Kerze löste verheerendes Feuer aus

Drei seiner Kinder verbrannten im Flüchtlingscamp

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Vater Seido mit seinem Sohn Niaza, der an Epilepsie leidet, am Morgen nach dem Brand.

München - "Da schau, da. Da in diesem Zelt, dachten wir, sind unsere Kinder endlich in Sicherheit.“ Seido (32) weiß nicht, ob er zuerst vor Wut um sich schlagen will oder ob er vor Trauer losschreien muss.

Erst schreit er. Dann wird er plötzlich still, lässt die Arme sinken. Er schluckt zweimal und zeigt hinter sich. „Da, das ist der Rest, was mir bleibt von meinen drei Kindern. Ja, sie sind tot. Saman, Sema und Siver sind tot.“ Er muss es sich selbst laut vorsagen, denn glauben kann Seido das alles nicht. Wie auch? Wie soll er glauben, dass er vor gerade mal zwölf Stunden drei seiner fünf Kinder für immer verloren hat.

Saman (7), Sema (5) und Siver (2) sind verbrannt. In einem Zelt im Flüchtlingscamp Khanke im Nordirak.

Es ist der Morgen nach der Katastrophe. Und es ist nicht der letzte Morgen, an dem Flüchtlinge fassungslos um die Ruine eines abgebrannten Zeltes stehen. Immer wieder kommt es zu verheerenden Bränden. Auch am vergangenen Wochenende, an dem wieder ein Kind zwischen Schaumstoffen und Pappe sein Leben verloren hat.

Je kälter es wird, desto verzweifelter versuchen die Menschen, ein bisschen Wärme für ihre Familie in die Unterkünfte zu bringen. Und auch Licht. Sie zünden alles an, was brennt, Müll, Pappe, Holzreste. Alles, was sich finden lässt. In den Zelten stellen sie Kerzen auf. Auch, damit sich die Kinder in der Dunkelheit besser zurechtfinden.

Die Überreste des Zeltes.

So wie bei Saman (7), Sema (4) und Siver (2). Die drei Kinder waren abends mit ihrer großen Schwester Maida (14) in ihrem Familienzelt im Flüchtlingslager. Das Mädchen passte auf ihre Geschwister auf. Mama, Papa und Bruder Niaza (13), der an Epilepsie leidet, waren bei Bekannten ein paar Zelte weiter. Um 21.30 Uhr wollten sich die Kinder hinlegen. Sie breiteten die gestapelten Matratzen auf dem Betonboden aus. Und da muss es passiert sein. Eines der drei Kinder stieß die einzige Lichtquelle im Zelt, eine Kerze, um. Sofort fingen die Schaumstoffmatratzen und Kartons, die als Unterlage und Schutz gegen die heraufziehende Kälte dienten, Feuer. Das Zelt stürzte binnen kürzester Zeit ein, Maida versuchte, ihre Geschwister aus dem Feuer zu ziehen. Vergeblich. Das Mädchen erlitt selbst schwere Brandverletzungen am Rücken.

Vater Seido ist verzweifelt: „Wir sind sofort losgerannt. Es war ja nicht weit, aber es war trotzdem schon zu spät.“ Der 32-Jährige hält seinen Sohn Niaza im Arm. Er weicht keinen Meter von seiner Seite. Immer wieder wandert sein Blick zur Ruine, zu den Überresten des Brandes. Als ob Saman, Sema oder seine kleine Siver irgendwo lebend herauskriechen würden. Als ob sie sich versteckt hätten zwischen der geschmolzenen roten Plastikwanne, den angekokelten Polyster-Pullis und den Schaumstofffetzen.

Seidos Frau ist nicht da. Sie sitzt im Zelt nebenan. Umringt von anderen Frauen, die gemeinsam mit ihr wehklagen. Sie beten und singen für die toten Kinder, rufen den Engel Taus-i Melek an. Denn Seido und seine Familie sind Jesiden. Für diese religiöse Minderheit, ist der Engel Ansprechpartner als Vertreter Gottes.

Wegen ihrer Religion werden die Jesiden von dem IS im Irak verfolgt. Seido musste mit seinen Lieben am 3. August fliehen. Gemeinsam mit drei anderen Familien schlug er sich durch die Berge von Sinja Richtung Norden durch. Erst zwei Monate, nachdem sie ihre Zuhause verlassen hatten, wurden sie von der kurdischen Armee aufgegriffen und übergangsweise in einer Schule untergebracht. Dann endlich die Nachricht, die Familie würde ein eigenes Zelt im Flüchtlingscamp Khanke bekommen. „Wir dachten, jetzt sind wir wirklich in Sicherheit“, sagt Seido. „Siver war so glücklich, Saman auch, und vor allem Saman war so glücklich, dass wir wieder ein ganzes eigenes Zuhause haben. Und dann das.“ Seido ist wieder still. Schüttelt den Kopf. Er weiß nicht, wie er mit dem Schmerz weiterleben soll. Er weiß nicht einmal, ob er weiter glauben kann. „Warum hat Gott das zugelassen, warum hat er meine Kinder vor dem Terror beschützt und jetzt sterben lassen?“

tz-Stichwort: Brandgefahr

Die Gefahr, dass ein Feuer in einem der Flüchtlingslager ausbricht, wächst von Tag zu Tag. Unicef ist mit Mitarbeitern in allen Camps unterwegs, um die Flüchtlinge über Brandschutz zu informieren und über Maßnahmen im Falle eines Feuers aufzuklären. Besonders gefährlich ist derzeit der Wind, der von den Bergen im Norden des Iraks herunterbläst. Mehrere Zelte wurden schon weggefegt. Vor allem beim Kochen über offenem Feuer passieren immer wieder schlimme Unfälle.

tz-Aktion für Unicef: Spenden Sie für Flüchtlingskinder

Erfahren Sie mehr über die Aktion der tz mit Unicef auf tz.de/unicef

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