Böse Auswirkungen auf Umwelt & Wirtschaft

Fleisch-Atlas: So viel essen Sie in Ihrem Leben

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Essverhalten nach Bundesländern - Fleisch- und Wurstverzehr in Gramm/Tag (Vergrößerung)

München - Die Fleisch-Lust in Deutschland ist ungebrochen. Auf das ganze Leben gerechnet vertilgen wir pro Kopf 1094 Tiere. Welche Auswirkungen unser Fleischkonsum auf Umwelt und Wirtschaft weltweit hat:

Die Deutschen frönen der Fleischeslust: Vor allem Männer beharren auf Schnitzel und Wurst auf ihrem Teller, und zwar zum günstigen Preis. Je vier Rinder und Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, je 46 Schweine und Puten und 945 Hühner vertilgt der Bundesbürger durchschnittlich im Laufe seines Lebens, verteilt auf rund 60 Kilo im Jahr. Was die Leidenschaft der großen Gruppe der Nicht-Vegetarier und die daraus folgende Massentierhaltung mit dem Klimawandel zu tun hat, mit Armut in anderen Teilen der Welt und nicht zuletzt mit Gesundheitsgefährdung, zeigt der Fleisch-Atlas.

Heinrich-Böll-Stiftung und Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), die die kritische Faktensammlung herausgeben, fordern eine Kehrtwende in der Agrarpolitik: „Subventionen für intensive Fleischproduktion streichen, Landnahme im Süden verhindern, kleinbäuerliche Landwirtschaft fördern und das Menschenrecht auf Nahrung ernst nehmen.“

Wie hat sich die Fleischproduktion geändert?

Noch vor 50 Jahren wurden die meisten Tiere in mittleren bis kleinen Herden gehalten, mit selbst angebautem Getreide gefüttert. Im Sommer standen sie auf der Weide. Jetzt gibt es Mastfabriken: 40 000 Hühner oder 2000 Schweine unter einem Dach ist die Regel, nicht mehr die Ausnahme. Seit 1961 hat sich die Geflügelproduktion weltweit mehr als verzehnfacht, die Schweineproduktion verfünffacht. Diese Hochleistungs- und Hochertragslandwirtschaft hat den Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden, Bewässerungssystemen stark gesteigert.

Wie steht die EU zur industriellen Fleischerzeugung?

Sie fördert sie mit Beihilfen in Milliardenhöhe, deshalb ist die Massentierhaltung relativ billig.

Wie sieht der Fleischverbrauch in Deutschland aus?

85 Prozent der Bevölkerung verbraucht so gut wie täglich Fleisch oder Wurst, mengenmäßig mit 89 Kilo pro Person viermal soviel wie Mitte des 19. Jahrhunderts und doppelt so viel wie vor hundert Jahren. 20 Prozent landen im Mülleimer, gegessen werden also 60 Kilo.

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In welcher Form wird das Fleisch verzehrt?

Hauptsächlich als Wurst, meist als abgepackte Billigware im Supermarkt. Nur noch ein Drittel ist Frischware vom Metzger.

Wie wirken sich Fleischskandale aus?

Rinderwahnsinn, Schweinepest, Maul- und Klauenseuche. Vogelgrippe oder Hygieneskandale führen jeweils zu spektakulären Absatzeinbrüchen. Das Wort „Gammelfleisch“ kam 2005 auf Platz fünf der Wörter des Jahres.

Was kritisieren Böll-Stiftung und BUND an der Preisgestaltung?

Die günstigen Wettbewerbspreise verdecken ihrer Meinung nach die wahren Kosten – an denen der Konsument als Steuerzahler durch verschiedene Subventionen beteiligt ist. Die größte Zeche zahle die Natur.

Welche Rolle spielt Biofleisch?

Bisher eine bescheidene. Biorindfleisch hatte 2010 einen wertmäßigen Marktanteil von vier Prozent, Schweinefleisch ein Prozent, Geflügel zwei Prozent. Milch 2,5 Prozent und Eier neun Prozent.

Ist die Gruppe der Vegetarier gewachsen?

Der Vegetarierbund teilt mit, dass sich seine Mitgliederzahl seit 2008 verdreifacht hat. Große Unternehmen wie Siemens, Ikea, Puma oder die Bayerische Versicherungskammer haben vegetarische Gerichte in ihren Kantinen eingeführt. Laut Forsa versuchen 52 Prozent der Deutschen, ihren Fleischhunger zumindest zu zähmen.

Wie wird das Klima durch Massenviehhaltung beeinflusst?

Die Abgabe von Ammoniak aus Intensivtierhaltungen trägt zum Klimawandel bei. Im Jahr 2011 schätzte das European Nitrogen Assessment die Schäden durch den Einsatz von Nitrodüngern bis 320 Millarden Euro. Der Agrarsektor trägt in Deutschland offiziell mit 6 bis 7 Prozent zur Freisetzung von Treibhausgasen bei. Andere Berechnungen gehen von bis zu 35 Prozent aus. Allein die Umwandlung von Wiesen in Ackerflächen für Viehfutter (z. B. Mais oder Soja) – EU-weit 70 000 Hektar im Jahr – setzt enorme Mengen Kohlenstoff frei. Auf einem Drittel des weltweit kultivierten Landes wachsen Futtermittel.

Ist die Kuh ein Klimakiller?

Das wurde dem Rindvieh gern unterstellt, weil es klimaschädliches Methan ausatmet. Lässt man es aber auf der Weide grasen, kann die von ihr genutzte Fläche in etwa gleicher Menge Klimagase binden. Das hat die Tierärztin Anita Idel, Mitverfasserin des Weltagrarberichts, festgestellt. Fleisch und Milch aus Weidehaltung könne annähernd klimaneutral erzeugt werden.

Was hat der Fleischverbrauch mit dem Regenwald zu tun?

Das größte Regenwaldgebiet der Welt im Norden Brasiliens wird hauptsächlich für die Ausbreitung der Rinderzucht vernichtet. Von 1975 bis 2006 sind die Weideflächen im Amazonasgebiet umd 518 Prozent gewachsen! In den letzten Jahren hat sich die Entwaldung, die im Mehrjahresdurchschnitt bei rund 20 000 Quadratkilometern lag, auf 6200 Quadratkilometer reduziert (Fläche des Saarlandes). Nicht nur wegen der inländischen Rinderzucht wird der für das Klima so wichtige Regenwald abgeholzt, sondern auch für den Export von Futtersoja an Viehzüchter in anderen Ländern.

Welche Nation isst am meisten Fleisch?

In den USA, dem Heimatland von Steaks und Hamburger, stagniert der Fleischverbrauch, aber auf extrem hohem Niveau. Im Durchschnitt verdrückt jeder Amerikaner täglich 196 Gramm Fleisch, jede Amerikanerin 125 Gramm. Schwellen- und Entwicklungsländern haben teilweise zweistellige Wachstumsraten. In China hat sich der Fleischkonsum binnen drei Jahrzehnten vervierfacht. In den ärmsten Ländern liegt der Verbrauch bei unter 10 Kilogramm jährlich.

Wie verbreitet sind Antibiotika-Gaben an Schlachttiere?

2011 lieferten die Pharmakonzerne 1734 Tonnen Antibiotika an Tierärzte aus, ein Rekord in der EU. Beispiel: In Niedersachsen werden in 82 Prozent der Masthuhnbetriebe Antibiotika gegeben. Durch den Einsatz von Antibiotika steigt die Gefahr der Entstehung resistenter Bakterien (siehe auch Kasten links), „die durch den Welthandel jede Grenze überwinden können.“

BW

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