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Hunger-Selbstmord auf Hochsitz

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Hannover - Er hatte ein bewegtes Leben: Seine Ehe war gescheitert. Seine erwachsene Tochter hatte sich von ihm losgesagt. Er war lange arbeitslos – und sehr einsam.

Ab Oktober vergangenen Jahres gab es auch kein Arbeitslosengeld mehr. Da setzte sich der 58-jährige Mann aus Hannover auf sein Fahrrad und radelte los. Er kam nie zurück.

Jetzt haben zwei Jäger die Leiche des 58-Jährigen in einem Wald nahe des Uslarer Ortsteils Schlarpe (Niedersachsen), etwa hundert Kilometer von Hannover entfernt, gefunden. Sie wollten die marode Leiter eines Hochsitzes am Rand einer Waldwiese im Solling ausbessern. Doch in dem Häuschen des fünf Meter hohen Jagdsitzes erwartete sie ein grausiger Anblick: die mumifizierte, abemagerte Leiche des Mannes aus Hannover. Offenbar ist er qualvoll verhungert und starb bereits Mitte Dezember 2007.

Als sie ihn fanden, lag er auf dem Rücken, die Hände über dem Kopf. Neben ihm ein Tagebuch, DIN-A5 mit dunkelblauem Plastikeinband. Unter ihm eine schmuddelige Schaumstoffmatratze. Schnell war den Ermittlern klar, dass der 58-Jährige nicht mehr hatte leben wollen. Er hat sich zu Tode gehungert.

In dem Tagebuch beschreibt der Hannoveraner genau sein langsames Sterben auf dem Hochsitz. Er schreibt von 24 Tagen ohne Essen, von Schmerzen. Davon, dass er nur ab und zu einen Schluck Wasser getrunken hat. Der letzte Eintrag ist vom 13. Dezember 2007. Und noch eine weitere Notiz findet sich in dem Büchlein: „Nach meinem Tode ist das Heft an meine Tochter zu übergeben.“

Geboren wurde der 58-Jährige am 12. April 1949, lebte zuletzt in Hannover und arbeitete früher als Handelsreisender. Daher kannte er vermutlich die Gegend um Uslar. Die Tochter hat das Tagebuch inzwischen bekommen. Auf die Todesnachricht und die Aufzeichnungen soll sie verhalten reagiert haben, so ein Augenzeuge.

Die Polizei hat die Leiche des 58-jährigen Arbeitslosen inzwischen frei gegeben. Jetzt kann der Tote vom Schlarper Hochsitz bestattet werden. Das Begräbnis wird wohl einsam werden. Die Stadt Hannover muss sich darum kümmern, weil der Mann sonst keine Angehörigen mehr hat.

Quelle: tz

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