Mensch ohne Arme und Beine im tz-Interview

"007 ist auch nicht glücklicher"

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Georg Fraberger im Gespräch mit tz-Redakteur Klaus Rimpel

München - Georg Fraberger hat von Geburt an keine Arme und Beine. Der 40-Jährige hat nun ein Buch veröffentlicht. Die tz sprach mit ihm über sein Glücksrezept.

Georg Fraberger: „Ohne Leib mit Seele“, Ecowin-Verlag, 184 Seiten, 21,90 Euro

Wenn Georg Fraberger mit seinem Elektrorollstuhl in den Raum rollt, spürt man zunächst eine leichte Beklemmung: Statt einer Hand aus Fleisch und Blut streckt der 40-Jährige dem Interviewer eine Plastikprothese entgegen. Der Wiener Psychologe hat von Geburt an keine Arme und Beine. Den Rollstuhl steuert er mit seinem einzigen, an der Hüfte angewachsenen Fuß. Doch sobald man mit dem klugen, lebensfrohen Vater von vier Kindern spricht, vergisst man jede Beklemmung – und ist erstaunt, über so viel Energie, Weisheit und Lebensmut. Fraberger arbeitet als Psychologe an der Wiener Uni-Klinik für Orthopädie, wo er unter anderem Amputationsopfer betreut. Aber auch gesunden Menschen hat Fraberger viel zu sagen – wie sein Buch Ohne Leib mit Seele beweist. Die tz sprach mit dem 40-Jährigen über sein Glücksrezept.

Das tz-Interview

Die Schulpsychologie bestreitet, dass es eine Seele gibt. Warum glauben Sie trotzdem daran?

Georg Fraberger: Als Psychologiestudent habe ich auch noch daran geglaubt, dass es nur Körper und Geist gibt. Und wenn der Körper perfekt ist, hat man seinen Platz in der Gesellschaft. Und wenn nicht, dann muss man sich diesen Platz mit Intelligenz, mit einem hohen IQ herbeischaffen. Aber als ich nach dem Studium angefangen hatte, in der Neurologie mit Leuten zu arbeiten, die mich jeden Tag vergessen, die unsere klassischen Hirnfunktionen nicht mehr hatten, da habe ich gemerkt: Die haben einen Wesenskern, den ich mag, den man aber nicht messen kann. Wenn jemand diesen Kern seines Wesens berücksichtigt, wird er zu Dingen fähig, die man ihm nie zuvor zugetraut hätte.

Wie war das, als Sie noch ein kleiner Bub waren? Was haben Sie sich zugetraut – ohne Arme, ohne Beine? 

Fraberger: Ich hatte die gleichen Zukunftsträume wie alle anderen Buben meines Alters, nur hatte niemand – außer meinen Eltern! – die Erwartung, dass ich diese Erwartungen je würde erfüllen können.

War das wichtig, dass Ihre Eltern an Sie geglaubt haben?

Fraberger: Das hat mir schon eine gewisse Sicherheit gegeben. Das ist ja das große Problem mit einer Behinderung, dass man in eine Rolle gedrängt wird. Wenn man sich von dieser Rolle abhängig macht, vergisst man seine Seele – also das, was einen ausmacht.

Als ich mit 16 oder 17 beim Friseur war, hat die Friseurin meinen Bruder gefragt: Bekommt er die Haare gewaschen? Wir haben gelacht und mein Bruder sagte: Der kann selber für sich antworten. Nach dem Haarewaschen fragte sie meinen Bruder: Bekommt er die Haare geschnitten? Ich habe gelernt, so etwas mit Humor zu ertragen. Ich kann jemanden, der im Umgang mit Behinderten unsicher ist, nicht böse sein. Ich selber habe vor meiner Arbeit mit geistig Behinderten diese Menschen auch in so eine Rolle gedrängt.

In Ihrem Buch vergleichen Sie sich mit James Bond. Was kommt bei diesem Vergleich raus? 

Fraberger: Blond, blauäugig ist genauso ein Klischee wie meine Behinderung. Deshalb habe ich mich dem perfekten Menschen gegenübergestellt, einfach um zu schauen: Warum ist das nicht auch denkbar? Auch ein James Bond mit seinem perfekten Körper muss mit seinem Schicksal fertig werden, muss etwas aus seinem Leben machen – da sind wir gleich.

Warum sind Menschen, die alles zu haben scheinen – Geld, Haus, Auto –, oft trotzdem unglücklich?

Fraberger: Burn-out, Schüler, die erst hochmotiviert sind und nach zwei Jahren nicht mehr in die Schule wollen: Um solche Phänomene zu erklären, hilft mir mein Konzept der Seele. Wenn ich im Beruf oder in der Schule nicht dauernd eine Rolle spielen muss, wenn ich mich als der zeigen kann, der ich eigentlich bin, mit all meinen Stärken und Schwächen, dann kann ich mich entfalten, dann kann ich zu Kräften kommen – und verfalle nicht dem BurnOut.

Sie haben trotz Behinderung eine Frau, Kinder: Haben Sie einfach nur Glück gehabt?

Fraberger: Man wird für das geliebt, was man ist. Ich hatte das Glück, dass ich immer problemlos Beziehungen zu Frauen fand. Da die Behinderung für mich kein Problem war, war es für die Frauen auch kein Problem. Was macht einen guten Ehemann aus? Hände und Füße sind dafür sicher sehr hilfreich. Aber ich kann auch ein guter Mann sein, wenn ich keine Hände und Füße habe! Das heißt aber nicht, dass es im Alltag immer einfach ist…

Wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Fraberger: Über eine Single-Börse im Internet. Ich habe meinen Körper im Internet so beschrieben wie der von meinem Bruder aussieht: 1,84 Meter groß, schlank, sportlich … Ich wollte, dass man sich nicht gleich mit Vorurteilen gegen mich blenden lässt. Ich war mir sicher, dass die, die mich wirklich mag, nicht enttäuscht sein würde – und als ich mich nach zwei Stunden Skypen mit meinem Rollstuhl zeigte, war das auch so. Meine Frau entspricht allen Klischees: Sie ist hübsch, sie ist toll!

Lässt sich Ihr Buch unter die vielen Glücksratgeber einordnen?

Fraberger: Ich bin kein Freund des positiven Denkens. Wenn man aber sagt, beim Glück geht es um ein wertvolles Dasein, dann kann’s als Glücksratgeber gesehen werden! Denn Glück ist nicht immer nur lustig, das Schicksal, das man zu erfüllen hat, ist nicht immer lustig. Man muss nur lernen, es leicht zu nehmen.

Interview: Klaus Rimpel

Der äußerliche Vergleich

Idealbild: Beispiel 007 Realbild: Georg Fraberger
Größe 187 cm 112 cm
Gewicht 83 kg 39 kg
Figur athletisch, schlank ohne Arme, ohne Beine
Typ modisch, klassisch individuell
Sport trainiert – laufen trainiert – sitzen
Mobilitiät uneingeschränkt flexibel im Rollstuhl fixiert
Pflegebedürftig nein, selbständig hilfsbedürftig
Studium mehrere möglich schwer vorstellbar
Beziehung mehrere aus Mitleid?
Sexualität täglich, gern für Geld?
Autofahren gut und schnell als Beifahrer

Vergleich der Probleme

Idealbild: Beispiel 007 Realbild: Georg Fraberger
Studium muss lernen muss lernen
Arbeit aus Interesse, Einkommen aus Interesse, Einkommen
Beziehung mit geliebter Partnerin mit geliebter Partnerin
Sexualität immer dann, wenn Partnerin auch will immer dann, wenn Partnerin auch will
Autofahren wenn fahrtüchtig, Spezialauto wenn fahrtüchtig, Spezialauto

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