RAF-Terroristin Becker: Ganz lässig zum Mordprozess

Stuttgart - Lässig ist Ex-RAF-Terroristin Verena Becker vor Gericht erschienen. Aber: Sie schweigt im Mordprozess zum Buback-Attentat von 1977 zum Tatvorwurf. So lief der erste Prozesstag.

Die frühere RAF-Terroristin Verena Becker will sich im Mordprozess zum Buback-Attentat von 1977 vorerst nicht äußern. Beim Prozessauftakt verweigerte die 58-jährige Angeklagte am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart die Aussage zur Anschuldigung der Bundesanwaltschaft, dass sie an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern beteiligt gewesen sei.

Beckers Anwalt Walter Venedey sagte im hochgesicherten Gerichtsgebäude von Stammheim: “Frau Becker möchte weder zur Person noch zur Sache derzeit weitere Angaben machen.“ Bei der Verlesung der Anklageschrift warf Bundesanwalt Walter Hemberger der Angeklagten vor, gemeinschaftlich mit anderen handelnd “aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch drei Menschen getötet zu haben“.

RAF-Morde: Bilder vom Prozess gegen Verena Becker

Mit Sonnenbrille betritt Verena Becker den Gerichtssaal. © dpa
Die Bundesanwaltschaft wirft der 58 Jahre alten Angeklagten vor, an der Ermordung Siegfried Bubacks und seiner zwei Begleiter am 7. April 1977 beteiligt gewesen zu sein. © dpa
Der Medienandrang beim Prozess ist groß. © dpa
Laut Anklage soll Becker maßgeblich an der Entscheidung für den Mordanschlag, an dessen Planung und der Verbreitung der Bekennerschreiben mitgewirkt haben. © dpa
Michael Buback, Siegried Bubacks Sohn, fährt am Donnerstag (30.09.2010) in Stuttgart in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Stammheim. © dpa
Das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart hat 17 Verhandlungstage bis zum 21. Dezember angesetzt. © dpa
Das RAF-Logo ist am Donnerstag (30.09.2010) in Stuttgart an einem Zaun vor der Mehrzweckhalle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stammheim auf einem Plakat zu sehen, das Symphatisanten kurz zuvor dort aufgehängt hatten. © dpa
Bis heute ist ungeklärt, welches RAF-Mitglied bei dem Attentat in Karlsruhe die tödlichen Schüsse auf den 57-jährigen Buback und dessen zwei Begleiter - den 30-jährigen Fahrer Wolfgang Göbel und den 43-jährigen Justizwachtmeister Georg Wurster - abgefeuert hat. © dpa
Ein Mann steht in Stuttgart vor der Mehrzweckhalle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stammheim, in der sich das Oberlandesgericht Stuttgart befindet. © dpa
Verena Becker (M) steht zusammen mit ihren Anwälten Hans Wolfgang Euler (l) und Walter Venedey (r) im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts Stuttgart in Stuttgart-Stammheim. © dpa
Im Zusammenhang mit dem Buback-Attentat wurden in den 80er Jahren die RAF-Mitglieder Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Knut Folkerts wegen Mordes verurteilt - allerdings lediglich als “Mittäter“. © dpa
Auch Becker war wegen einer anderen Tat bereits zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt und 1989 begnadigt worden. © dpa

Die Bundesanwaltschaft geht jedoch - anders als der Sohn des Ermordeten, Michael Buback - nicht davon aus, dass Becker die Todesschützin beim Attentat vom 7. April 1977 in Karlsruhe war. Laut Anklage soll Becker maßgeblich an der Entscheidung für den Mordanschlag, an dessen Planung und Vorbereitung sowie der Verbreitung der Bekennerschreiben mitgewirkt haben. Diese gingen am 13. und 14. April 1977 bei mehreren Zeitungsverlagen und Presseagenturen ein. An den Briefumschlägen der Bekennerschreiben waren DNA-Spuren Beckers gefunden worden.

Die Bundesanwaltschaft hält Becker rechtlich für eine “Mittäterin“. Das zeige eine Gesamtschau der Zeugenaussagen und Indizien. In der Anklage hieß es weiter, Becker habe sich in den vergangenen Jahren in mehreren schriftlichen und digitalen Aufzeichnungen intensiv mit ihrer Rolle beim Buback-Attentat und mit ihrem “Täterwissen“ auseinandergesetzt. Dabei habe sie “deutlich gemacht, dass sie keine Reue empfindet“, betonte Hemberger. So habe Becker am 7. April 2008 - dem 31. Jahrestag des Anschlags - folgende handschriftliche Notiz verfasst: “Nein, ich weiß noch nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll, ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld und Reue. Natürlich würde ich es heute nicht mehr machen - aber ist das nicht armselig, so zu denken und zu fühlen?!“

Die RAF: Schreckensbilder vergangener Zeiten

Eine der Aufsehen erregendsten AKtionen der RAF: Die Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hans-Martin Schleyer am 5. September 1977 in Köln.
Eine der Aufsehen erregendsten Aktionen der RAF: Die Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer am 5. September 1977 in Köln. © dpa
Bei der brutalen Aktion erschoss die RAF drei Leibwächter sowie den Fahrer Schleyers.
Bei der brutalen Aktion erschoss die RAF drei Leibwächter sowie den Fahrer Schleyers. © dpa
43 Tage lang hielten die Terroristen Schleyer gefangen...
43 Tage lang hielten die Terroristen Schleyer gefangen... © dpa
... Nachdem die parallel ausgeführte Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" scheiterte, wurde Schleyer am 18. Oktober 1977 erschossen.
... Nachdem die parallel ausgeführte Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" scheiterte, wurde Schleyer am 18. Oktober 1977 erschossen. © dpa
Wenige Monate zuvor hatte die RAF auch schon gemordet, als am 7. April in Karlsruhe Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine zwei Begleiter kaltblütig erschossen wurden.
Wenige Monate zuvor hatte die RAF auch schon gemordet, als am 7. April in Karlsruhe Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine zwei Begleiter kaltblütig erschossen wurden. © dpa
Fünf Jahre zuvor hatte die RAF auch in Bayern Anschläge verübt. So wurde unter anderem das Landeskriminalamt in München Ziel eines Bombenattentats. Dabei gab es zahlreiche Verletzte, 60 Autos wurden demoliert.
Fünf Jahre zuvor hatte die RAF auch in Bayern Anschläge verübt. So wurde unter anderem das Landeskriminalamt in München Ziel eines Bombenattentats. Dabei gab es zahlreiche Verletzte, 60 Autos wurden demoliert. © dpa
Der Terror der RAF reichte bis spät in die 80er Jahre hinein: Am 30. November 1989 wurde Deutsche-Bank-Vorstand Alfred Herrhausen in Bad Homburg ermordet.
Der Terror der RAF reichte bis spät in die 80er Jahre hinein: Am 30. November 1989 wurde Deutsche-Bank-Vorstand Alfred Herrhausen in Bad Homburg ermordet. © dpa
Jahrelang der Kopf der RAF: Andreas Baader.
Jahrelang der Kopf der RAF: Andreas Baader. © dpa
Ulrike Meinhof.
Ulrike Meinhof. © dpa
Gudrun Ensslin.
Gudrun Ensslin. Zusammen mit Baader und Meinhof war sie lange die treibende Kraft der RAF. © dpa
Brigitte Mohnhaupt.
Im folgenden weitere Terroristen, die für die RAF brutal aktiv waren: Brigitte Mohnhaupt. © dpa
Rolf Heißler. © dpa
Jan Carl Raspe.
Jan Carl Raspe. © dpa
Rolf-Clemens Wagner.
Rolf-Clemens Wagner. © dpa
Ernst-Volker Staub und Daniela Klette.
Ernst-Volker Staub und Daniela Klette. © dpa
Knut Volkerts.
Knut Volkerts. © dpa
Peter-Jürgen Boock.
Peter-Jürgen Boock. © dpa
Christian Klar, der nach 26 Jahre Haft in die Freiehit entlassen wird.
Christian Klar, der nach 26 Jahre Haft in die Freiheit entlassen wird. © dpa
Das Gefängnis, das Berühmtheit erlangte: Stuttgart-Stammheim. Dort nahmen sich die inhaftierten Baader, Meinhof und Ensslin das Leben.
Das Gefängnis, das Berühmtheit erlangte: Stuttgart-Stammheim. Dort nahmen sich die inhaftierten Baader, Meinhof und Ensslin das Leben. © dpa
Die letzte Seite des Schreibens, mit dem die RAF 1998 ihre endgültige Auflösung bekannt gab.
Die letzte Seite des Schreibens, mit dem die RAF 1998 ihre endgültige Auflösung bekannt gab. © dpa

Bis heute ist ungeklärt, welches RAF-Mitglied bei dem Attentat in Karlsruhe die tödlichen Schüsse auf den 57-jährigen Buback und dessen zwei Begleiter - den 30-jährigen Fahrer Wolfgang Göbel und den 43-jährigen Justizwachtmeister Georg Wurster - abgefeuert hat. Die Schüsse - es waren mindestens 15 - wurden vom hinteren Sitz eines Motorrads abgegeben, auf dem zwei Personen saßen. Wegen des Attentats, das Auftakt einer Terrorserie der “Roten Armee Fraktion“ war, wurden bisher die RAF-Mitglieder Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Knut Folkerts wegen Mordes verurteilt - allerdings lediglich als “Mittäter“.

Michael Buback, der als Nebenkläger auftritt, sagte am Donnerstag in einer Pressekonferenz, die Tat sei “ganz leicht aufzuklären“. Bei den Ermittlungen zum Mord an seinem Vater habe es jedoch “unerklärliche Mängel und schwere Fehler“ gegeben. Buback hält es für denkbar, dass Geheimdienste eine “schützende Hand“ über Verena Becker gehalten haben, die von Herbst 1981 bis Ende 1983 Kontakte zum Verfassungsschutz gehabt haben soll. Bubacks Anwalt Ulrich Endres betonte: “Jetzt wird aufgeklärt.“

Bundesanwalt Hemberger hingegen hält die Behauptung, dass es eine “schützende Hand“ über Becker gegeben habe, für “abwegig und absolut unglaubhaft“. Er habe “keinen Hinweis auf Manipulationen“. Es gebe auch “keine Hinweise, dass irgendwelche deutschen Geheimdienste in den Anschlag verwickelt“ gewesen seien. Der unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindende Stammheimer Prozess wird voraussichtlich zu einem Mammutverfahren, das zumindest mehrere Monate dauern dürfte.

Das OLG Stuttgart hat bislang 17 Verhandlungstage bis zum 21. Dezember 2010 angesetzt. Der Vorsitzende Richter Hermann Wieland machte aber klar, dass dies nur “ein erster Komplex“ sei und das Ende des Prozesses offen sei. Einer Gerichtssprecherin zufolge könnten bis zu 140 Zeugen und 16 Sachverständige gehört werden. Ursprünglich sollte am Donnerstagnachmittag als erster Zeuge ein Beamter des Bundeskriminalamts vernommen werden. Er war jedoch erkrankt und soll nun bei der Fortsetzung des Prozesses am nächsten Donnerstag (7. Oktober) gehört werden. Zum Auftakt kamen mehr als 50 Medienvertreter - teils aus dem Ausland.

Von Norbert Demuth

Rubriklistenbild: © dpa

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