen vor einer neuen Infektionswelle im Winter 2022/23. Allerdings ist momentan von einer neuen Welle kaum etwas zu sehen.

München – Aktuell scheint die Corona-Lage in Deutschland relativ entspannt zu sein. Die Corona-Zahlen sind in den vergangenen Wochen deutlich gesunken. Hält dieser Trend weiter an? „Ich glaube, dass wir noch einmal eine Winterwelle bekommen werden“, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach am Donnerstag (24. November) im Bayerischen Rundfunk. Vorsichtig optimistischer äußerte sich der Berliner Virologe Christian Drosten im Zeit-Interview. Allerdings schloß er eine starke Winterwelle nicht ganz aus. Und jetzt?

Wo bleibt die Corona-Winterwelle 2022/23? Wie hoch sind die Infektionszahlen?

Das Robert Koch-Institut (RKI) vermeldete am Donnerstag eine Sieben-Tage-Inzidenz von 186,9. Am Vortag hatte der Wert noch bei 177,9 gelegen. Bekanntlich liefern die Daten jedoch nur ein unvollständiges Bild über das Infektionsgeschehen. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer bei den erfassten Corona-Fällen aus. Nicht alle Infizierten lassen einen PCR-Test machen und nur dessen Ergebnisse fließen in die Statistik ein.

Überrascht von der Dynamik ist auch Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften. „In der Tat habe ich mit dieser Entwicklung nicht gerechnet. Ich war von einer größeren Herbst- und Winterwelle ausgegangen“, sagte Ulrichs bei ntv.de.  Möglicherweise gäbe es inzwischen eine gewisse Herdenimmunität in der Bevölkerung durch Impfung und eine überstandene Infektion, vermutete der Wissenschaftler. Seiner Auffassung nach zeichne sich keine Trendwende zu einer Winterwelle ab. Ulrichs verwies auf die Überwachung der Viruslast im Abwasser, die keine Hinweise zeige.

Tatsächlich zeigt das sogenannte Abwassersurveillance des RKI keine steigenden Corona-Werte an. Im Gegenteil: Die Werte sinken. Bei der Viruslast im Abwasser an den ausgewählten Standorten ist von einer „versteckten“ Welle in Deutschland derzeit keine Spur.

Corona-Trendwende in Sicht? Das bedeutet die Omikron-Varianten BQ.1.1

Das Coronavirus ist unberechenbar. Das hat sich in der Vergangenheit gezeigt. Die Sars-CoV-2-Varianten haben selbst den Corona-Experten Drosten nach eigenen Angaben immer wieder überrascht. Der weitere Verlauf des Winter 2022 hängt seiner Auffassung nach auch davon ab, welche Corona-Variante sich als nächstes durchsetzt. „Gerade nehmen gleich zwei Omikron-Varianten Anlauf: BF.7 und BQ.1.1.“ Sollte der besonders ansteckende Omikron-Abkömmling BQ.1.1 dominant werden, „könnte der Winter noch einmal schwierig werden“, sagte Drosten.

BQ.1.1 hat schon den Spitznamen „Höllenhund“ oder „Cerberus“ weg. Dabei gibt es keinen Hinweis darauf, dass BQ.1.1 gefährlicher ist, als andere Varianten. Doch die Corona-Subvariante kann den Immunschutz noch besser umgehen. Experten sind überzeugt, dass sich die neue Corona-Variante in Europa und auch in Deutschland durchsetzt. In Deutschland breitet sich BQ.1.1 laut dem RKI zunehmend aus. Der Anteil in den Stichproben lag bei über 8 Prozent, wie aus dem Wochenbericht (Stand: 17. November 2022) hervorgeht.

So ist die Corona-Lage im Nachbarland Österreich

Österreich war Deutschland in der Corona-Pandemie in vielen Entwicklungen immer einen Schritt voraus. In der Alpenrepublik liegt der Anteil von BQ.1 inzwischen bei 21 Prozent. Die bisher dominante Variante BA.4/BA.5 rückläufig, teilte das Covid-Prognose-Konsortium in seinem jüngsten Bericht mit (Stand: 22. November).

„Eine Trendumkehr zu steigenden Zahlen“ sei in Österreich laut dem Bericht „möglich“. In der Altersgruppe der 5- bis 14-Jährigen stiegen die Fallzahlen an. Die Viruslast im Abwasser in manchen österreichischen Bundesländern steige an, während in den anderen die Entwicklung konstant sei.

Corona in Deutschland: Wie war die Entwicklung im Winter 2021?

Ist im Winter 2022/23 bei Corona wirklich alles anders? Ein Blick auf den Winter 2021 macht es deutlich: Im November 2021 und Dezember 2021 wurde keine Corona-Infektionswelle registriert. Die Infektionszahlen explodierten erst im Januar 2022. Im März hatte die Winterwelle ihren Höhepunkt erreicht.

Datum7-Tage-Inzidenz laut RKI
24. November 2021450,8
24. Dezember 2021280,1
24. Januar 2021956,6

Quelle: Pandemieradar

Corona-Prognose für den Winter 2022/23?

Die Wachstumsrate von BQ.1.1 ist noch ungewiss. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob BQ.1.1 eine neue Welle in Deutschland antreibt. Bundesgesundheitsminister Lauterbach könnte Recht behalten. Dass Bayern über ein Ende der Maskenpflicht in Bus und Bahn nachdenkt, kritisierte er scharf.

Für den Fall, dass auf Länderebene die aus seiner Sicht „leichtsinnige“ Entscheidung zur Abschaffung der Maskenpflicht im Nahverkehr falle, zeigte Lauterbach keine Neigung, dann auch zeitnah die Maskenpflicht im Fernverkehr abzuschaffen. Das Infektionsschutzgesetz gelte bis April. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck appellierte vor kurzem, in der aktuellen Pandemie-Phase einen achtsamen und rücksichtsvollen Umgang zu pflegen. (ml)

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