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Das Drama um den Baby-Wal

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Sydney - Der Anblick ist herzzerreißend: Ein verirrtes Walbaby paddelt vor Sydneys Küste.

Es hat seine Mama verloren. Vielleicht ist sie krank oder tot - auf jeden Fall kann sie sich nicht mehr um ihr Baby kümmern. Auf seiner verzweifelten und einsamen Suche fand das Buckelwalkalb eine Yacht, die es mit seiner Mama verwechselte. Immer wieder versuchte es, an verschiedenen Stellen des Schiffes nach Milch zu saugen – weil das Kleine so hungrig ist.

Die Tragödie um das mutterlose Tier scheint nicht mehr abwendbar zu sein. Experten sind sich sicher: Das Walbaby hat kaum Überlebenschancen. Es sei eine Frage von Tagen, erklärt John Dengate, Sprecher der Naturschutzbehörden des australischen Bundesstaates New South Wales. Ohne die Milch der Mutter könne das Walkalb nicht lange überleben.

Ein Rettungsteam versuchte noch, das Walkalb ins offene Meer zu locken. „Wir haben die Yacht herausgeschleppt, in der Hoffnung, dass das Jungtier mitzieht. Doch uns erreichte die traurige Nachricht, dass es zurückgekehrt ist: Wir haben es heute wieder bei Pittwater gesichtet, die Stelle, an der es vorher herumirrte.“ Dengate ist sich sicher, dass das Kleine keinen Kontakt mit anderen Walen aufnehmen konnte oder dass die Tiere kein Interesse an dem verirrten Baby gezeigt haben. Aber, so der Experte: „Das Kalb ist noch sehr jung, maximal ein oder zwei Monate alt. Es braucht unbedingt seine Mutter oder eine andere Walkuh, die es adoptiert.“

Doch die Chance sei sehr gering, dass ein fremdes Tier, das gerade Nachwuchs hat und damit über Milch verfügt, das mutterlose Walkalb annimmt – so Walexperte Rob Harcourt von der Universität von New South Wales. Und Dengate sagt: „Normalerweise bleiben Walkinder ganz nah bei ihren Müttern. Für etwa elf Monate sind sie unzertrennbar, bis das Kleine selbstständig ist.“ Diese behütete Zeit, die über Leben oder Tod des Tieres entscheidet, ist dem Walkalb vor Sydneys Küste nicht vergönnt.

Kleine Kälber suchen Kontakt

Dr. Harald Benke ist Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund und Walexperte. Sein Sorgenkind ist dieser Tage der Buckelwal, der sich in die Ostsee verirrt hat. Doch auch zum Buckelwalkalb vor Australiens Küste beantwortet der Meeresbiologe die wichtigsten Fragen:

Wie kann sich ein Baby-Wal verirren?

Dr. Harald Benke: Die Tiere kommunizieren über Laute. Die Gewässer sind aber mit Geräuschen verseucht, u.a. durch Schiffsverkehr oder Erdölplattformen. Mutter und Kind trennen sich entweder, wenn die Mama versucht, einen Räuber zu vertreiben. Oder wenn sie zum Fischen geht. Manchmal finden sich Mutter und Kind dann nicht wieder, weil sie sich nicht hören können.

Wie kommt es, dass ein Baby ein Schiff mit der Mama verwechselt?

Die Kleinen suchen Kontakt – nicht nur zur Mutter. Bei den Pottwalen z.B. kümmert sich auch die Tante ums Kalb. Und von unten sieht ein Walkörper ähnlich aus wie ein Schiffsrumpf.

Es heißt, die Gesänge der Buckelwale seien die schönsten aller Meeressäuger …

Ja. Die richtig schönen Gesänge tragen die Männchen vor. Die Weibchen suchen sich dann die besten „Sänger“ zur Paarung aus.

Wie leben die Buckelwale?

Sie sind Einzelgänger, ein Vater ist bei der Aufzucht des Nachwuchs nicht eingeplant. Und sie wandern. Von kalten Regionen, wo sie ihr Futter finden, in wärmere Gefilde, wo sie kalben.

Gibt es wirklich keine Chance auf Rettung?

In Kalifornien gab es einen ähnlichen Fall mit einem Grauwalkalb. Da hat man es geschafft, das Baby im Meerespark „Seaworld“ (San Diego) mit der Flasche aufziehen. Doch dazu braucht man eine Einrichtung wie Seaworld, vor allem ein genügend großes Becken.

Wie steht es denn um unseren Ostsee-Wal?

Der Bursche ist schon wieder in die Lübecker Bucht zurückgekommen. Jetzt hoffen wir, dass er doch noch den Weg in die Nordsee findet.

Die Bestände der Buckelwale haben sich seit dem Fangverbot von 1966 leicht erholt. Doch eine Studie des WWF bezeichnet die Tiere als Klimaverlierer Nummer Eins. Welche Überlebenschancen haben die sanften Riesen?

Zwar ist die Zahl der Buckelwale langsam etwas gewachsen. Aber das Futter wird in Zukunft knapp werden, weil die Tiere nur in der bedrohten Antarktis oder Arktis Nahrung finden. Wale werden Leidtragende des Klimawandels sein.

Was fasziniert sie an den Meeressäugern?

Ihre Größe. Wenn Ihnen einmal ein Blauwal in freier Natur begegnet und sich wie eine Insel aus dem Wasser erhebt – das ist gigantisch.

Quelle: tz

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