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Finanzkrise und danach: Sind wir noch zu retten?

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Was nach der Panik bleibt.
Was nach der Panik bleibt. © dpa

Am Anfang war von einer Finanzkrise in den USA die Rede. Wie wir nun wissen: Die Krise weitete sich aus, erreichte die ganze Welt - nicht ohne uns auszulassen.

Die Frage nun: Wie kommen wir da wieder raus?

Die Zeitungen waren im Januar 2008 voll von Schilderungen apokalyptischer Szenarien. Seit einigen Wochen wird über eine mittlerweile weltweite Finanzkrise und deren möglichen Folgen spekuliert. Vor gut einer Woche der Beginn eines weltweiten Börsencrashs. Jetzt wird die Gefahr beschworen, dass die Realwirtschaft global in Mitleidenschaft gezogen wird – von eben jener Schattenwirtschaft der Banker, die uns lange verborgen blieb und nicht ganz zu unrecht heute mit einem Spielcasino verglichen wird.

Finanzkrise - Sind unsere Jobs in Gefahr?

Aus anfänglicher Ignoranz der Bürger wurde Sorge, dann Angst. Mittlerweile ist an den Börsen, da, wo die Unternehmen der Realwirtschaft bewertet werden, Panik ausgebrochen. Arbeiter, Arbeitnehmer, aber auch Unternehmer in Deutschland sind fassungslos. Unsere Wirtschaft blüht, scheinbar. Die Arbeitslosenquote ist von über 5 Millionen auf nahezu 3 Millionen gesunken. Die Nation debattiert, ob sie und wie sie im Jahr bescheidene 3 bis 4 Milliarden Erbschaftssteuer einsammeln soll. Ein Tropfen auf den heißen Stein, denn: Zur gleichen Zeit wird quasi über Nacht von der Bundesregierung ein Billionen-Versprechen für die Bürger abgegeben, eine angeschlagene Bank (Hypo Real Estate) mit einer 26-Milliarden-Bürgschaft gerettet und ein Unterstützungspaket für die Banken mit einem Gesamtvolumen von ca. 500 Milliarden Euro verabschiedet. Wie konnte all das passieren? Sind dramatische Zukunftsängste berechtigt oder ist alles nur Hysterie? Brauchen wir mehr Staat? Betrifft uns das mögliche Horrorszenario überhaupt?

Wir sind alle betroffen

Um mit Letzterem zu beginnen: Ja, die Turbulenzen in der Finanzwelt und an der Börse haben sich zu einem Gewitter mit Orkanböen der Windstärke zwölf entwickelt. Die Ausläufer dieses Orkans, der vor zehn Tagen in New York, Tokio, Moskau, Frankfurt und anderswo begann, haben uns bereits erreicht. Wir müssen alle unsere Häuser und Wohnungen wetterfest machen. Aber es könnte ein reinigendes Gewitter sein, eines, das die verseuchte Luft reinigt, die skrupellose Profitgeier mit der Beihilfe eines ahnungslosen US-Präsidenten verursacht haben. In einer vierteiligen Serie erklärt die tz die Ursachen der Krise, blickt hinter die Kulissen jener Akteure, die verantwortlich sind, beschreibt die Auswirkungen für die Bürger und untersucht die möglichen Auswege aus der Krise. So viel sei schon jetzt vorweggenommen: Wir können es schaffen, aber das Tal der Tränen bleibt uns nicht erspart.

Wir wurden nicht rechtzeitig gewarnt

Als sich im Jahr 2005 die Vogelgrippe in Europa auszubreiten drohte, waren die europäischen Regierungen ebenso schnell wie rigoros: Keulung des gesamten Tierbestandes in einer Hühnerfarm, wenn auch nur bei einem einzigen Huhn der gefährliche Virus entdeckt wurde. Außerdem Importstopp für alles Federvieh aus jenen Ländern, in denen der Vogelgrippevirus zugeschlagen hatte. Außerdem Verbot von Geflügelmärkten und ein Wildvogel-Monitoring, also die Beobachtung und stichprobenartige Überprüfung der gefährdeten Spezies in freier Natur. Die Bevölkerung deckte sich vorsorglich mit dem mutmaßlich einzig wirksamen Medikament ein, Tamiflu.

Diese Epidemie blieb uns aber – vorerst – erspart, möglicherweise dank Keulung und Monitoring.

In etwa zeitgleich, also in den Jahren 2005 und 2006 zeichnete sich die Gefahr einer anderen Epidemie ab: die amerikanische Immobilienblase, auch eine Art Virus der dank Globalisierung bereits damals Europa erreicht hatte. Aber anders als die braven Tierhalter und Bauern, die jeden Verdacht auf Vogelgrippe meldeten, zogen es die Banker vor, den Virus „Immobilienblase“ weiterzureichen, an andere Kreditinstitute, weltweit. Der Grund hat vier Buchstaben: GIER, bestenfalls Ahnungslosigkeit oder Dummheit. Und Regierung bzw. Bankenaufsicht (BaFin) versäumten es, diese Immobilien-Grippe z.B. durch Monitoring im Auge zu behalten. Im übertragenen Sinne verzichtete man auf „Keulung“, also darauf, den Banken die Geschäfte mit jenen toxischen Produkten zu verbieten, die heute eine unheilvolle Epidemie ausgelöst haben, die sogar zum Kollaps der Wirtschaft führen kann.

Die Banken setzten mit verseuchten Finanzprodukten, die sie vornehm Derivate oder Zertifikate nennen, lieber die Existenz der sozialen Marktwirtschaft aufs Spiel als den eigenen Profit.

Das „Spielcasino“ wurde schon im Jahr 2001 eröffnet

Ausgangspunkt der Krise war eine andere Krise und zwar im Jahr 2001. Als damals eine andere Blase platzte, die New Economy (oder auch Internetblase genannt), entschied Präsident Bush, die Kreditvergabe zu erleichtern und die US-Bürger zu animieren, sich vermehrt Häuser und Wohnungen zuzulegen. Die günstigen Zinsen, eine Geldschwemme aus asiatischen Ländern, vor allen Dingen aus China, und die Bereitwilligkeit der Banken, Kredite auch ohne entsprechende Sicherheiten zu gewähren, sorgten für einen ungeahnten Boom. Jeder konnte ohne eigenes Kapital, nur auf Pump, „Häuslebauer“ werden. Die exorbitante Nachfrage sorgte für steigende Preise in der Immobilienlandschaft. Trotzdem wurden weitere Kredite verteilt, teilweise sogar 110 Prozent, also 10 Prozent mehr als die Hütte kostete, denn immerhin sollten sich die neuen Eigentümer auch eine schöne Einrichtung leisten dürfen, vielleicht auch noch ein weiteres Auto. Wie gesagt, alles auf Pump, also ohne Eigenkapital. Das geliehene Geld landete in der US-Wirtschaft, bei Bauunternehmen, Architekten, in der Möbelindustrie, teilweise auch bei uns, bei BMW, Mercedes, VW, SAP. Es ist also nicht weg. Das Geld ist nur woanders. Nahezu alle profitierten von der Konsumfreudigkeit und nahezu alle hatten einen Job. Ein Perpetuum Mobile des Wohlstands? Spätestens jetzt wird sich der Otto Normalverbraucher fragen: Warum nicht auch hier, bei uns? Warum müssen wir vor unseren Banken die Hose runterlassen, bevor wir einen lächerlichen Kredit von beispielsweise 5000 Euro bekommen? Warum verlangen unsere Sparkassen Eigenkapital von bis zu 50%, wenn wir eine Wohnung kaufen? Wenn die Wirtschaft so leicht anzukurbeln ist, dann ist es doch praktisch, wenn jeder bei einem halbwegs gesicherten Einkommen einen ungesicherten Kredit bekommt – oder?

Warum deutsche Banken konservativ sein müssen

Die Antwort ist für uns Kontinental-Europäer ebenso einleuchtend wie selbstverständlich: Die Banken können und dürfen ein solches Risiko nicht eingehen.

Warum?

Was passiert, wenn Sie Ihren Job verlieren? Wie können die Raten noch bezahlt werden, wenn die Zinsen steigen? Die deutschen Banken und Sparkassen haben auch klare gesetzliche Vorgaben die so in den USA bedauerlicherweise fehlen.

Finanzkrise - Angst vor Jobverlust

Die „Häuslebauer“ in den USA wohnen jetzt in Zeltstädten

Im Gegenteil: Die US-Banken durften Geld nahezu ungebremst und unkontrolliert verteilen. Die Folge heute: Die Blase ist geplatzt! 15 Millionen Wohnungen und Häuser stehen dort leer. Teilweise wurden die Eigentümer zwangsgeräumt. Jeder 6. Hauseigentümer, der es bis heute geschafft hat, die Kreditraten zu bezahlen, steht kurz vor dem Ruin, da der Wert jeder Immobilie dramatisch gesunken ist, und keine Käufer mehr gefunden werden, die solche Immobilien übernehmen – gegen Übernahme des restlichen Kredits. In einigen Bundesstaaten haben die ehemaligen Hauseigentümer Zeltstädte errichtet, um sich zumindest vor Regen zu schützen. Der bevorstehende Winter lässt Böses für die ehemaligen Hausbesitzer befürchten. Die weitere Folge: Auch der Wert jener Häuser, die sich in der Nachbarschaft zu diesen Problem-Immobilien befinden, sinkt. Keiner will dort wohnen, wo sich vermeintlich so etwas wie Armut ausbreitet.

Aber diese vorhersehbare Entwicklung würde uns normalerweise nicht tangieren, nicht hier in Deutschland. Diese Art von Immobilienblase müssten – normalerweise – jene US-Banken ausbaden, die das Geld leichtfertig verliehen haben.

Normalerweise!

Aber die findigen Banker in Kalifornien, Florida, Ohio und anderswo haben schon vor einigen Jahren ein „Spiel“ erfunden, das an Kettenbriefe und Schenkkreise erinnert, die hierzulande schon manchem Geld gebracht, den letzten Adressaten aber regelmäßig Geld gekostet haben (allein in Deutschland haben Teilnehmer von Schenkkreisen ca. 800 Millionen Euro verloren).

Wie es möglich war, dass die Immobilienblase auch toxische Auswirkungen für deutsche Geldinstitute hatte, dass die faulen Kredite – übrigens nicht nur aus dem Immobilienbereich – wie ein Virus die Weltwirtschaft befallen konnten, lesen Sie in der nächsten Ausgabe.

Dr. Michael Scheele

Quelle: tz

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