Erinnerung an Schulmassaker

Glockenguss am Erfurter Gutenberg-Gymnasium misslingt

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Der Glockengießer Josef Flier (r) und der Glockenbauer Steffen Willing.

Erfurt - Der Glockenguss am Erfurter Gutenberg-Gymnasium zur Erinnerung an das Schulmassaker vor 15 Jahren ist misslungen.

Es ist dunkel in Erfurt, als sich vor dem Gutenberg-Gymnasium ein Schwall glühender Bronze in eine in Erde gepresste Glockenform aus Lehm ergießt. Flammen schießen empor, rote Glutklümpchen zischen. Nach wenigen Augenblicken brandet Beifall auf. Zur Erinnerung an den Amoklauf vom 26. April 2002 in der Erfurter Schule soll die Glocke zum 15. Jahrestag der Tragödie erstmals geläutet werden. Was in diesem Moment am Freitagabend nur die Fachleute wissen: Der Guss ist fehlgeschlagen.

Flüssige Bronze sei aus der Form gelaufen, die Ursache dafür sei noch unklar, erklärte der Karlsruher Glockengießer Josef Flier hörbar enttäuscht am Samstag nach entsprechenden Medienberichten. Er hatte noch am Abend Schuldirektorin Christine Alt über das Gießerpech informiert und will den Guss wiederholen. Der Termin dafür ist noch unklar. Dass ein Glockenguss schiefgeht, ist nicht ungewöhnlich. Auch bei Kirchenglocken ist dies schon passiert.

Etwa einen halben Meter hoch und 50 Kilogramm schwer sollte die Glocke sein. Auf deren Mantel sollten die Namensinitialen der Todesopfer, das Schullogo und der Text „Der 26. April 2002 war ein trauriger Tag“ stehen. Damals hatte der mit Pistole und Pumpgun bewaffnete Amokschütze in knapp einer Viertelstunde elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten und anschließend sich selbst erschossen.

Einige Angehörige der Opfer waren zu dem öffentlichen Glockenguss zurückgekehrt, wie Schuldirektorin Christiane Alt in ihren Begrüßungsworten sagte. Etwa 600 Menschen verfolgten das Zeremoniell, vor dem Guss legten sie eine Schweigeminute für die Opfer ein.

Das Schulmassaker von Erfurt war das erste in Deutschland in dieser Dimension. Der 19-Jährige, Mitglied in einem Schützenverein, war kurz vor der Tat wegen eines gefälschten Arzt-Attests von der Schule verwiesen worden - und wollte sich wohl an seinen Lehrern dafür rächen, er erschoss sie gezielt. Die Tat löste in Deutschland eine Debatte um Waffenrecht und schulischen Leistungsdruck aus. Die Altersgrenze für den Erwerb großkalibriger Sportwaffen wurde danach von 18 auf 21 Jahre angehoben.

„Wir sagen allen, die zu uns kommen wollen, dass die Schule eine Geschichte hat, dass der 26. April 2002 ein Kapitel davon ist und dass wir daran in jedem Jahr erinnern“, berichtet Direktorin Alt. Die Schule haben einen ungebrochen starken Zulauf, knapp 650 Kinder und Jugendliche lernten dort derzeit. „Wir bekommen mehr Anfragen, als wir Schüler aufnehmen können.“

Sandra Töpfer, die Vorsitzende des Schulfördervereins, sieht es so: „Die Geschichte verbindet Schüler, Lehrer und Elternschaft, auch wenn sie nicht jeden Tag präsent ist.“ Töpfer, die in der Umgebung der Schule wohnt und das Geschehen aus dieser Perspektive erlebte, hat ihre Tochter und einen Sohn auf das Gutenberg-Gymnasium geschickt. „Wir haben das besprochen und sie wollten das“, sagt sie.

Der Verein hat seit einem Jahr Geld für den Glockenguss gesammelt. Rund 8000 Euro kamen zusammen. Die Idee mit der Schulglocke sei unter den Schülern allerdings nicht unumstritten, räumt Töpfer ein. Auch in ihrer Familie habe es Diskussionen gegeben, ob das Geld nicht besser für etwas anderes ausgegeben werden solle. Andere Schüler haben sich nach Angaben der Schuldirektorin gemeinsam mit Angehörigen von Opfern aktiv daran beteiligt, einen Entwurf für die Gestaltung der Glocke zu entwickeln.

Die Vorsitzende des Schulfördervereins ist zuversichtlich, dass es noch vor dem 15. Jahrestag am 26. April zu einem zweiten Gussversuch kommt - und dass dieser gelingt. „Wir bauen da jetzt einfach mal darauf“, so Töpfer.

dpa

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