Nach dem Fall in Viechtach

Wie frühreif ist die Jugend? Experte im tz-Interview

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Die Jugend hat immer früher Sex – geht aber verantwortungsvoller damit um als die Generationen zuvor, sagt der Sexualmediziner Dr. Potempa.

Bayern - Im tz-Interview erklärt Dr. Axel-Jürg Potempa, wie sich der Einstieg der jungen Generation ins Sexualleben verändert hat und wie Erwachsene damit umgehen sollten.

Streitthema Sex unter Jugendlichen – seit vergangener Woche ein großer Diskussionspunkt in Bayern (siehe unten). Sind die Jugendlichen heute frühreifer, hemmungsloser und gleichgültiger, als es viele ihrer Eltern beim ersten Mal waren? Im tz-Interview erklärt Dr. Axel-Jürg Potempa, wie sich der Einstieg der jungen Generation ins Sexualleben verändert hat und wie Erwachsene damit umgehen sollten. Der 55-jährige Arzt leitet das Kompetenzzentrum für Sexual- und Partnerschaftsmedizin in der Theatinerstraße und gehört dem Gesundheitsratgeber-Team der tz an.

Andreas Beez

Herr Dr. Potempa, sind Mädchen und Buben wirklich frühreifer, hemmungsloser und gleichgültiger geworden?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Es kristallisiert sich ein zweischneidiger Trend heraus: Zum einen beginnen viele Jugendliche tätsächlich in jüngeren Jahren mit dem Sex, manchmal schon mit 13, 14 Jahren. Sie gehen aber auch durchaus verantwortungsvoller mit dem Thema um als in früheren Zeiten, etwa während der Blütezeit der 68er-Generation: Gerade die Mädchen schauen sich ihren potenziellen Partner fürs erste Mal genau an und wählen ihn bewusst aus. Viele tun es erst dann, wenn ihr Gefühl hundertprozentig passt – und schlafen erst mal nur mit ihm und nicht mit wechselnden Partnern. Treue spielt wieder eine größere Rolle.

Aber man hört auch immer wieder von sexuellen Exzessen unter Jugendlichen …

Dr. Potempa: Diese Exzesse gibt es natürlich. Einer der Gründe ist ein gefährlich lockerer Umgang mit Alkohol, etwa das Komasaufen. Dabei sinkt die Hemmschwelle, im Rausch kommt es zu einer Art unfreiwilligen Gleichgültigkeit. Viele Mädchen lassen sich dann auf Sex ein und bereuen es hinterher. Sie sagen dann: Ich wollte es eigentlich gar nicht, aber es ist einfach irgendwie passiert.

Warum betrinken sich immer mehr Mädchen bis zum Äußersten?

Dr. Potempa: Sie wollen mit den Jungs mithalten, einfach cool sein. Dabei können sie oft noch gar nicht abschätzen, wie der Alkohol bei ihnen wirkt und ihr Handeln beeinflusst.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor solchen Erlebnissen zu schützen?

Dr. Potempa: Kommunikation ist das A und O. Wie beim Alkohol gilt auch beim Sex: Gehen Sie offen mit dem Thema um. Versuchen Sie, ihren Kindern altersgerecht zu erklären, was Sie für wichtig halten.

Gibt es eine Faustregel, in welchem Alter Eltern ihre Kinder aufklären sollten?

Dr. Potempa: Grundsätzlich gilt: Je früher, desto besser. Entscheidend ist, dass sie das Gespräch schon führen, bevor ihr Kind in die Pubertät kommt, also vielleicht schon mit zehn, elf Jahren. Achten Sie darauf, ob Ihre Kinder anfangen, Ihnen die ersten Fragen zum Thema Sex zu stellen oder sexuelle Wörter verwenden.

Wie sollte man mit dem Thema Verhütung umgehen?

Dr. Potempa: Viele Mädchen fangen heute in sehr jungen Jahren an zu verhüten …

… so wie eine 13-Jährige in Viechtach. Ihre Eltern wurden zu Geldstrafen verurteilt, weil sie ihrer Tochter vom Frauenarzt die Pille verschreiben ließen. Ist das fürsorglich oder verantwortungslos?

Dr. Potempa: Wenn ein Mädchen oder ein Bub Sex haben will, können es die Eltern auf Dauer sowieso nicht verhindern. Auch hier gilt: Reden Sie rechtzeitig mit ihren Kindern über das sensible Thema – nicht belehrend, sondern erklärend!

Und wenn die junge Tochter nach dem Gespräch die Pille nehmen möchte?

Dr. Potempa: Nicht nur die Eltern, sondern auch viele Ärzte sind bei der Verschreibung der Pille an junge Mädchen offener geworden. Bevor man eine viel zu frühe Schwangerschaft riskiert, versucht man lieber, sie davor zu schützen.

Eine Schwangerschaft ist ja nicht das einzige Problem, das durch gedankenlosen Sex entstehen kann …

Dr. Potempa: Genau! Deshalb können Kondome sehr wichtig sein. So wird etwa AIDS manchmal verharmlost. Auch wenn die Medizin bei der Behandlung dieser schweren Erkrankung große Fortschritte gemacht hat, ändert das nichts daran, dass AIDS lebensbedrohlich ist.

Gehört zu der Offenheit der Eltern auch, dass Sie ihr eigenes Sexualleben nicht vor den Kindern verstecken sollten?

Dr. Potempa: Fakt ist, dass noch immer viele Eltern ihr Liebesleben vor den Kleinen geheimhalten. Dabei wäre es kein Problem, wenn sie Mama und Papa mal beim Austausch von Zärtlichkeiten „erwischen“ – im Gegenteil, das ist ja ein positives Erlebnis. Es gibt aber auch klare Grenzen: Wenn die Eltern härteren Sex haben, beispielsweise mit extrem lautem Stöhnen oder Schreien, dann können Kinder das missverstehen und für Gewalt halten.

Außerhalb des Elternschlafzimmers scheint es aber kaum noch Grenzen zu geben – weder beim Umgang mit Sex noch mit Gewalt: Wie verändert das Internet die Sexualität der Jugendlichen?

Dr. Potempa: Die Entwicklung ist besorgniserregend. Heutzutage kann jeder Pornografie aller Art kostenlos anschauen – auch auf dem Handy. In den Schulen werden selbst kleinste Kinder damit konfrontiert. Die älteren Mitschüler zeigen ihnen brutale Sexszenen, um auszutesten, wie sie darauf reagieren. Ich habe schon oft gehört, dass acht- oder neunjährige Kinder weinend aus der Schule nach Hause gekommen sind und ihren Eltern erzählten: Ich habe heute einen Pornofilm gesehen, und es war schrecklich! Mama und Papa sind dann oft schockiert und ratlos.

Wie sollten sich die Eltern in diesem Fall verhalten?

Dr. Potempa: Der größte Fehler wäre es, das Erlebnis zu verharmlosen, zu ignorieren oder sogar zu verneinen. Stattdessen sollten sie altersgerecht erklären, was es mit einem Porno auf sich hat, damit die Kinder die Szenen einordnen und angstfrei verarbeiten können. Das fällt vielen Erwachsenen schwer, weil sie selbst nicht offen mit dem Thema Sexualität umgehen können. Aber Scham ist der schlechteste Ratgeber.

Manche Eltern haben aber auch das Gefühl, dass man es mit der Offenheit beim Thema Sex auch übertreiben kann – etwa, wenn es um ausgefallene oder sogar gesundheitsschädliche Sexualpraktiken geht.

Dr. Potempa: Auch hier ist das Internet ein Problem, weil darin jede Art von Sexdarstellungen völlig unkommentiert erhältlich ist. In der Folge kommt es beispielsweise immer wieder vor, dass halbwüchsige Buben im Alter von vielleicht 14 oder 15 Jahren befreundeten Mädchen erzählen, dass Gruppensex mit möglichst vielen Partnern ein cooles Spiel sei. Nach dem Motto: Gruppensex sei ganz normal, das mache jeder. Und wer sich nicht traut, der sei ein langweiliger Angsthase. Deshalb lassen sich manche Mädchen auf einen sogenannten Gangbang ein und sind hinterher traumatisiert. Nicht selten fällt es ihnen dann schwer, eine normale sexuelle Entwicklung zu erleben. Es gibt natürlich auch Jungs, denen dieses Erlebnis nicht guttut.

Ensteht Gruppensex unter Jugendlichen also auch aus Gruppenzwang?

Dr. Potempa: Durchaus, aber noch viel mehr aus einer gewissen natürlichen Neugier heraus. Kinder und Jugendliche wollen vieles ausprobieren und kopieren. Oft haben sie aber noch nicht die Erfahrung und Entscheidungskompetenz, um zu herauszufiltern, was ihrem Reifegrad in der sexuellen Entwicklung entspricht.

Der Fall in Viechtach: Sex mit 13-Jähriger

Dieser Fall sorgte für Aufsehen: Wir berichteten über die Eltern eines 13-jährigen Mädchens, die ihrer Tochter erlaubt hatten, mit ihrem 16-jährigen Freund zu schlafen. Das Amtsgericht Viechtach (Kreis Regen) hatte sie zu einer Geld­buße von 3000 Euro verdonnert. Das Urteil löste im bayerischen Wald eine Kontroverse aus.

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