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So gefährlich sind Corona-Impfdurchbrüche - Münchner Experte spricht Klartext

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Von: Marc Beyer

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Impfpass mit drei eingetragenen Corona-Impfungen, Symbolfoto Drittimpfung *** Vaccination certificate with three registe
Corona: Experten rufen zu einer raschen Booster-Impfung auf. © Christian Ohde/imago

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt, die der Impfdurchbrüche ebenfalls. Experten sind davon nicht überrascht und verweisen auf den meist milden Verlauf. Für wen Booster-Impfungen jetzt wichtig sind.

München - Vom Sportlichen abgesehen geht es Julian Nagelsmann schon wieder ganz gut*. Der Trainer des FC Bayern mag eine schmerzhafte Niederlage zu verarbeiten haben, aber die Corona-Infektion, die ihn in häuslicher Quarantäne hält, verläuft ausgesprochen mild.

Nagelsmann ist nicht der einzige Prominente, der trotz zweifacher Impfung an Covid-19 erkrankte. Auch Edmund Stoiber erwischte es diese Woche*, auch bei ihm sind die Symptome überschaubar. Solche Impfdurchbrüche häufen sich, zuletzt äußerte sich deshalb Markus Söder besorgt. Es ist vor allem die Menge an Fällen, die ins Auge sticht, weniger ihre Intensität. Die ist in den meisten Fällen überschaubar.

117.763 wahrscheinliche Impfdurchbrüche verzeichnete das Robert-Koch-Institut (RKI)* bisher, die Tendenz weist deutlich nach oben. Statistisch ist das keine Überraschung. Das RKI nennt die Entwicklung „erwartbar“. Weil immer mehr Menschen geimpft sind und die Wirksamkeit des Biontech-Vakzins zunächst bei 95 Prozent lag, bei der Delta-Variante inzwischen aber nur noch bei 70 bis 80, bedeuten steigende Infektionszahlen auch mehr Durchbrüche. Bei den über 80-Jährigen, von denen knapp 85 Prozent immunisiert sind, lag der Anteil zuletzt bei 58,9 Prozent.

Münchner Virologe: „Wer doppelt geimpft ist, muss keine Angst haben“

An der weitreichenden Schutzwirkung der zwei Spritzen ändert das nichts. „Wer doppelt geimpft ist, muss keine Angst haben“, sagt Franz-Xaver Reichl, Virologe an der Münchner LMU. Die Intensivstationen füllen sich zwar mittlerweile wieder stetig, doch es sind zum allergrößten Teil Ungeimpfte und Vorerkrankte, die versorgt werden müssen. Reichl verweist auf eine Studie aus den USA, in die die Daten von 178 Millionen Immunisierten eingeflossen sind. Nur knapp 16.000 mussten später wegen einer schweren Corona-Erkrankung behandelt werden – 0,009 Prozent. „Das ist sehr, sehr wenig.“

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Corona-Impfdurchbrüche: Das können die Ursachen dafür sein

Ursache für einen Durchbruch ist in vielen Fällen eine Vorerkrankung oder ein geschwächtes Immunsystem, auch altersbedingt. Die Delta-Variante, die eine deutlich höhere Viruslast mit sich bringt, ist ebenfalls ein Faktor. „Natürlich spielt auch die nachlassende Wirkung der Impfung eine Rolle“, mahnt Reichl. Bei 80-Jährigen nimmt die Menge der Antikörper im Schnitt nach sechs Monaten spürbar ab, bei 70-Jährigen sind es sieben bis acht, bei 60-Jährigen dauert es noch länger. Unter den insgesamt 1.076 Corona-Toten mit Impfdurchbrüchen, die bis Ende voriger Woche erfasst wurden, waren laut RKI 782 Personen mindestens 80 Jahre alt.

„Der nächste Schritt“, fordert Reichl deshalb, „sind Drittimpfungen bei 80-, 70-, 60-Jährigen.“ Warum der Impfschutz nachlässt, erklärte Virologe Reichl nachdem sich Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen häuften*. Die Ständige Impfkommission empfiehlt sie momentan nur Menschen ab 70, Vorerkrankten sowie Personal im Medizin- und Pflegebereich. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern dehnen diese Zielgruppe auf Bürger ab 60 aus. Es sei „mehr als genug“ Impfstoff für sie vorhanden, verspricht Bundesminister Jens Spahn.

Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl von der LMU München bei einer Telefonaktion in der Redaktion.
Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl von der LMU München bei einer Telefonaktion in der Redaktion. © Oliver Bodmer

Debatte um Booster-Impfungen

Zu den mäßig erfolgreichen Dauer-Appellen, sich überhaupt impfen zu lassen, kommt nun noch eine Debatte um die dritte Dosis. Es sei offenkundig, „dass wir zu langsam sind“, sagt die SPD-Gesundheitsexpertin Sabine Dittmar. Zum Beleg verweist sie auf die knapp sechs Millionen – überwiegend älteren – Bürger, die bis Ende April zweimal geimpft wurden. Ein halbes Jahr später sei es nun an der Zeit für einen Booster. „Statt dieser sechs Millionen zählen wir aber erst 1,9 Millionen“, moniert sie. „Das reicht nicht, um gut über den Winter zu kommen.“

Zumal die Zahl der Neuinfektionen schon jetzt wieder bedenklich steigt. Am Freitag waren es 24.668 in 24 Stunden, rund 5000 mehr als vor einer Woche. Das RKI mahnt an, nicht notwendige Kontakte zu reduzieren. Deutschlandweit stieg die Inzidenz in 24 Stunden von 130,2 auf 139,2. Noch deutlicher ist der Zuwachs in Bayern. Dort lag der Wert bei 221,9 (+13,2) – höher als je zuvor. Südbayern ist stark von Corona betroffen. Die Gegenden haben sich nun zusammmengetan und die Regeln im Kampf gegen die Pandemie verschärft.

Booster-Corona-Impfung: Die wichtigsten Antworten und Fragen

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Aktuell passiert genau das, was Experten seit Wochen vorhersagen: Die Inzidenzen steigen rasant an. Im Interview erklärt der Münchner Infektiologe Dr. Christoph Spinner*, wie die Lage einzuordnen ist.*Merkur.de und tz.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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