Interview mit Vatikankenner

Der Papst ist ein Rebell im Auftrag Gottes

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Genießt die Zuneigung der Massen: Papst Franziskus steht der katholischen Kirche seit 2013 vor.

Rom - Kaum jemand kennt Papst Franziskus wirklich. Die tz sprach mit Vatikankenner Andreas Englisch über das Oberhaupt der katholischen Kirche.

Im Jahr 2013 wurde Jorge Mario Bergoglio (78) zum Papst gewählt. Vatikankorrespondent Andreas Englisch (52) hat sich mit dem Argentinier beschäftigt und ein umfassendes Portrait verfasst (Der Kämpfer im Vatikan, Bertelsmann, 19,99 Euro). Die tz hat mit dem Papstkenner gesprochen:

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Bergoglio als neuer Papst vor die Menschen trat?

Andreas Englisch: Ja, natürlich! War das eine Überraschung! Ich kenne Bergoglio seit 2007 und wusste, dass es keinen anderen Kardinal auf dieser Welt gab, der so viel Ärger mit der Kurie hatte. Dass ausgerechnet er der neue Papst sein sollte, das war ein gewaltiger Paukenschlag. Zumal er dann ja auch gleich noch mit Kardinal Hummes auf den Balkon kam, dem zweiten großen Loser im Vatikan. Das war eine Kriegserklärung an die Kurie.

Und die allererste Begegnung mit Bergoglio?

Englisch: Ich erinnere mich an einen sehr dünnen, introvertierten, fast schon depressiven und schweigsamen Mann. Dieser Erzbischof von Buenos Aires hat im Augenblick der Papstwahl zu sich selbst gesagt: „Ich muss mit meinen 76 Jahren noch einmal zu einem ganz neuen Mann werden.“ Einem lächelnden, die Menschen begeisternden Jorge Bergoglio – das ist ihm gelungen. Seine Priester aus Argentinien haben ihm nach seiner Berufung und nachdem sie die Bilder von einem lächelnden Papst auf dem Petersplatz sahen einen Brief geschrieben und gefragt: Warum hast du uns 20 Jahre lang dein Lächeln verwehrt? Tatsächlich erlebe auch ich heute einen ganz anderen Menschen als denjenigen, den ich 2007 kennenlernte.

Aber welcher Bergoglio ist dann der echte? 

Englisch: Tatsächlich hat er heute zwei Gesichter. In der Öffentlichkeit ist er der strahlende, ein auf unglaubliche Weise begeisternder Papst. Und dann gibt es diese privaten Momente – zuletzt während der Streitereien in der Bischofssynode – da sieht man sein erschöpftes, altes Gesicht. Ja, er hat auf dem Weg zum Balkon einen neuen Bergo­glio erschaffen. Alle Achtung! Es gibt so einige, die behaupten, dabei habe ihm der Heilige Geist geholfen.

Er hat viele Feinde innerhalb der Kurie: Wieso ist er überhaupt gewählt worden? 

Papst Franziskus bei seiner Ernennung

Englisch: Es gab einen tiefen Graben zwischen den Kurienkardinälen, also den regierenden Kardinälen im Vatikan, und den wählenden Kardinälen aus aller Welt, die nur zur Papstwahl nach Rom kommen. Letztere sind aber in der Überzahl. Diese Männer wollten einen radikalen Reformer als neuen Papst – und einen radikaleren als den Argentinier Bergoglio gab es nicht.

Wie schaut denn ein ganz normaler Tag im Leben des Papstes aus?

Englisch: Er steht um 4.30 Uhr auf, dann meditiert er. Um 6 Uhr ist die Frühmesse im Haus der Heiligen Marta, dem Gästehaus, in dem er wohnt. Um 7 Uhr gibt es Frühstück. Ab 8 Uhr beginnt er mit der Arbeit. Um 10 Uhr empfängt er Delegationen, Priester, Bischöfe, Politiker usw. Gegen 13 Uhr geht er zum Mittagessen in die Mensa, danach ruht er sich bis 14 oder 14.30 Uhr aus. Es folgen die Nachmittagsbesuche. Manchmal geht er auch einfach in eines der vatikanischen Büros und sagt: „Guten Tag, ich bin der Papst. Was machen Sie hier?“ Das passiert immer wieder. Zwischen 19 und 20 Uhr geht er zum Abendessen und um 21 Uhr dann ins Bett.

Franziskus hat in den zweieinhalb Jahren im Amt viele komplexe Reformen eingeläutet. Wie stark ist er wirklich? 

Englisch: Es gibt Unmengen an Menschen, vor allem in der Kurie, die ihn zum Teufel wünschen. Sie wollen keine ärmere Kirche, sie wollen nicht, dass Franziskus immer wieder die Barmherzigkeit Gottes zitiert. Sie wollen eine Kirche, die sagt: Gott vergibt nichts, wenn du dich nicht an die Sakramente hältst. Und hinzu kommt, dass Franziskus ihnen sagt: Ihr habt Fehler gemacht. Ihr habt euch nicht um die Gebote von Jesus von Nazareth geschert. Ihr habt Kriege geführt, ihr habt euch Paläste gebaut und in Saus und Braus gelebt. Bergoglio sagt: Wir müssen unsere Glaubwürdigkeit zurückerlangen, sonst laufen uns die Gläubigen davon.

Das alles zehrt an der Gesundheit. Muss man sich Sorgen um Franziskus machen? 

Englisch: Ja, natürlich. Er hat viele Gegner und er hat einen aufreibenden Job im Vatikan, den er nicht so gern macht. Er wäre am allerliebsten bei den Leuten, die ihn wirklich brauchen.

Können Sie uns das Gerücht um den Hirntumor erklären?

Englisch: Das erlebe ich jetzt seit 30 Jahren. Immer, wenn die Kurie einen Papst loswerden will, wird das Gerücht gestreut, er leide an einer Gehirnkrankheit. Das war schon bei Papst Johannes Paul II. so. Darauf braucht man nichts zu geben.

Wie geht es weiter? Was kann man von diesem Papst noch erwarten?

Englisch: Er wird die Kurie weiter umbauen. Und zwar so, dass es eine von europäischen Bischöfen und Kardinälen geprägte katholische Kirche, wie wir sie seit mehr als 100 Jahren kennen, nie mehr geben wird. Das ist jetzt schon unumkehrbar. Das ist es ja, was ihm seine Gegner vorwerfen: Du krempelst nicht nur die Kirche von heute um, sondern auch die von morgen.

Sie sind bekennender Franziskus-Fan. Dennoch: Gibt es einen Punkt, wo Sie sich mehr vom Papst gewünscht hätten?

Englisch: Ich hätte mir im Rahmen der Familiensynode ein deutlicheres Wort im Inte­resse der Homosexuellen gewünscht. Es gibt so viele gläubige Katholiken, die homosexuell sind. Jesus von Nazareth hat nie ein Wort über Homosexualität und deren Verdammnis verloren. In der Bibel steht dazu nichts. Und denen einfach mal zu sagen: „Das ist keine Sünde“ wäre überfällig gewesen.

Interview: Katrin Basaran

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