Schwedens Experte gilt als umstritten und polarisierend

Coronavirus: Infektionen in jedem dritten Altenheim „bedauerlich“ - Schwedischer Epidemiologe legt sich mit Trump an

In der Coronavirus-Pandemie unter Druck: Donald Trump.
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In der Coronavirus-Pandemie unter Druck: Donald Trump.

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell legt sich in Sachen Corona mit US-Präsident Donald Trump an - dabei gilt er selbst als umstritten.

  • Corona-Krise: US-Präsident Donald Trump kritisiert Schweden für das Konzept der Herdenimmunität
  • Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell kontert Trumps Vorwürfe entschieden.
  • Doch der Arzt gilt wegen seiner eigenwilligen Strategie in der Coronavirus-Pandemie nicht als unumstritten - während ihn seine Landsleute meist bejubeln.

Washington/Stockholm - „Ich stehe vor der größten Entscheidung meines Lebens.“ Sagte Donald Trump vor seinem Entschluss darüber, ob er in der Corona-Krise der USA* Lockerungen von Ausgangsbeschränkungen trotz der grassierenden Coronavirus-Pandemie* erlauben will.

Donald Trump in der Corona-Krise: Wie ein einziges Hin und Her

Zuletzt wirkte das Vorgehen des US-Präsidenten wie ein einziges Hin und Her, unter anderem verwies er wie mit dem Zeigefinger auf Schweden, das Maßnahmen wie ein Kontaktverbot* ablehnt und auch nach gestiegenen Infektionszahlen auf die entspannte Einschränkung sowie die Vernunft seiner Bürger setzt.

Konkret warf Trump den Skandinaviern* vor, auf das Modell der Herdenimmunität zu setzen - und so angeblich die Kontrolle verloren zu haben. Den Konter von Schwedens Staatsepidemiologe gab es umgehend und in doppelter Ausfertigung. Dabei ist Anders Tegnell selbst nicht unumstritten. Und auch er polarisiert mit Aussagen und Einschätzungen zur Corona-Krise

Corona-Debatte und Herdenimmunität: Anders Tegnell kontert Donald Trump

„Ja, das kann man nicht ernst nehmen“, meinte Tegnell zuerst im schwedischen TV zu Trumps Aussagen: „Es ist natürlich sehr schwierig in Schweden, nicht zuletzt im Gesundheitswesen. Aber verglichen mit der Situation in New York, funktioniert es in Schweden weiter ziemlich gut.  Ich weiß nicht, was er damit meint, aber wir, die mit Infektionskrankheiten arbeiten, wissen ja, dass sich dieser Typ von Krankheit weiter ausbreiten wird, bis wir eine Immunität in der Bevölkerung erreicht haben. Einen anderen Weg, um es zu stoppen, gibt es nicht.“

Schwedens Chef-Epidemiologe: Anders Tegnell.

Auf einer Pressekonferenz legte der 63-jährige Arzt dann überdeutlich nach. „Nein, wir teilen seine Meinung nicht“, sagte er auf eine Frage zu Trump: „Natürlich leiden wir gerade, in verschiedener Hinsicht. Es ist viel Arbeit, viel Stress für das Personal. Es ist jeden Tag ein Kampf für sie. Aber es funktioniert. Das schwedische Gesundheitswesen ist eines der besten in der Welt und wird das auch bleiben.“

Corona-Strategie in Schweden: Ärzte beschweren sich über Tegnells Ansatz

Geteilte Einschätzung oder eigenwillige Meinung? Gesundheitsministerin Lena Hallengren wollte zuletzt nicht ausschließen, dass Schweden „auf eine medizinische Katastrophensituation zusteuern“ könnte. 

Ärzte beschwerten sich öffentlich. So sollen langärmelige Kleidung und Gesichtsmasken nicht in allen Phasen der Behandlung von Corona-Erkrankten Pflicht sein. „Es fühlt sich an, als würden wir geopfert“, zitierte die Zeitung Dagens Nyheter einen Stockholmer Arzt.

Schon früh hatte Tegnell seine leichten Schutzmaßnahmen gerechtfertigt, und Entscheidungen, zum Beispiel Schulen und Kitas geöffnet zu lassen, verteidigt. 

Schweden in der Corona-Krise: Schulen und Kitas bleiben auf

„Es ist schwer abzusehen, was passiert, wenn man Schulen schließt. (...) Darin unterscheidet sich Schweden von vielen Ländern: Hier arbeiten fast immer beide Elternteile. Und viele von ihnen arbeiten im Gesundheitssystem. Und wenn wir mit ihnen sprechen, sagen sie: Schließt die Schulen nicht“, erklärte er Ende März im Interview dem Magazin Cicero: „Das bedeutet, dass der Effekt dieser Maßnahme auf die öffentliche Gesundheit viel schlimmer sein wird als die Ausbreitung des Viruses in einer Schule.“

Er verwies auf die angeblich breite Unterstützung in der schwedischen Bevölkerung und eine „riesige Zahl an Unterstützerbriefen, die wir täglich bekommen“.  

Aftonbladet schrieb von einem „Nationalidol“, und die Publikation Dagens Nyheter lobte ihn als vorbildlichen Repräsentanten für die rund 400 Jahre alte schwedische Verwaltungstradition, die die obersten Behörden unabhängig von der Politik konstituiert hat. 

Trotz Ansatz von Anders Tegnell: Corona-Fälle in Schweden nahmen rasant zu

Doch kurz darauf gab es in jedem dritten Stockholmer Altenheim Corona-Fälle, was Tegnell als „bedauerlich“ bezeichnete. Auch die nachgewiesenen Infektionszahlen stiegen zwischenzeitlich rasant. 

Liegt er mit seinem Ansatz etwa doch nicht richtig? Zumindest scheint Schweden bisher recht gut mit dem Konzept zu fahren, dass eine Verbreitung des Virus zumindest akzeptiert wird. Jedoch ist die Tragweite dieser Politik noch nicht abzusehen - und die Übertragbarkeit von Tegnells Politik auf andere Länder infrage zu stellen. Schließlich ist die Bevölkerungsdichte Schwedens kaum vergleichbar mit anderen Staaten. 

Wie die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter ebenfalls berichtet, hatte Espen Nakstad, Vizechef der norwegischen Gesundheitsdirektion, Tegnells Strategie schon sehr früh attackiert und den Ansatz „völlig falsch“ genannt. 

Auf Social Media gibt es neben Lob mittlerweile auch reichlich Kritik. Tegnell rudert in seiner Argumentation beim Thema Herdenimmunität auch mal hin und her.

Er sagt zwar, dass es keinen anderen Weg gebe. Dass es sich dabei aber um eine bewusste schwedische Strategie handele, ergo, dass die Leute sich ruhig anstecken sollen, verneint er entschieden:  „Das ist nicht unser Ziel, und es wird auch nicht alle Probleme lösen.“

Coronavirus-Pandemie: Trump-Kritiker Tegnell rudert teils hin und her

Ob, und wie Corona-Probleme aber gelöst werden, daran wird auch er sich absehbar messen lassen müssen. 

Denn nicht nur Politiker, auch Epidemiologen und Virologen werden sich nach der Coronavirus-Pandemie einer öffentlichen Bewertung stellen müssen.

pm

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