Kleine Hände, große Last

Flüchtlingskinder müssen arbeiten, damit ihre Familien überleben

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Der siebenjährige Mohamed (r.) arbeitet wie seine Geschwister in der Landwirtschaft. Die Erde für die Aussaat vorzubereiten, ist seine Aufgabe.

Beirut - Der Krieg in Syrien trifft besonders Kinder hart. Die kleinsten Flüchtlinge müssen arbeiten, damit ihre Familien überleben. Sie können der tz und UNICEF helfen, das zu ändern.

Manchmal kann Mohamed kaum einschlafen, so schmerzen seine Glieder. Die Hände sind wund und spröde, seine Lippen aufgeplatzt, weil er den ganzen Tag kaum etwas getrunken hat. Mohamed ist gerade mal sieben Jahr alt und arbeitet fast jeden Tag. So wie die meisten seiner sieben Geschwister, die alt genug für die Arbeit sind. Seine Mutter Amal (33) kümmert sich um die kleinen Kinder, Vater Kahlet (38) kann die Familie nicht unterstützen. Er sitzt seit drei Jahren in Aleppo im Gefängnis. Eines nachts kamen Männer mit schwarzen Kampfanzügen und nahmen ihn mit. Seit diesem Tag hat die Familie nichts mehr von Kahlet gehört. Und an diesem Tag beschloss Amal auch, dass sie Syrien mit ihren acht Kindern Richtung Libanon verlässt. Sie wollte nahe an der Heimat sein, nahe bei ihrem Ehemann. Sie hofft immer, dass es irgendwann gute Nachrichten geben wird, die sie ihren Kindern überbringen kann.

Das jüngste der Geschwister ist jetzt drei Jahre alt. An den Vater hat es keine Erinnerung. Aber Amal erzählt immer wieder von ihm, damit er nicht ganz vergessen wird. Ob er noch lebt? Das weiß keiner.

Früher hatte die Familie nie finanzielle Probleme, Kahlet war ein guter Handwerker und hatte viele Jobs. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs ist alles anders. Die Kinder müssen die Familie versorgen. Dona (13) ist die Älteste. So oft sie Angebote von den Großbauern aus der Umgebung bekommen, geht sie mit ihren Geschwistern auf die Felder. Sie ernten Zucchini, Gurken, Tomaten, Auberginen, ziehen Furchen in die Erde, damit die neue Saat eingelegt werden kann. Sie jäten Unkraut und hacken die Felder. Nicht einmal fünf Euro an einem Arbeitstag von zehn Stunden verdient ein Kind im Libanon für die harte Arbeit.

Amal kann einfach kein Geld verdienen, weil sie sich um die kleinen Kinder und das tägliche Überleben kümmern muss. Aber auch bei Familien, in denen es Väter gibt, die gerne arbeiten würden, nehmen die Arbeitgeber lieber die Kinder als die Erwachsenen. Die sind zum einen billiger, zum anderen dürfen Jugendliche unter 16 Jahren die unzähligen Kontrollstellen ohne Papiere passieren. Viele Familien sind illegal im Libanon, die Aufenthaltsgenehmigungen sind abgelaufen. Bei Kontrollen würden die Erwachsenen sofort verhaftet werden, die Arbeitgeber bekämen Probleme und Strafzahlungen. Das vermeiden sie, indem sie die Kinder arbeiten lassen.

Für die heißt das: Sie können nicht zur Schule gehen, geschweige denn spielen. Und sie werden krank. Bei einer Umfrage von Unicef in einem jordanischen Lager für syrische Flüchtlinge klagten drei von vier befragten Kindern über gesundheitliche Probleme. Die meisten müssen sechs oder sieben Tage die Woche schuften. Der Lohn: ein paar Euro, die gerade reichen, um nicht zu verhungern.

Rama schält jeden Tag Knoblauch

Rama will um jeden Preis lernen. Damit die 13-Jährige zum Unterricht in das Unicef-Kinderschutzzentrum Beyond gehen kann, sitzt sie fast jede Nacht vor Bergen von reifem Knoblauch, der geschält und verpackt werden will. Jede einzelne Zehe muss das Mädchen reinigen. Meist arbeitet es gemeinsam mit seiner Mutter. „Ich würde meiner Tochter gerne ein anderes Leben bieten als das hier in einem alten Hühnerstall“, sagt Zobaida Tassoun (50), die an Asthma und Diabetes leidet. Ihr Mann hat Krebs, und einer der vier Söhne ist fast blind. Manchmal mag man es kaum glauben, was eine Familie alles aushalten muss.

Auch Rama sieht schlecht. Ein Unicef-Mitarbeiter hat ihr eine Brille besorgt, jetzt geht es besser. Das Zuhause der Familie hat kein Fenster, das Bad ist ein Loch im Boden, durch das das Wasser abfließt. Geduscht wird einmal pro Woche. Das ist alles zum Aushalten, findet Rama. „Aber meine Mama weint jeden Tag und ich würde ihr so gerne mehr helfen“, stottert die 13-Jährige ganz leise. Und gleichzeitig würde sie doch so gerne in eine ganz normale Schule gehen, um später einmal selbst Lehrerin zu werden. „Vor dem Krieg wäre das gegangen, aber jetzt ist alles kaputt. Jetzt weiß keiner, was werden soll.“

Wir leben jetzt vom Müll der anderen

Die Brüder Amare (10) und Shahade (8) sind Vollprofis. Sie kennen die besten Müllhalden rund um ihr Flüchtlingscamp im Bekaa-Tal und wissen genau, was ihre syrischen Landsleute am besten brauchen können. In all den Abfallbergen suchen sie nach Material, das sich wiederverwerten oder für ein paar Cent verkaufen lässt. Zum Beispiel große Plastikflaschen. Die werden mit Sand oder Dreck befüllt und verwendet, um Zeltplanen zu beschweren. Anderes Baumaterial brauchen die Menschen zum Abdichten ihrer Behausungen. Seit drei Jahren arbeiten die Brüder nun schon als Müllsammler und können nicht mehr in die Schule gehen.

DO

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