„Ganz mulmig“

Delta-Variante bald dominant: EM mit Corona-Nachspiel? RKI mit bedrückendem Ausblick

Der niederländische Fanblock beim Achtelfinale der EM 2021.
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Bei der EM 2021 ist in vielen Stadien von Maskenpflicht und dem Mindestabstand nicht viel zu sehen.

Die Delta-Variante breitet sich weiter in Deutschland aus. Minister Kretschmann blickt besorgt auf die vielen Zuschauer in den EM-Stadien. Der News-Ticker.

  • Die Sorge vor der Delta-Variante des Virus ist groß. Ministerpräsident Kretschmann hält einen weiteren Lockdown nicht für ausgeschlossen (siehe Erstmeldung).
  • Der Anteil der „reiseassoziierten Fälle“ ist laut RKI bislang gering (siehe Update vom 30. Juni, 7.32 Uhr).
  • Im Kabinett wurde heute auch die Situation von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie thematisiert. Viele Bundesländer heben aktuell die Maskenpflicht für Schüler auf (siehe Update vom 30. Juni, 17.30 Uhr).
  • Dieser News-Ticker wird regelmäßig aktualisiert.

Update vom 1. Juli, 8.51 Uhr: Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet am Donnerstag 892 Corona-Neuinfektionen. Zum Vergleich: Vor einer Woche hatte der Wert bei 1008 Ansteckungen gelegen. Die 7-Tage-Inzidenz gibt das RKI mit bundesweit 5,1 an (Vortag: 5,2; Vorwoche: 6,6). Deutschlandweit wurden nach diesen Angaben binnen 24 Stunden 63 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 93 Tote. 

Delta-Variante bald dominant: EM mit Corona-Nachspiel? RKI mit bedrückendem Ausblick

Update vom 30. Juni, 21.07 Uhr: Der Delta-Anteil der Corona-Neuinfektion steigt stetig. Ein Ende ist laut RKI vorerst nicht in Sicht. Die Experten gehen davon aus, dass Delta noch in dieser Woche zur dominierenden Virus-Variante in Deutschland wird. „Die aktuell vorliegenden Daten zeigen, dass damit zu rechnen ist, dass die Variante B.1617.2 sich gegenüber den anderen Varianten durchsetzen wird“, schreibt das RKI. Ab Kalenderwoche 26 werde es mindestens die Hälfte aller Neuinfektionen ausmachen.

In der dritten Juni Woche verdoppelt sich der Anteil der Delta-Variante in Deutschland erneut, teilt das Robert-Koch-Institut am Mittwoch mit. Die besonders ansteckende Mutante ist stark auf dem Vormarsch.

Corona in Deutschland: Lage von Kinder und Jugendlichen - Vorbereitungen für Öffnung von Schulen und Kitas

Update vom 30. Juni, 12.22 Uhr: Im Bundeskabinett wurde heute unter anderem über die Lage von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie diskutiert. In der zugehörigen Pressemitteilung von Bundesgesundheitsministerium und Bundesfamilienministerium wird unter anderem Bundesjugendministerin Christine Lambrecht zitiert, die sich für Präsenzveranstaltungen nach den Sommerferien aussprach: „Es ist gut, dass sich die Länder ab Herbst zum Präsenzunterricht unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen bekannt haben. Ein sicherer Regelbetrieb hat oberste Priorität. Denn erneute unzumutbare Belastungen für Familien sind nicht akzeptabel“, so Lambrecht.

Bundesgesundheitsminister Spahn appellierte an Länder und Kommunen, die Ferien zu nutzen, um ihre Strategien zu optimieren: „Um Schulen und KiTas nach dem Sommer im Normalbetrieb zu öffnen, müssen Länder und Kommunen die Urlaubszeit in diesem Jahr besser zur Vorbereitung nutzen. Die notwendigen Werkzeuge, wie Testen, Impfen, Lüften oder Filteranlagen sind alle da, sie müssen nun in klugen Konzepten umgesetzt und gelebt werden“, so Spahn. Das schulde man „den Jüngsten in unserer Gesellschaft nach diesen harten Monaten der Pandemie“.

Währenddessen kippen angesichts der niedrigen Inzidenzen aktuell immer mehr Bundesländer die Maskenpflicht für Schüler. Gegenüber dem Handelsblatt bezeichnete Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, das als „leichtsinnig und fahrlässig“. „Angesichts der ansteckenderen Delta-Variante sollten wir die Maskenpflicht bis zu den Ferien aufrechterhalten – und danach wegen der Reiserückkehrer auch mit Maskenpflicht starten“, so Meidinger. Kinder und Jugendliche würden durch das Wegfallen der Masken besonders gefährdet, da in dieser Gruppe noch kaum jemand einen Impfschutz habe.

Update vom 30. Juni, 12.22 Uhr: Zahlen der zweitgrößten deutschen Krankenkasse, der Barmer, zeigen, dass Tausende Patientinnen und Patienten in Deutschland nach ihrer Corona-Erkrankung weiter an einem sogenannten Post- oder Long-Covid-Syndrom leiden. Zwischen November 2020 und März 2021 seien mehr als 2900 Versicherte der Kasse von Langzeitfolgen betroffen gewesen, so eine Auswertung, die der Deutschen Presseagentur vorliegt. Die Deutsche Rentenversicherung erwartet der dpa zufolge dementsprechend auch eine steigende Zahl an Reha-Fällen wegen Post- oder Long-Covid.

Post-Covid-Syndrome betreffen laut der Kassen-Auswertung häufiger Frauen als Männer und seien stark altersabhängig beobachtet worden, bei Frauen ab 60 Jahren traten beispielsweise nach leichten Verläufen etwa sechsmal häufiger Post-Covid-Syndrome als bei Männern unter 40 Jahren auf. Tatsächlich sind den bei der Barmer-Untersuchung registrierten Langzeitfolgen auch häufig leichte oder gar asymptomatische Verläufe vorausgegangen: 47 Prozent der wegen Post-Covid Krankgeschriebenen seien zuvor nicht wegen einer Covid-19-Infektion arbeitsunfähig gewesen.

Der ärztliche Direktor am Reha-Zentrum Seehof in Teltow und Leiter der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation der Charité Berlin, Volker Köllner, hält es für wahrscheinlich, dass Covid-19 häufiger zu länger anhaltenden Folgesymptomen als andere Infektionen führe. Köllner meint gegenüber der dpa aber auch: „Wir brauchen keine Angst haben, dass Long-Covid die Deutschen in ein Volk von Zombies verwandelt“. Ein Großteil der leicht betroffenen Patientinnen und Patienten erhole sich innerhalb von rund drei Monaten ohne gravierende Folgen.

Update vom 30. Juni, 7.32 Uhr: Während die Corona-Zahlen in einigen Ländern aufgrund der Ausbreitung der Delta-Variante wieder steigen, bleiben sie in Deutschland weiter auf einem niedrigen Niveau. Die Gesundheitsämter haben dem Robert-Koch-Institut (RKI) innerhalb eines Tages 808 Neuinfektionen und 56 neue Todesfälle gemeldet. Das geht aus den Zahlen vom Mittwochmorgen (30. Juni) hervor. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt laut RKI bundesweit bei 5,2 (Vortag: 5,4; Vorwoche: 7,2).

Im neuen RKI-Lagebericht vom Dienstagabend (29. Juni) erklärte das Institut, dass Einreisende aus dem Ausland in diesem Sommer bislang nur einen recht kleinen Anteil an allen erfassten Corona-Neuinfektionen ausmachen. So wurden dem RKI zuletzt innerhalb von vier Wochen 1036 Fälle gemeldet, bei denen eine wahrscheinliche Ansteckung im Ausland angenommen wird. Das seien etwa zwei Prozent aller übermittelten Fälle. „Dies zeigt, dass im derzeitigen Infektionsgeschehen reiseassoziierte Fälle eine nachgeordnete Rolle spielen“, schreibt das RKI in dem Bericht. Allerdings lagen bei 42 Prozent aller Fälle keine Angaben zum wahrscheinlichen Infektionsland vor.

Zahl der Corona-Neuinfektionen in Europa nach langer Zeit wieder gestiegen

Update vom 29. Juni, 20.50 Uhr: Die Corona-Neuinfektionen in Europa sind erstmals seit zweieinhalb Monaten wieder gestiegen. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet haben sich zuletzt ca. 57.000 Menschen in Europa mit dem Coronavirus infiziert. In der Woche vom 12. bis zum 18. Juni waren es nur 46.000 Neuinfektionen gewesen. Ausschlaggebend hierfür ist vor allem das Infektionsgeschehen in Russland und Großbritannien, das von mehreren Experten auf die Ausbreitung der Delta-Variante zurückgeführt wird.

Corona in Deutschland: Impftempo in der Bundesrepublik zieht wieder an

Update vom 29. Juni, 16.45 Uhr: Während die Sorge vor der Delta-Variante wächst (siehe Erstmeldung), zieht das Impftempo in Deutschland langsam wieder an. Am Montag wurden 588.066 Impfdosen verabreicht. Zum Vergleich: am 12. Mai wurden seit Beginn der Impfkampagne mit mehr als 1,4 Millionen Dosen die meisten Impfungen durchgeführt.

Gesundheitsminister Jens Spahn informierte via Twitter am Montag über die aktuelle Impfquote in Deutschland: Demnach sind 44,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger (54 Prozent der Gesamtbevölkerung) mindestens einmal geimpft. 29,8 Millionen Menschen (35,8 Prozent) haben den vollen Impfschutz. Spahn nahm auch Bezug auf die Virus-Mutation: „Wichtig wegen Delta: Von den Ü60-Jährigen sind mehr als 60 Prozent vollständig geimpft, bei den 18- bis 59-Jährigen jeder Dritte.“

Eine Frau bekommt eine Corona-Schutzimpfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer verabreicht.

Regierung: Corona-Impfzusage wird früher erfüllt

Die Bundesregierung rechnet indes damit, dass sie ihr Corona-Impfversprechen früher einlösen kann als geplant. Die Zusage, jedem bis zum Ende des Sommers im September ein Impfangebot machen zu können, werde bereits in der ersten Hälfte des Sommers, wahrscheinlich schon im Juli erfüllt, hieß es am Dienstag aus Regierungskreisen in Berlin. Noch im Juli werde man 17 bis 18 Millionen Erstimpfungen mit einem mRNA-Impfstoff anbieten können. Die Nachfrage sei wahrscheinlich mehr als gedeckt, hieß es weiter.

Die Infrastruktur der Corona-Impfzentren soll den Informationen zufolge über den 30. September hinaus in „abgespeckter Version“ beibehalten werden. Es gehe dabei aber weniger um die „großen Tanker“ wie Messehallen, sondern um „Schnellboote“ wie die mobilen Impfteams. Diese würden im Herbst voraussichtlich für Auffrischungsimpfungen etwa in Pflegeeinrichtungen gebraucht.

Erstmeldung vom 29. Juni 2021: Anteil der Delta-Variante steigt: EM mit Corona-Nachspiel? Minister schließt Lockdown nicht aus

München - Der positive Corona-Trend in Deutschland setzt sich fort. Schritt für Schritt kehrt die Normalität zurück. Am Dienstag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) eine Sieben-Tage-Inzidenz von 5,4. Am Vortag hatte die Inzidenz bei 5,6 gelegen. Gleichzeitig werden die warnenden Stimmen in Deutschland immer lauter. Ursache ist die Delta-Variante, deren Anteil in Deutschland zunimmt.

Coronavirus in Deutschland: „Wir müssen Delta zurückdrängen“ - Kanzleramtsminister Braun mahnt

„Wir sind sehr besorgt“, so Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. Angesichts der zunehmenden Ausbreitung der Delta-Variante Braun für intensivere Kontrollen von Reiserückkehrern aus Risikogebieten ausgesprochen. Auch für zusätzliche, „möglicherweise auch verbindliche Tests“, sei er offen. „Wir müssen Delta zurückdrängen“, betonte er. Des Weiteren appellierte an alle, die noch nicht vollständig gegen das Coronavirus geimpft wurden, sich zweimal pro Woche testen zu lassen. Das sei „absolut notwendig“, um die Virus-Mutation zurückzudrängen, und gelte „ganz besonders“ für Reiserückkehrer aus aller Welt, sagte Braun.

Coronavirus: Kanzleramtschef Braun nennt „Schwachpunkt“ in Bezug auf Reiserückkehrer

Der Kanzleramtsminister verteidigte die Regelung, dass Reiserückkehrer aus Virusvariantengebieten auch dann in Quarantäne müssen, wenn sie bereits über den vollen Impfschutz verfügen. Braun sagte im ZDF, bei einer neu auftretenden Mutante dauere es relativ lange, um sicherzugehen, dass die Impfstoffe wirken. Zudem müsse geklärt werden, ob Geimpfte das Virus weitergeben können. „Deshalb ist es bei Virusvarianten richtig, dass auch Geimpfte in Quarantäne gehen“, sagte Braun. Die Annahme, dass sich die Bundesregierung gegen verschärfte Regeln entschieden habe, sei ein „Riesenmissverständnis“. „Wir haben in keiner Weise gesagt, dass wir einfach keine schärferen Regeln wollen“, sagte der Kanzleramtschef.

Europaweit habe Deutschland mit der zweiwöchigen Quarantäne für Reiserückkehrer aus Virusvariantengebieten allerdings bereits die strengsten Regeln. „Unser Schwachpunkt ist, dass andere Länder in Europa die nicht auch haben“, sagte Braun.

Angaben von Braun zufolge sei davon auszugehen, dass sich der Anteil der Infektionen mit der Delta-Mutation inzwischen auf rund 50 Prozent weiterentwickelt habe. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn sieht die Variante in Deutschland auf dem Vormarsch. In zwei bis drei Wochen werde „fast jede Infektion in Deutschland eine Delta-Variante sein“, sagte er. In Großbritannien, wo am Dienstag das EM-Achtelfinale zwischen Deutschland und England stattfindet, ist die Mutation bereits vorherrschend.

Coronavirus: Minister Kretschmann schließt neuen Lockdown nicht aus - „Wenn ich diese Bilder sehe, ist mir ganz mulmig“

Indes kann sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann angesichts der Delta-Variante und der Massenveranstaltungen rund um die Fußball-EM einen weiteren Lockdown durchaus vorstellen. „Das würde ich in keiner Weise ausschließen. Wenn die Welle dann kommt und wir in die Exponentialität kommen, haben wir ja keine anderen Möglichkeiten“, sagte er am Dienstag.

Er mache sich große Sorgen, dass sich die Delta-Variante weiter unaufhaltsam ausbreite. Hinsichtlich der feiernden Fußball-Fans in den EM-Stadien sei das seiner Ansicht nach möglich. „Wenn ich diese Bilder sehe, ist mir da ganz mulmig“, sagte Kretschmann. Die Maskenpflicht und ein Mindestabstand werden in vielen Stadien nicht eingehalten. Die entscheidende Frage sei, „ob wir dagegen animpfen können“, sagte Kretschmann. Einige Wissenschaftler hätten die vierte Welle vorausgesagt, „und sie hatten meistens recht“. In Israel stecken sich besonders Kinder und sogar Geimpfte mit der Delta-Variante an. (dpa/mbr)

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