Neue Grenzwerte in Obst und Gemüse empören Umweltschützer

Gift-Schock bei Obst und Gemüse

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Besonders Kinder sind durch die neuen EU-Grenzwerte gefährdet

Die EU hat die Grenzwerte für Pflanzengifte in Obst und Gemüse vereinheitlicht – mit der Folge, dass die strengen deutschen Grenzwerte verwässert werden.

Verbraucherschützern ist bei Äpfeln, Birnen und Tomaten der Appetit vergangen: Seit gestern gelten in der Europäischen Union neue Grenzwerte für Gifte in Obst und Gemüse. Greenpeace schlägt Alarm: In einer Studie stellten die Umweltschützer fest, dass 94 Werte über der international empfohlenen Grenze für die tägliche Aufnahmemenge liegen. Bei 570 Grenzwerten sind Kinder gefährdet. Verbraucher hierzulande sind dabei die dummen: Teilweise hat die EU die deutschen Gift-Grenzen jetzt um das 500-fache angehoben! Das Bundesverbraucherministerium von Horst Seehofer (CSU) jubelt trotzdem über einen „weiteren Meilenstein in der Vereinheitlichung von Standards zur Sicherheit von Lebensmitteln in Europa“. Zu den Greenpeace-Vorwürfen schweigt das Ministerium und verweist auf eine Prüfung. Die tz sprach mit der Chemie-Expertin der Umweltorganisation, Ulrike Kallee, welche Gefahren jetzt in Apfel und Co stecken:

Die neuen Grenzwerte für Obst und Gemüse hält Greenpeace für viel zu hoch. Was macht ein Greenpeacler mit dieser Erkenntnis in seinem privaten Leben?

Ulrike Kallee:Ich kaufe Obst und Gemüse nur noch im Bioladen. Einerseits weil’s besser schmeckt. Und weil ich meiner Tochter mit ihren fast zwei Jahren die neuen Grenzwerte nicht zumuten möchte.

Wo liegt bei zu viel Pestiziden das Problem?

Kallee:Die neuen Höchstmengen bedeuten zwar nicht zwangsläufig, dass alles Obst und Gemüse im Supermarkt jetzt maximal belastet ist. Bei fast 700 Einzelwerten drohen jetzt aber akute oder chronische Krankheiten wie Krebs. Bei Kindern wirken sich Pestizide auf das Wachstum der Organe aus, die noch nicht richtig ausgebildet sind: zum Beispiel das Gehirn oder die Geschlechtsorgane. Besonders problematisch sind Pestizide für das Kind im Mutterleib. Das wollte die EU laut einer Verordnung auch berücksichtigen, was sie schlussendlich aber nicht getan hat.

Kann ich selbst feststellen, ob ich zu stark belastete Früchte gegessen habe?

Kallee:Nur wenn Ihnen danach schlecht geworden ist. Eine zu hohe Belastung können Sie dem Gemüse nicht ansehen. Generell sollten Sie Obst schälen und gut abwaschen. Dadurch verringert sich die Menge, doch ein Rest bleibt in der Frucht selbst. Allerdings entfernen Sie mit der Schale auch die meisten Vitamine.

Bei welchem Obst und Gemüse sollte ich jetzt besonders vorsichtig sein?

Kallee:Die meisten unsicheren Höchstmengen haben wir in Äpfeln, Birnen, Trauben, Paprika gefunden.…

…aber vor allem aus dem Ausland?

Kallee:Nein. Die Höchstmengen wurden ja harmonisiert, weshalb auch in Deutschland jetzt mehr gespritzt werden darf. Deutsches Obst und Gemüse muss daher nicht besser sein. Man kann leider nicht nach den Herkunftsländern gehen.

Die EU argumentiert, bei den neuen Grenzwerten auch Schalen miteingerechnet zu haben, die niemand mit isst. Haben Sie sich also verrechnet mit den Grenzwerten?

Kallee:Nein, die Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Weil auch wir haben natürlich bei der Bewertung der Grenzwerte berücksichtigt, dass Bananen vor dem Essen geschält werden oder Kartoffeln gekocht.

Warum hat man vor der Einführung neuer Grenzwerte von Verbraucherminister Seehofer nichts gehört?

Kallee:Das frage ich mich auch. Die EU-Kommission hatte von allen Ländern die Grenzwerte für Pestizide abgefragt und dann die höchsten ausgewählt und überprüfen lassen. Was dann passierte, blieb der Öffentlichkeit verborgen. Ich bin mir aber sicher, dass auch Deutschland dann zu einer Einschätzung gebeten wurde. Aber vielleicht überwogen hier die Interessen der Landwirte, die jetzt mehr Möglichkeiten haben, und der Chemie-Industrie, die jetzt mehr verkaufen kann.

Lebensmitteldiscounter planen jetzt, eigene und strengere Grenzwerten einzuführen und damit zu werben. Würden Sie darauf vertrauen?

Kallee:Das ist der einzige Weg, den wir jetzt gehen können, denn Klagen gegen die Höchstwerte werden erst in Jahren entschieden. Doch Greenpeace wird die Werbung der Firmen natürlich auch weiterhin genau unter die Lupe nehmen. Ich persönlich vertraue aber am meisten noch dem Bioladen.

Interview: Walther Schneeweiß

Tabelle: So ändern sich die Grenzwerte

Einzelhändler setzen auf eigene Grenzwerte / Obst-Erzeuger kritisieren schlechte Information

Etliche Einzelhändler sind mit den neuen EU-weiten Höchstgrenzen für Pestizide in Obst und Gemüse unzufrieden – einige setzen deshalb sogar auf eigene, schärfere Standards.

„Edeka hat schon vor längerer Zeit Qualitätsleitlinien verabschiedet“, so etwa Edeka-Sprecher Gernot Kasel. „Engmaschige Kontrollen und Vorgaben für Lieferanten und Erzeuger sorgen für einen hohen Standard bei der Qualität unserer Obstes und Gemüses: Unsere Lieferanten müssen dafür sorgen, dass – je nach Produkt – nur maximal 50 oder 70 Prozent der gesetzlich erlaubten Pestizid-Rückstandshöchstmengen nachweisbar sind. Das kontrollieren wir auch regelmäßig in Stichproben.“

Die Unternehmen Aldi, Lidl, Tengelmann und Rewe wollten sich auf Anfrage noch nicht zu den neuen Grenzwerten äußern. Die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisatonen Obst und Gemüse geht jedoch davon aus, dass neben Edeka auch andere Einzelhandelsunternehmen bald eigene, schärfere Grenzwerte einführen werden: Solch ein „Flickenteppichsystem“ erschwere jedoch den Erfolg der Harmonisierung, so Markus Nöthen von der Bundesvereinigung der Obst- und Gemüse-Erzeuger. Nöthen befürwortet die EU-weite Vereinheitlichung zwar, kritisiert aber, dass es „bis zum heutigen Tag keine amtliche Übersicht gibt, weder von nationalen Behörden noch von der EU, auf der abzulesen ist, wie viele und welche Rückstandswerte zum 1. September 2008 erhöht bzw. abgesenkt werden sollen“.

tz-Stichwort: Pestizide

Wörtlich übersetzt sind Pestizide „Seuchentöter“. Die auch als Pflanzenschutzmittel oder Biozide genannten Chemikalien sind somit Gifte, um unerwünschte Bakterien, Pilze, Pflanzen oder Tiere fernzuhalten oder zu töten. Unterschieden wird in Mittel gegen Milben, Algen, Bakterien, Pilze, Pflanzen, Insekten, Schnecken, Würmer, Nagetiere, Vögel, Viren und Gehölze. In Deutschland werden jährlich etwa 30 000 Tonnen dieser Gifte verspritzt. Bei Bio-Lebensmitteln ist der Einsatz von Pestiziden verboten. Dennoch wurden bei einer Untersuchung auch dort bei 13 Prozent der Proben Pestizide nachgewiesen. Konventionell angebaute Lebensmittel enthalten 0,84 Milligramm pro Kilogramm Pestizide, Bio-Ware dagegen 0,01 Milligramm.

Quelle: tz

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