Eine Ex-Freundin wird zitiert

Germanwings-Absturz: Diskussion um Interview in „Bild“

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Eine Gedenkstätte in Le Vernet (Frankreich) erinnert an den Germanwings-Absturz, der sich am 24.3.2017 bereits zum zweiten Mal jährt.

Neuburg - Zwei Jahre nach der Katastrophe schlägt der Germanwings-Absturz nach wie vor Wellen. Nun erhitzt ein „Bild“-Interview die Gemüter.

Update vom 24. März 2017: Am Freitagvormittag gab der Vater von Andreas L., Günter L. eine Pressekonferenz. Was der Vater des Germanwings-Piloten zu sagen hatte, lesen Sie im Live.Ticker.

Am 24. März 2017 jährt sich ein Unglück, das ganz Deutschland in Angst und Schrecken versetzte - und dessen Grausamkeit noch immer jegliche Vorstellungskraft übersteigt: Vor zwei Jahren steuerte der Co-Pilot Andreas L. eine Germanwings-Maschine absichtlich gegen einen Berg und riss 149 unschuldige Menschen in den Tod

Jegliches Hoffen auf einen unglücklichen Zufall blieben zwecklos - denn schon erste polizeiliche Ermittlungen sowie Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft ergaben, dass L. die Tat aktiv geplant haben musste.

Was trieb L. an? 

Die erschreckende Bilderflut von den Trümmern des Airbus‘, nachdem dieser in den südfranzösischen Alpen zerschellt war, haben sich seitdem unweigerlich ins Gedächtnis eingebrannt - und drängen der Öffentlichkeit damals wie heute die alles entscheidende Frage auf: Was treibt einen Menschen zu einer solchen Tat? 

Etliche seriöse Medien, unter anderem der „Spiegel“ und die „FAZ“, lieferten bald erste Antworten, die aufgrund ihrer schlagenden Logik kaum in Zweifel gezogen wurden. Denn die journalistischen Recherchen ergaben unter anderem, dass L. schon seit Monaten an einer schweren Depression litt. Er soll sich circa acht Wochen zuvor sogar in psychotherapeutische Behandlung begeben haben.  

Für den Psychoanalytiker M. Hilgers ein eindeutiger Beweis, dass Lubitz seinen „triumphalen Abgang“ von langer Hand geplant hatte, wie der Experte  im Interview mit der „FAZ“ erläutert.

Günter Lubitz verteidigt seinen Sohn  

Vor allem Boulevardmedien befeuern seitdem die naheliegenden Spekulationen rund um den Piloten, bezeichnen ihn unter anderem als „Fanatiker“ und „Massenmörder“. Auch die Umschreibung der Katastrophe als „monströse Gräueltat“ mag vielen in Hinblick auf die erschreckende Faktenlage nicht weit hergeholt erscheinen - trotzdem sind es jene vernichtenden Urteile, die der Vater des verstorbenen Piloten nicht mehr hören kann. 

Denn Günter L. zweifelt die Ergebnisse der Ermittlungen nach wie vor stark an. Er glaubt nicht, dass sein Sohn suizidgefährdet war und wirft den zuständigen Beamten vor, allzu schnell falsche Rückschlüsse gezogen zu haben. Am Jahrestag der Katastrophe, dem 24. März 2017, wird er sich deshalb erstmals an die Öffentlichkeit wenden - in der Hoffnung, für mehr Verständnis für seinen Sohn werben zu können.

Millionen Augenpaare werden auf ihn gerichtet sein, wenn er in Berlin vor die Weltpresse tritt und ein Gutachten präsentiert, mit dem er auf all die kleinen Ermittlungsfehler und Ungereimtheiten rund um den Absturz aufmerksam machen möchte.  „Es gab ganz offensichtlich Dinge, die man gar nicht erst ermittelt hat, vielleicht weil man sie nicht ermitteln wollte“, erklärte L. im Gespräch mit der „Zeit“. (Hinweis: Der Zeit-Artikel mit Lubitz‘ O-Tönen ist in der digitalen Ausgabe des Blatts nachzulesen, der Abschluss eines Abonnements ist allerdings kostenpflichtig.)

Wurden die Ereignisse unnötig dramatisiert?

Vor allem aber gegen die einseitige Berichterstattung vieler Boulevardmedien, erhebt der Vater schwere Vorwürfe. Im „Zeit“-Interview weist er nachdrücklich darauf hin, dass es nach wie vor „keinen einzigen wirklich stichhaltigen und belastbaren Beleg“ dafür gebe, dass sein Sohn die Maschine „vorsätzlich und geplant“ gegen den Berg lenkte. „Unser Sohn ist nicht der Mensch gewesen, den die Boulevardpresse aus ihm gemacht hat.“

Wie die „Zeit“-Autorin Petra Sorge in ihrem Artikel berichtet, haben einige Boulevardmedien die Ereignisse nun möglicherweise nicht nur unnötig dramatisiert, sondern schlicht falsch dargestellt: So die „Bild“ in einem Interview mit der vermeintlichen Ex-Freundin des Piloten vom März 2015. 

In besagtem „Bild“-Interview gewährt eine Stewardess, die den verstorbenen Piloten auf einem Flug kennengelernt haben will, Einblicke in ihre kurze Beziehung zu L.. Die Flugbegleiterin Maria W. (Name von der „Bild“-Redaktion geändert) erzählte unter anderem, dass dieser sich binnen kürzester Zeit von einem sehr fürsorglichen Mann zu einer äußerst aggressiven Persönlichkeit entwickelt habe. „Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.“

Gibt es Maria W. wirklich?

Am Ende soll er seine unsagbare Tat sogar verschlüsselt angekündigt haben - dazu zitiert Maria W. ihren vermeintlichen Verflossenen mit den Worten „Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“ 

Der Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa äußerte sich in der „Zeit“ nun sehr skeptisch zu den Enthüllungen in dem Interview. Nach Aussagen des in dem Fall ermittelnden Juristen hätten weder er selbst noch andere Ermittler die Frau aufspüren können. Der Springer-Verlag hat sich mittlerweile zu den Vorwürfen geäußert, diese aber mit den Worten „rein spekulativ“ abgetan. 

Die Staatsanwaltschaft weist Lubitz‘ Kritik bislang zurück 

Der Staatsanwalt Kumpa äußerte sich nach Informationen der „dpa“ außerdem zu der Kritik, die L. an den Ermittlungsergebnissen übte. Demnach zeigt sich die Staatsanwaltschaft bislang unbeeindruckt von den Vorwürfen und weist die meisten davon strikt zurück. So erklärte Kumpa beispielsweise, dass der Vorwurf, die Ermittler seien von einer durchgängigen depressiven Erkrankung und Behandlung seit 2008/2009 ausgegangen, schlicht falsch sei. „Das haben wir nie behauptet“, erklärte er. Lubitz sei den Ermittlungen zufolge 2009 erfolgreich behandelt worden. Ende 2014 seien dann Symptome aufgetreten, die Indizien für eine neuerliche psychische Erkrankung seien.

sl/dpa

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