Angst der Wirtschaft macht einen Teil der derzeitigen Weltkrise

„Die Psychologie ist ganz entscheidend!“

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Nicht nur bei den Börsenhändlern, auch in der Wirtschaft geht die Angst um: Psychologie ist ein Teil der aktuellen Krise.

Kommt es zum großen Crash oder nicht? Über die Situation sprach die tz mit Prof. Dr. Rudolf Hickel, dem Leiter des Instituts für Arbeit und Wirtschaft der Uni Bremen.

Wie dramatisch ist die Lage? Sie sprachen davon, dass eine Auszahlungssperre der Banken mangels Liquidität bereits kurz bevorstand?

Hickel:Die Situation ist deshalb so dramatisch, weil die Finanzmarktkrise in der Zwischenzeit voll auf die Produktionswirtschaft durchschlägt. Bisher sind die Fast-Zusammenbrüche der Banken nicht relevant gewesen für die Produktionswirtschaft. Jetzt zeigen die Beispiele SAP und die Automobilindustrie, dass die Produktion zurückgefahren werden muss und die Krise voll durchgeschlagen hat. Zum anderen mache ich der Mehrheit der deutschen Anleger ein großes Kompliment, die haben sich alle sehr vernünftig verhalten, der Massenansturm auf die Konten hat nicht stattgefunden.

Bankenkrise: Wie sicher ist unser Geld?

Bankenkrise und kein Ende - jetzt hat der Abwärtstrend auch Deutschland erfasst. Wie groß ist das Vertrauen der Deutschen in Geldinsitute und die Politik noch? merkurtz.tv hat sich unter Münchner Bankkunden umgehört.

Wird das Vertrauen bestehen bleiben?

Hickel:Entscheidend ist, dass dieses Vertrauen, das noch da ist, ganz schnell in sich zusammenbrechen kann, und deshalb ist Erklärung der Bundeskanzlerin, alle Sicht- Spar und Termineinlagen der Privatkunden werden durch den Staat gesichert, ein wichtiger Beitrag, das Vertrauen zu stabilisieren. Aber das Vertrauen wird am Ende erst richtig stabilisiert, wenn die Politik dran geht, durch Regulierungen dieses Missmanagement im Bankensystem abzubauen.

Was muss passieren?

Hickel:Wir brauchen erstens, und da ärgern sich die Bürgerinnen und Bürger, unmittelbare Notmaßnahmen. Der Staat ist jetzt bei der Verhinderung des Zusammenbruchs von den Banken gefordert. Das ist ärgerlich, weil er im Grunde in die Bresche von Missmanagern springen muss. Aber das ist unvermeidbar, weil das Bankensystem ganz entscheidend ist für die Funktionsweise der Wirtschaft. Wenn das Bankensystem zusammenbricht, bricht die ganze Wirtschaft zusammen.

Zweitens müssen aber auch über die Notmaßnahmen hinaus die Spielregeln durchgesetzt werden. Beispielsweise müssen Geschäfte verboten werden, wie hochspekulative Leerkäufe. Die machen die Ökonomie kaputt. Wir brauchen auf der anderen Seite einen Finanz-TÜV, der überprüft, welche Finanzierungsinstrumente zulässig sind, damit künftig nicht mehr faule Produkte an Rentnerinnen verkauft werden können.

Hat die Finanzaufsicht Bafin versagt?

Hickel:Die Bafin hat insofern nicht versagt, als die Geschäfte zulässig waren. Ich hätte mir nur gewünscht, dass der Gesetzgeber sie von vorneherein verboten hätte. Aber die Situation zeigt, dass die Bafin im Grunde ein zahnloser Tiger ist und deshalb auch gestärkt werden muss bei der echten Kontrolle von Bankenbilanzen.

Wie viel Psychologie steckt eigentlich im Markt?

Hickel:Einerseits gibt es eine sehr reale Krise, die ausgelöst wurde durch die Profitgier vor allem der Investmentbanker, die mit neuen Finanzinstrumenten schnelle Profite erzielen wollten. Auf der anderen Seite ist jetzt die Psychologie ganz, ganz entscheidend. Denn was dominiert die Wirtschaft? Die Angst! Und die Angst ist eine psychologische Kategorie und soweit ist es auch wichtig, die Ängste ernst zu nehmen und diese zu therapieren. Mit einer ökonomisch-rationalen Theorie kriegt man das nicht mehr in den Griff. Man braucht heute vertrauensbildende Maßnahmen.

Was passiert im schlimmsten Fall, im Worst Case?

Hickel:Wenn der Worst Case eintritt, der allerschlimmste Fall, dann bricht der Himmel über uns ein, dann wird es eine tiefe Krise geben, die viel Kapital vernichtet auch von Kleinsparern. Wenn die Banken nicht mehr die Liquidität haben, die Einlagen auszuzahlen, dann erfährt der Bürger als allererstes, er hat kein Geld und kann die laufenden Ausgaben nicht decken. Dann bricht alles, auch die Produktionswirtschaft würde in die Knie gehen. Es entsteht eine tiefe Krise mit Massenarbeitslosigkeit. Und genau, weil dieser Megagau so schrecklich ist, lohnt es sich nachzudenken, wie dieser verhindert werden kann. Wir haben aus der Wirtschaftskrise 1929 gelernt, beispielsweise, dass die Notenbanken das Geldsystem jetzt mit Liquidität fluten, Wir haben es jetzt in der Hand, dass es zum Supergau nicht kommt.

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Deutsche Aktien fallen trotz Zinssenkung weiter

Sie haben im Fernsehen erklärt, wir waren schon sehr knapp an einem Auszahlungsstopp der Banken?

Hickel:So würde ich es nicht sagen. Es gibt einige Kunden, die angstvoll ihre Konten stürmen. Ich habe mir erzählen lassen, bei der Deutschen Bank in Frankfurt hätten sie nur noch 20 Euro-Noten ausgegeben. Aber insgesamt ist der Run noch nicht eingetreten und das ist gut so.

Die Aktienkurse fallen weltweit besorgniserregend. Welche Folgen hat das, wenn es so weitergeht?

Hickel:Wenn der Kursverfall weitergeht, verlieren auch die Börsen ihre Finanzierungsfunktion. Sie setzt keine richtigen Signale mehr für die Finanzierung von Unternehmen durch Kapitaleigner. Die Finanzierung der Wirtschaft wird sehr stark belastet. Das hat zur Folge, dass Versicherungen und Banken massive Wertberichtigungen vornehmen müssen, weil sie auch Aktien im Portfolio haben. Die Aktionäre werden dadurch belastet und das ist eine katastrophale Entwicklung.

Momentan bewegen wir uns also auf den Worst Case zu?

Hickel:Ich glaube nicht. Ich würde es mal so sagen: Der Worst Case ist immer das Damoklesschwert, das über uns schwebt. Ich bin aber ziemlich sicher, dass es dazu nicht kommt, deshalb fand ich es richtig von der Kanzlerin zu sagen, wir stehen für die 1,6 Billionen Euro Einlagen ein.

Helfen solche Aussagen, um den Markt psychologisch zu beruhigen?

Hickel:Ja, die helfen, weil das Vertrauen der Anleger gestärkt wird. Aber es gibt noch viele andere Maßnahmen, die helfen. Insoweit war auch die Entlassung des Vorstandsvorsitzenden der Hypo Real Estate völlig richtig. Es war ein Signal, dass die Missmanager nicht mehr bleiben.

Wann kommt es an den Börsen zur Trendwende?

Hickel:Ich glaube nicht, dass die Kurse in den kommenden Wochen noch sehr viel weiter fallen. Was allerdings noch eine Gefahr ist: das Überschwappen auf die Produktionswirtschaft. Wenn BMW drei Wochen die Produktion einstellt, wird die Aktie weiter nach unten gehen.

Fürchten Sie weitere Auswirkungen auf die Konjunktur?

Hickel:Ganz sicher. Es ist unverantwortlich, dass meine ökonomischen Kollegen wie Klaus Zimmermann vom DIW (Deutsches Institut für Wirtschaft, d. Red.) hergehen und erklären, die Bankenkrise habe nichts zu tun mit der Produktionswirtschaft, ja nur von einem „Entertainement auf höchstem Niveau sprechen. . Der hat die Ursachen und Folgen der Finanzmarktkrise nicht richtig erfasst. Das ist ja das Schlimme: Dass das Feuer überspringt auf die Produktionswirtschaft. Das halte ich für brandgefährlich.

Warum wirkt sich die Finanzkrise auf die Produktionswirtschaft aus?

Hickel:Es gibt mehrere Gründe. Der einfachste Grund ist, dass die Banken ihre Kredite nur noch teurer vergeben und dass sie sehr restriktiv bei der Vergabe sind. Der kreditabhängige kleine Unternehmer, der Handwerker hat das Problem.

Kann das zu einer größeren Arbeitslosigkeit führen?

Hickel:Ich bin ganz sicher, dass die Entwicklung Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen wird. Das wird mit einer zeitlichen Verzögerung zum Arbeitsplatzabbau führen. Der wird allerdings relativ beschränkt bleiben.

Haben Sie für sich schon Geld abgehoben oder umgeschichtet?

Hickel:Hand aufs Herz. Ich persönlich habe gar nichts gemacht.

Quelle: tz

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