„kleine Revolution“

Er, sie, sir? Die Debatte um das dritte Geschlecht

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Symbolbild

Mann und Frau - und sonst nichts? Diese Annahme hat spätestens nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zum dritten Geschlecht ausgedient.

Berlin - Sobald sich der Babybauch auch nur ein klein bisschen wölbt, kommt die Standardfrage. „Und, was wird es: Junge oder Mädchen?“ Blickt man sich um in Deutschland, so ist der Alltag weitestgehend zweigeteilt: In Stellenanzeigen wird nach „m/w“ gesucht. Beim Profisport und in der Mode: hier Herren, dort Damen. Bei den Kindern: rosa und hellblau. Das Bundesverfassungsgericht hat nun etwas entschieden, das manche Vorstellung ändern könnte.

„Historisch“, „kleine Revolution“, „Durchbruch“. Diese Worte fielen, als die Karlsruher Richter vor rund einer Woche bekanntgaben, dass es im Geburtenregister mit den Kategorien männlich und weiblich nicht getan ist. Eine dritte Option wie „inter“ oder „divers“ steht zur Debatte - oder der Eintrag des Geschlechts könnte ganz wegfallen.

Nicht mehr nur die Geschlechtsidentität von Mann und Frau soll damit anerkannt werden, sondern auch die von Menschen, die weder das eine noch das andere sind. So verwunderlich der Beschluss für Laien sein mag: In Deutschland betrifft das Thema mehrere Zehntausend Menschen. Ganz genaue Zahlen fehlen. Allein 80 000 intersexuelle Menschen - ohne biologisch eindeutige Geschlechtsmerkmale - soll es geben. Der Beschluss ist aber darüber hinaus auch für Menschen relevant, die sich nicht in Mann-Frau-Kategorien einordnen (lassen) möchten.

Wer ins Internet schaut, stößt - neben vielen zustimmenden Worten - auf manches Kopfschütteln über den Beschluss der Richter. „Wenn man sonst keine Probleme hat ...“, steht unter einem Artikel. Oder: „Nicht jede Minderheit benötigt extra Regeln.“ Wer wissen will, wie sich Menschen aus dieser Minderheit fühlen, muss nachfragen. Welche Veränderungen im Alltag sind zu erwarten? Noch sind Unisexumkleiden und -toiletten rar.

Warum ist das Geschlecht so ein Aufreger?

Ein Anruf bei der Bundesvereinigung Trans* in Berlin, bei René_ Hornstein vom geschäftsführenden Vorstand. Der Unterstrich im Namen ist bewusst gewählt, weil sich Hornstein weder als Mann noch als Frau sieht. Bei der Kontaktaufnahme kann sich Verunsicherung breit machen: Klar ist, Formulierungen wie „Sehr geehrte Damen und Herren“ oder „Danke, Herr...“ passen nicht mehr. Eine Standardlösung werde es auch in Zukunft nicht geben, glaubt Hornstein und rät, nach Wünschen der Menschen zu fragen und diese zu berücksichtigen.

Hornstein selbst kämpfte bei einer Kontoeröffnung vergeblich darum, nicht als männlicher Kunde der Bank eingetragen zu werden und in Briefen mit „Guten Tag, René_ Hornstein“ angesprochen zu werden. Der Beschluss ist nun Bestärkung, auf Änderungen solcher Standards zu pochen. Aber nicht nur: Noch mieden Menschen aus der Community etwa Saunen und Schwimmbäder, aus Angst vor Diskriminierung. „Dann sind wir nicht sichtbar, dann weiß niemand von uns“, sagt Hornstein. Ein Teufelskreis.

Mehr Hoffnung auf Freiheit für Intersexuelle

Mit dem Beschluss gebe es Hoffnung, dass sich nun mehr Intersexuelle und Trans-Menschen trauen, in der Öffentlichkeit sichtbarer zu werden. Sichtbarer werden könnte die Geschlechter-Vielfalt auch in Lehr- und Schulbüchern. Petra Lucht vom Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin wertet den Beschluss auch als Appell an die Wissenschaften, bestehende Ergebnisse nicht länger zu ignorieren.

„Wenn das Wissen so dargestellt wird, dass es nur zwei Geschlechter gibt, dann beeinflusst das die Wahrnehmung von nur zwei Geschlechtern im Alltag“, sagt sie. Dabei sei diese Norm erst im Zusammenhang mit den modernen Wissenschaften der vergangenen 300 Jahren konstruiert worden - teils wider besseres Wissen, etwa in Biologie und Medizin, wo Intersexualität lange bekannt ist. Geschlecht sei so zu einem Platzanweiser in der Gesellschaft und einem zentralen identitätsstiftenden Merkmal geworden, sagt Lucht.

Vielleicht ist das ein Grund, warum die Debatte über Geschlechter immer wieder Wellen schlägt. Und was für welche. Die Unisextoilette ist in Berlin Sinnbild für den politischen Richtungsstreit geworden. Als sich der neue Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) zum Thema äußerte, war der Alarm groß. „Das war eine regelrechte Kampagne“, sagt ein Sprecher der Senatsjustizverwaltung heute. Dabei habe Behrendt nichts anderes getan, als zu einem alten Beschluss einen Zwischenbericht vorgelegt. Der Senat sollte prüfen, in welchen öffentlichen Gebäuden „bei Neu- oder Umbaumaßnahmen Unisextoiletten eingerichtet“ werden könnten und welche Kosten dabei entstünden.

Für mehr Akzeptanz

Die Idee stammte von der Piratenfraktion, leicht geändert wurde der Antrag 2015 von allen Fraktionen durchgebracht. Auch mit Stimmen der heutigen Oppositionsparteien. Die CDU-Fraktion erklärt heute, es sei damals wie heute ihre Meinung gewesen, dass Berlin dringendere Probleme habe. „Herr Behrendt sollte auf dieses Thema weder Geld noch Energie verschwenden.“ Die Einführung von Unisextoiletten hätte in ihrer täglichen Arbeit gar keine Priorität, erklärt der Sprecher der Senatsjustizverwaltung. Sie sei aber trotzdem wichtig, wenn es darum gehe, Diskriminierung zu vermeiden.

Diskriminierung vermeiden. Das wünschen sich viele Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen, auch von der Sprache. Einige Lösungen gibt es schon: etwa den Unterstrich („Lehrer_innen“) und das Sternchen („Lehrer*innen). Sie scheinen laut Duden bisher vor allem von Interessenvertretern und im Uni-Bereich genutzt zu werden. „Wir gehen davon aus, dass diese Schreibungen in offiziellen Kontexten zunehmen werden“, erklärt die Redaktionsleiterin, Kathrin Kunkel-Razum. Gerade, wenn nach der Umsetzung des Beschlusses auch in Amtstexten der Diversität Rechnung getragen werden müsse.

Offen bleibt aber selbst für Duden-Experten die Frage, wie ein weiteres Personalpronomen neben „er“ und „sie“ lauten könnte. „Sir“ halte sie persönlich für keine schlechte Lösung, so Kunkel-Razum. Fragezeichen aber auch mit Blick auf Kinder-Vornamen: Diese sollen in der Regel die Zuordnung zu einem Geschlecht ermöglichen. Die queerpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Melanie Kühnemann, erwartet, dass nach dem Beschluss aus Karlsruhe an vielen Stellen neu nachgedacht werden muss. Denn in Personalakten und vielen Formularen müsse man ein Geschlecht angeben, das sei nun einmal weit verbreitet.

Sie stört sich daran, wenn manche in dem Zusammenhang mit der Mehrheit argumentieren: „Ich weiß nicht, was diese Mehrheit sein soll“, sagt sie. Setze sie sich nicht aus vielen Minderheiten zusammen? Wichtig sei vor allem, dass es mehr Akzeptanz gebe, sagt Kühnemann. Intoleranz gegenüber Menschen aus der queeren Community gebe es häufig. Anfeindungen sieht René_ Hornstein in einer Gesellschaft begründet, die Verunsicherung und Irritation scheut - und appelliert: „Wir müssen gesellschaftlich daran arbeiten, dass wir uns verunsichern lassen können.“

dpa

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