Experte im Interview

Endlich geklärt: Heißt es "der", "die" oder "das" Spezi/Nutella/Joghurt?

München - Heißt es „die Nutella“, „das Nutella“ oder „der Nutella“? Wie ist es bei Spezi, Joghurt oder Butter? Mit einem Experten setzen wir diesen beliebten Alltagsdiskussionen hiermit ein Ende.

Prof. Dr. Wolfgang Schulze.

„Es heißt die Nutella, ganz klar.“ „Also, ich sage immer das Nutella.“ „Echt? Ich bevorzuge der Nutella.“ Wenn in unserer Redaktion Artikel über Nuss-Nougat-Creme entstehen - etwa „So gefährlich ist Nutella für den Körper“ - dann schallen immer wieder Sätze wie diese durch die Räume. Nicht anders war es rund um den Cola-Mix-Blindtest, sowohl beim ersten wie auch beim zweiten Teil. Heißt es nun „das Spezi“, oder „der Spezi“? Ein Kollege sagt sogar laufend „die Spezi“ und erklärte, er wisse auch nicht, warum.

Vermutlich gibt es derlei Diskussionen über korrekte oder falsche Artikel auch außerhalb unserer Onlineredaktion - es war höchste Zeit für eine Klärung. Wir fragten einen Experten per E-Mail aus. Sein Name: Prof. Dr. Wolfgang Schulze. Er ist Sprachwissenschaftler und leitet das Institut für Allgemeine & Typologische Sprachwissenschaft der LMU München.

Er erklärt: „Die Frage, welche deutschen Substantive mit welchem Artikel verbunden werden, kann eigentlich nur mit Blick auf die jeweilige Wortgeschichte erklärt werden.“ Dazu kämen noch andere Komponenten - aber lassen wir den Fachmann das doch am besten direkt anhand der Beispiele erläutern:

Spezi

Heißt es Ihrer Einschätzung nach „die Spezi“, „das Spezi“ oder „der Spezi“ (=Cola-Mix) – und warum?

Schulze: „Spezi“ ist ein sogenannter Markenname, der von der Augsburger Brauerei Riegele 1956 kreiert worden ist. Die Artikelzuweisung wurde dabei soweit ich weiß nicht von den Erfindern des Namens festgelegt, sondern ergab sich im Sprachgebrauch. Dabei ergänzten die Sprecher*innen das Wort „Spezi“ gedanklich (oder auch praktisch) um ein weiteres Wort, etwa „Getränk“ oder „Glas", woraus sich dann „das Spezi(-Getränk)“ oder „das (Glas) Spezi“ ergab. Oder sie bezogen sich auf die „Flasche“ (“eine (Flasche) Spezi“). „Der Spezi“ könnte aus „der (Schluck) Spezi“ oder so entstanden sein. Der Artikel ergibt sich also nicht aus dem Wort „Spezi“ selbst, sondern aus dem Wort, das quasi hinzugedacht worden ist. Mit der Zeit haben sich dann alle drei Varianten etabliert, oft genug auch regional unterschiedlich.

Lesen Sie auch: „Ganz trauriges Kapitel“ - Darum darf Paulaner-Spezi auch „Spezi“ heißen

Bravo

Heißt es Ihrer Einschätzung nach „die Bravo“, „das Bravo“ oder „der Bravo“ – und warum?

Schulze: Grundsätzlich muss natürlich sagen, dass es ein „heißt es X“ so nicht gibt (außer man bezieht sich auf Normen des Dudens). Jeder kann im Grunde den Artikel verwenden, den er oder sie gewohnt ist. Natürlich kann man auch schauen, was der Normalfall ist: Bei „Bravo“ denke ich, dass „die Bravo(-Zeitschrift)“ sehr geläufig ist. Daneben steht dann das „Bravo(-Heft)“. Ich muss zugeben, dass mir in diesem Zusammenhang „der Bravo“ nicht bekannt ist: „der Bravo“ ist ja eigentlich die Bezeichnung eines Auftragsmörders, marodierenden Soldaten (aus dem Italienischen "tapfer, tüchtig, ausgezeichnet“) und hat also nichts direkt mit der Zeitschrift „Bravo“ zu tun

Nutella

Nutella wird 50

Heißt es Ihrer Einschätzung nach „die Nutella“, „das Nutella“ oder „der Nutella“ – und warum?

Schulze: Auch das ist wieder ein Markenname, der vom italienischen Konditor Pietro Ferrero 1964 erfunden wurde (Englisch „nut“, also „Nuss“, mit dem italienischen Element -ella, was eine Verkleinerung anzeigt). Hier hätten wir als Motive für die Artikelwahl e.g. „die Nutella(-Creme)“ oder „der Nutella(-Brotaufstrich)“. Bei „das Nutella“ kommt etwas weiteres ins Spiel: Häufig tritt dieser Artikel im Deutschen dann auf, wenn es sich einfach um eine „Masse“ handelt. Viele Sprecher*innen des Deutschen stellen sich unter „der Joghurt“ z.B. mittlerweile eine Joghurt-Masse in einem Einzelglas vor (also Masse in ihrem Behälter), während „das Joghurt“ dann einfach nur die Masse bezeichnet. Ähnliches kann für „das Nutella“ gelten.

Teller

Heißt es Ihrer Einschätzung nach „die Teller“, „das Teller“ oder „der Teller“ – und warum?

Schulze: Bei „Teller“ ist die Geschichte etwas anders: "Das Teller“, was ja vor allem so in der Schweiz, Bayern und Österreich verwendet wird, geht auf Lateinisch „tellarium“ zurück, was selbst ein Neutrum ist. Das deutsche „das“ kopiert einfach nur das lateinische Neutrum, angezeigt durch die Endung -um. „Der Teller“ hingegen ist aus dem Altfranzösischen entlehnt. Der Auslaut -er hat dazu geführt, dass das Wort maskulin verstanden wurde wie die meisten auf -er auslautenden Substantive des Deutschen („Bäcker, Müller, Schneider“ usw.). „Die Teller“ kommt soweit ich weiß vor allem im östlichen Österreich vor. Vermutlich leiht hier eine Analogie zu „die Tasse“ vor, weil „Teller“ und „Tasse“ ja oft gemeinsam vorkommen.

Mail

Heißt es Ihrer Einschätzung nach „die Mail“, „das Mail“ oder „der Mail“ – und warum?

Schulze: Bei „Mail“ liegt sicherlich zunächst die gedachte Übersetzung („Nachricht, Post“) oder (dann doppeltgemoppelt) „Mail-Nachricht“ zugrunde, was das „die“ motiviert. Besonders in Österreich, der Schweiz, z.T. Süddeutschland, ist auch "das Mail“ gebräuchlich. Gewöhnlich sagt, man, dass „das Mail“ dadurch begründet ist, dass im Englischen hier von „it“, also „es“ gesprochen wird. Aber gesichert ist das nicht.

Butter

Heißt es Ihrer Einschätzung nach „die Butter“, „das Butter“ oder „der Butter“ – und warum?

Schulze: „Butter“ ist ein altes Lehnwort aus dem Latein, was es feminin war („butyra“, was wiederum aus dem Griechischen stammt und eigentlich „Kuhmilch-Quark“ bedeutete). Insofern ist „die Butter“ die direkte Entsprechung zum lateinischen Wort. Die süddeutsche, schweizerische bzw. österreichische Variante „der Butter“ ist ähnlich wie bei „der Teller“ vermutlich durch das auslautenden -er motiviert. Bei „das Butter“ liegt wohl wieder die Vorstellung von „Butter“ als Masse vor, ähnlich wie bei „Joghurt“).

Gummi

Heißt es Ihrer Einschätzung nach „die Gummi“, „das Gummi“ oder „der Gummi“ (für „Gummiring“) – und warum?

Schulze: „Gummi“ kommt vom lateinischen „cummis“, was eigentlich feminin war. Es müsste also “die Gummi“ sein. Der Übergang zu „das Gummi“ ist schon im Mittelhochdeutschen geschehen, wohl in Analogie zu "Harz, Räucherharz“. Die Variante „der Gummi“ ist einerseits eine regionale Form, andererseits auch motiviert durch "den Gegenstand“, der „der“ aus Gummi ist.

Radio

Heißt es Ihrer Einschätzung nach „die Radio“, „das Radio“ oder „der Radio“– und warum?

Schulze: „Radio“ ist eine Entlehnung aus dem Englischen. Dort ist es durch die Verkürzung von „radiotelegraphy“ (also eigentlich „Strahlen-Fernschreiben“) entstanden. Die Form „das Radio“ ist sicherlich dadurch motiviert, dass ein „Gerät“ hinzugedacht worden ist. Die Version „der Radio“, die ja besonders im Süddeutschen vertreten ist, stammt wohl aus „der Radio(-Apparat)".

Fallen Ihnen noch weitere Beispiele ein, bei denen es landläufig Uneinigkeit gibt?

Schulze: Nun, der Klassiker ist natürlich „der“ oder „das Joghurt“, siehe oben.

Joghurt

Bio-Käse Produktion im Nordosten

Und wie ist es nun beim Joghurt?

Schulze: Das Wort stammt aus dem Türkischen „yoğurt“, "Dickmilch, gegorene Milch“, und meinte eigentlich nur ein „dickflüssiges, cremiges Etwas“. Das Wort ist spätestens um 1840 in Deutschland bekannt geworden und bezeichnete zunächst einmal ein „dickflüssiges Milch-Getränk“. Die Vorstellung von Joghurt als Getränk hat vermutlich zunächst die Version „das Joghurt“ motiviert, also das „Joghurt-Getränk“, was in der Schweiz und in Österreich am besten bewahrt ist. Die Version „der Joghurt“ ist vermutlich in Analogie zu „der Quark“ entstanden. Wie schon gesagt tendieren so manche Sprecher*innen des Deutschen dazu, beide Versionen zu verwenden, wobei dann „der Joghurt“ eher "den „Joghurt in einem Behälter“ bezeichnet, wohingegen „das Joghurt“ einfach nur die Masse an sich bedeutet. „Die Joghurt“ finden sich bisweilen in Ostösterreich, wobei hier wohl die Vorstellung von „Joghurt als Milch“ zugrunde liegt,

Warum entzünden sich an diesen Artikeln so viele Diskussionen?

Schulze: Einerseits ist’s sicherlich damit verbunden, dass Menschen eine Art „Sprachgefühl“ haben. Damit ist eigentlich nichts anderes gemeint als das, was die Menschen für sich gelernt haben zu sagen. Was sie nicht so gelernt haben, wird von ihnen dann als „falsch“ erklärt, weil es ihre Gefühle „verletzt“. Sie sagen dann, dass das ein Normverstoß ist und beharren darauf, dass die von ihnen gelernte Norm die „richtige“ ist (sonst würden sie sich ja sozusagen in Frage stellen). Und so können dann treffliche und hitzige Diskussionen entstehen - obschon es einfach nur ein Streit um des Kaisers Bart ist.

Welche Rolle spielen regionale Unterschiede?

Schulze: Wie Sie an den obigen Beispielen sehen können, sind regionale Unterschiede durchaus erkennbar. Oft genug trennt sich hier der süddeutsche, schweizerische und österreichische Raum vom Rest des deutschsprachigen Gebiets.

Wenn Sie darüber hinaus noch irgendwas zum Thema loswerden wollen, nur zu.

Schulze: Naja, man könnte natürlich sehr lange darüber nachdenken, ob mit dem deutschen Artikeln überhaupt bestimmte Vorstellungen verbunden sind und wenn ja welche. Das ist ein sehr komplexes Thema, das in der Wissenschaft natürlich immer wieder angesprochen wird. Aber man kann auch einfach sagen, dass für die Sprecher*innen des Deutschen diese Frage eher belanglos ist - sie lernen den Artikel, der ihnen beigebracht worden ist. Richtig ist jedoch, dass gerade über die Untersuchung von sehr jungen Lehnwörtern einiges mehr über diese Frage erfahren werden kann.

Interview: Armin Linder

Kennen Sie diese bairischen Schimpfwörter?

Rubriklistenbild: © dpa/fkn

Auch interessant

Meistgelesen

Skandal-Aushang: Hotel fordert Juden zum Duschen auf
Skandal-Aushang: Hotel fordert Juden zum Duschen auf
Wirbel um "true fruits"-Kampagne - Firma beleidigt Kunden heftig
Wirbel um "true fruits"-Kampagne - Firma beleidigt Kunden heftig
Fahrer rast in Pizzeria bei Paris: Mädchen (13) tot, Junge (3) in Lebensgefahr
Fahrer rast in Pizzeria bei Paris: Mädchen (13) tot, Junge (3) in Lebensgefahr
Das sind die drei Tatorte von Spanien
Das sind die drei Tatorte von Spanien

Kommentare