Drei Festnahmen

Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore: Erschreckende neue Details nach Festnahmen

Nach dem Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore hat die Staatsanwaltschaft am Mittwoch drei Mitarbeiter der Betreiber-Firma festgenommen. Sie sollen die Notbremse manipuliert haben.

  • Bei einem Seilbahn-Absturz am Pfingstsonntag am Lago Maggiore kamen 14 Menschen ums Leben.
  • Die Ermittler befürchten eine Abnutzung des gerissenen Kabels über die Jahre (siehe Update vom 26. Mai, 22.03 Uhr).
  • Am Mittwoch wurden drei Personen verhaftet, welche die Notbremse der Seilbahn wissentlich manipuliert haben sollen (siehe Originalmeldung vom 26. Mai).
  • Die Verdächtigen sollen Medienberichten zu Folge bereits ein Geständnis abgelegt haben (siehe Update vom 26. Mai, 14.00 Uhr).

Update vom 27. Mai, 15.40 Uhr: Ganz Italien trauert mit den Angehörigen der 14 Menschen, die durch das tragische Seilbahn-Unglück in Italien ums Leben gekommen sind. Ein erst fünf Jahre alter Junge liegt noch immer mit schweren Verletzungen in einer Klinik. Den drei in Norditalien festgenommenen Männern drohen nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft von Verbania im Falle einer nachgewiesenen Schuld „allerhöchste“ Strafen. Es bestehe auch Fluchtgefahr, heißt es in dem Haftbefehl gegen die drei, aus dem italienische Medien am Donnerstag zitierten.

Ein „gedankenloses Verhalten“ habe zum Tod von 14 Menschen und zu schwersten Verletzungen eines Fünfjährigen geführt, hieß es
weiter. Der Chef der Seilbahngesellschaft und zwei weitere leitende Mitarbeiter waren in der Nacht zum Mittwoch festgenommen worden.

Während der kleine Eitan in einer Klinik in Italien weiter um sein Leben kämpft, wurde seine Familie im gemeinsamen Heimatland Israel beigesetzt. Das Ehepaar Amit (30) und Tal (26) sowie ihr zweijähriger Sohn Tom seien auf einem Friedhof nahe Sichron Jaakov im Norden des Landes begraben worden, berichtete die israelische Nachrichtenseite Walla am Donnerstag. Auf den Gräbern lagen zahlreiche Trauerkränze.

Die Särge der fünf Opfer waren am Mittwoch nach Israel gebracht worden. Der fünfjährige Junge Eitan, der Eltern und Bruder verloren hat, war der einzige Überlebende des Unglücks. Der Familienvater hatte laut Medienberichten seit mehreren Jahren in Pavia südlich von Mailand Medizin studiert. Die Beisetzung der Großeltern von Tal ist am Freitag geplant.

Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore: Erschreckende neue Details nach Festnahmen

Update vom 27. Mai, 10.40 Uhr: Es ist eine tragische Wende, die sich im Fall der abgestürzten Seilbahn in Italien am Mittwoch vermutlich bestätigt hat. Das tödliche Seilbahnunglück am Lago Maggiore ist offenbar durch die absichtliche Abschaltung eines Sicherheitssystems verursacht worden. Wie die italienische Polizei am Mittwoch mitteilte, wurden drei hochrangige Vertreter der Seilbahn-Betreiberfirma festgenommen, die für die absichtliche Abschaltung des Notbremssystems verantwortlich sein sollen. Die Bremsvorrichtung war Medienberichten zufolge bereits seit dem 26. April, dem Tag der Wiederaufnahme des Seilbahnbetriebs, wegen eines technischen Problems außer Betrieb.

Wie italienische Medien berichten, sollen die drei Verdächtigen bereits Geständnisse abgelegt haben. Die Abschaltung sei in der Überzeugung beschlossen worden, „dass das Kabel niemals reißen würde“. Wie der italienische Sender RAI 3 durch einen Ermittler erfahren haben will, soll der Inhaber das Risiko in Kauf genommen haben. „Der Inhaber sagte: Okay, es ist ein Problem. Aber nicht so gravierend“, wie Focus unter Berufung auf den Sender berichtet. „Das Wetter ist schön, die Saison beginnt, wir machen dennoch auf. Es wird nicht so schlimm sein. Wenn die Klammer drin ist, haben wir das Problem ja nicht. Der Besitzer sagte in der Vernehmung, er wusste von diesem Problem. Er hat das Problem wohl unterschätzt.“

Seilbahn-Unglück in Italien: Wieso konnte das Zugseil der Kabine reißen?

Update vom 26. Mai, 22.03 Uhr: Noch immer gibt es viele ungelöste Fragen um das Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore in Italien. Gesichert ist mittlerweile, dass das Notbremsen-System bewusst außer Kraft gesetzt wurde (siehe Update von 14.00 Uhr). Offen ist aber etwa weiterhin die Frage, wie das Zugseil der Kabinen reißen konnte. Auf dieses hatten sich die Betreiber der Seilbahnfirma offenbar verlassen, als sie das Notbremsen-System abschalteten.

Das Kabel soll seit 23 Jahren nicht mehr gewechselt worden sein. Das berichtet die italienische Tageszeitung La Stampa. Die Ermittler befürchten demnach einerseits Vernachlässigung und andererseits Abnutzung durch Feuchtigkeit über die Jahre. Die Staatsanwaltschaft Verbania versucht mit ihren Ermittlungen weiterhin Licht ins Dunkel zu bringen.

Seilbahn-Unglück in Italien: Erste Geständnisse durchgesickert - „Absolut absichtliche“ Entscheidung

Update vom 26. Mai, 16.30 Uhr: Nach dem tragischen Unglück am Lago Maggiore, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen, gab es am Mittwoch drei Festnahmen. Drei hochrangige Vertreter der Seilbahn-Betreiberfirma sollen für die absichtliche Abschaltung des Notbremssystems verantwortlich sein. Die Verdächtigen sollen ein Geständnis abgelegt haben (siehe Erstmeldung).

Carabinieri-Vertreter Cicognani hat Angaben italienischer Nachrichtenagenturen zufolge dem Sender Radiotre die Gründe für die folgenschwere Bremssystem-Abschaltung erläutert.. „Es gab eine Störung an der Seilbahn, das Beförderungsteam hat das Problem nicht oder nur teilweise gelöst“, so Cicognani. „Um die Verbindung nicht zu unterbrechen, entschieden sie sich, die ‚Gabel‘, die verhindert, dass die Notbremse in Kraft tritt, an Ort und Stelle zu lassen.“

Firmenchef Luigi Nerini, Seilbahn-Direktor Gabriele Tadini und Seilbahn-Einsatzleiter Enrico Perocchio gaben nach Cicognanis Angaben zu, dass die Notbremse absichtlich ausgeschaltet worden war. Die zuständige Staatsanwältin Olimpia Bossi sagte bei einer Pressekonferenz, es habe sich um eine „absolut absichtliche“ Entscheidung gehandelt, um den Betrieb der Seilbahn aufrechtzuerhalten. Die Gabel zum Außerkraftsetzen der Notbremse sei am Sonntag sicherlich nicht zum ersten Mal eingesetzt worden.

Die Beschuldigten hätten gewusst, dass die Notbremse bereits seit dem 26. April, dem Tag der Wiederaufnahme des Seilbahnbetriebs, abgeschaltet gewesen sei. Das sagte Bossi italienischen Medien zufolge. Die Abschaltung sei in der Überzeugung beschlossen worden, „dass das Kabel niemals reißen würde“.

Seilbahnunglück in Italien: Erste Geständnisse - Problem „war seit anderhalb Monaten bekannt“

Update vom 26. Mai, 14.00 Uhr: Im Laufe Vormittags sind weitere Erkenntnisse über das Seilbahnunglück am Lago Maggiore bekannt gegeben worden. Wie der italienische Fernsehsender Rai mit Bezug auf einen Ermittler vermeldet, haben die Verdächtigen bereits gestanden, die Notbremse bewusst außer Kraft gesetzt zu haben, um eine langwierige Reparatur noch abwenden zu können.

Italien: Seilbahnunglück am Lago Maggiore - Erste Geständnisse - Probleme schon länger bekannt

Bei der Seilbahn kam es wohl immer wieder zu ungeplanten Bremsvorgängen während der Fahrt. Daraufhin musste die Bremse von einem Mitarbeiter händisch wieder gelöst werden. „Um diese Probleme auszuschalten, haben die Betreiber in vollem Wissen der Chefs die Metallgabel (welche die Notbremse außer Kraft setzte; Anm. d. Red.) nicht entfernt. Als das Seil riss, versagte also das Notbremssystem“, erklärt Carabinieri-Kommandant Alberto Cicognani gegenüber bild.de. „Das war seit anderthalb Monaten bekannt“, so Cicognani weiter über die auftretenden Probleme.

Positive Nachrichten kamen darüber hinaus am Vormittag aus Turin, wo der fünfjährige Junge aus Israel, der als einziger den Absturz überlebte nicht mehr künstliche beatmen werden muss. Im Laufe des Tages soll der Junge, der bei dem Absturz seine Eltern und seinen Bruder verlor, langsam aus dem künstlichen Koma erwachen.

Seilbahnunglück am Lago Maggiore: Schwere Vorwürfe gegen Betreiber - Notbremse manipuliert?

Originalmeldung vom 26. Mai:

Stresa - Die Nachricht am Sonntag löste Erschütterung und Bestürzung weit über die italienische Landesgrenze hinweg aus. Bei einem Seilbahn-Absturz am Lago Maggiore kamen 14 der 15 Insassen ums Leben. Ein fünfjähriger Junge überlebte als einziger schwer verletzt. Unklar war seitdem vor allem, wie es zu dem Absturz kommen konnte. Zwar stand relativ schnell fest, dass der Auslöser des Unglücks ein gerissenes Zugseil war, jedoch blieb die Frage offen, wieso die extra für einen solchen Fall vorgesehene Notbremse den Absturz der Gondel nicht verhindern konnte.

Italien: Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore - Notbremse bewusst manipuliert?

Eine mögliche Antwort auf diese Frage gab die Staatsanwaltschaft in den frühen Morgenstunden am Mittwoch, als bekannt gegeben wurde, dass man im Zusammenhang mit dem Seilbahn-Unglück drei Männer festgenommen habe. Bei den Männern soll es sich unter anderem um den Chef der Betreiber-Firma und den technischen Betriebsleiter der Seilbahn handeln. Ihnen wird vorgeworfen die Notbremse der Gondel bewusst manipuliert zu haben. Das berichtet die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft.

Die Manipulation könnten die Verdächtigen nach aktuellem Ermittlungsstand vorgenommen haben, um eine nötige und lange andauernde Reparatur des Systems umgehen zu können. „Das System wies Mängel auf und hätte mit einem radikalen Eingriff behoben werden müssen“, zitiert die Süddeutsche Zeitung die zuständige Staatsanwältin Olimpia Bossi. „Und das hätte eine längere, wenn nicht sehr lange Schließung bedeutet“, so Bossi weiter.

Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore: Drei Mitarbeiter der Betreiber-Firma festgenommen

Nachdem der Seilbahn-Betrieb in Italien aufgrund der Corona-Pandemie zeitweise eingestellt wurde, erfolgte die landesweite Öffnung erst am Samstag. Wie die gesamte Tourismus-Industrie leidet auch die Seilbahn-Branche unter ausbleibenden Einkommen in der Pandemie. Das Problem an der Seilbahn am Monte Mottarone soll den Verantwortlichen bereits seit Ende April bekannt gewesen sein.

Italienischen Medienberichten zu Folge sollen die drei Verhafteten die Manipulation gestanden haben. Damit die Seilbahn ihren Betrieb fortsetzten kann, sollen die drei Männer eine Art Gabel an der Gondel angebracht haben, welche die Notbremse aussetzte. Als aus bisher nicht geklärten Gründen am Pfingstsonntag das Zugseil riss, raste die Gondel ungebremst in Richtung Tal und schlug mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum. (fd)

Rubriklistenbild: © dpa-Bildfunk

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare