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Islam-Expertin erklärt den „Tatort“

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Derya und Peter durften einander nicht lieben. Die Kommissarin (Ulrike Folkerts) sorgte sich.
Derya und Peter durften einander nicht lieben. Die Kommissarin (Ulrike Folkerts) sorgte sich. © SWR/Krause-Burberg

Ludwigshafen - Aus Rücksicht auf die Opfer der Brandkatastrophe von Ludwigshafen und in Anbetracht der hitzigen Diskussion über die Ursache des Feuers hat die ARD den Tatort: Schatten der Angst im Februar abgesetzt und erst diesen Sonntag ausgestrahlt.

Denn der Krimi, der ebenfalls in Ludwigshafen spielte, behandelte ein Thema mit Zündstoff: Verbrechen unter Türken, die im Namen der Ehre ­begangen werden. Über dieses traurige Phänomen sprach die tz mit Christiane Nischler, Islam-Expertin vom Strategischen Innovationszentrum der Bayerischen Polizei.

Frau Nischler, was ist ein Verbrechen im Namen der Ehre?Christiane Nischler: Verbrechen im Namen der Ehre sind kein explizit religiöses Phänomen, sondern treten in stark patriarchalischen Gesellschaften auf, in denen der Mann über der Frau steht und die Ehre der Familie häufig mehr wert ist als das Leben einer Frau. In traditionell patriarchalischen Gesellschaften ist die Ehre der gesamten Familie abhängig vom Verhalten der weiblichen Angehörigen. Verhält sich die Ehefrau oder Schwester nicht dem traditionellen Frauenbild gemäß keusch und zurückhaltend, verletzt sie nicht nur ihre eigene, sondern die Ehre der gesamten Familie.

Welche Rolle spielen die Männer?Die Männer haben die Aufgabe, auf ihre weiblichen Familienangehörigen aufzupassen. Gelingt ihnen dies nicht, trifft sie – und mit ihnen die gesamte Familie – gesellschaftliche Ächtung. Daher sind sie diejenigen, die die Familienehre wiederherstellen müssen. Eine verletzte Familienehre kann nach dem Ehrenkodex in vielen Fällen nur durch Verstoßung oder Tötung der Frau wiederhergestellt werden. Der gesellschaftliche Druck ist dabei so groß, dass sie sich häufig nicht entziehen können. An der Tatvorbereitung selbst sind oft mehrere Familienmitglieder beteiligt, die Tat selbst obliegt den Männern.

Im Tatort sollte der jüngste ­Bruder seine Schwester töten. Warum sind es meist die jüngsten Männer in der Familie?Das hat oft strafrechtliche Gründe. Minderjährige Männer sind nicht voll schuldfähig. Hinzu kommt, dass die älteren oft schon verheiratet sind und eigene Kinder haben.

Was wird getan?Wichtig ist, dass die Menschen und das Umfeld der Frauen für das Thema sensibilisiert werden. Dies gilt ebenso für die Polizei und andere Behörden. Sprich: In der Schule muss beispiels­weise darauf geachtet werden, dass mit den Mädchen gesprochen wird. Und die Jugendschutzbehörden sowie die Hilfseinrichtungen vor Ort müssen zusammenarbeiten.

Viele Eltern glauben, dass sie ihre „verwestlichte“ Tochter durch eine Verheiratung mit einem Mann aus dem Herkunftsland wieder auf den „richtigen“ Weg bringen können. Wie sieht es in der Relität aus?Eine Zwangsehe macht den Konflikt oftmals gänzlich unerträglich. Der Ehemann, der von seiner Frau ein traditionelles Verhalten erwartet, trifft auf eine aufgeklärte junge Frau mit eigener Lebensplanung. Eine strenge Überwachung der Frau, Misshandlungen sind häufig die Folge.

Die Frauen fühlen sich in vielen Fälle sogar schuldig, da sie durch ihr Verhalten die Ehre der Familie gefährden.Ja, die jungen Frauen stehen zwischen zwei Welten: Sie wollen und müssen ihrer Familie gerecht werden und gleichzeitig möchten sie wie jede andere junge Frau ihre Freiheit ausleben. Das wiederum führt zu Konflikten mit der Familie, die die neuen Lebensgewohnheiten der Frau und des Mädchens nicht akzeptieren will.

Interview: Tina Layes

Ulrike Folkerts: Kampf für die Rechte der Frauen

Die Ludwigshafener Tatort-Kommissarin Lena Odenthal wird von Ulrike Folkerts (46) gespielt. Und die Schauspielerin hatte selbst die Idee zum Fall „Schatten der Angst“: Als Volkerts Gast in der ARD-Talkshow von Sandra Maischberger war, hörte sie dort die Geschichte einer in Deutschland aufgewachsenen Türkin, die von ihren Eltern in die Türkei zwangsverheiratet wurde.

„Der Film soll Mädchen ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen“, sagt Folkerts, die sich privat für „Terre des Femmes“ engagiert. Diese Menschenrechts-Organisation für Mädchen und Frauen informiert zum Beispiel im Internet (www.­terre-des-femmes.de) über Verbrechen in Namen der Ehre, aber auch über alltägliche häusliche Gewalt oder Zwangsprostitution.

Mädchen und junge Frauen, die Opfer von Ehr-Delikten sind, können sich in München ­an die Zufluchtstelle „IMMA“ wenden. Dort finden sie in ­akuten ­Krisen eine vorübergehende Wohnmöglichkeit und Schutz vor Gewalt. Das multikulturelle Fachteam unterstützt die Betroffenen. Adresse: Jahnstraße 38, 24-Stunden-Telefon: 089-­18 36 09, Internet: www.imma.de

Quelle: tz

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