Interview mit Prof. Lohfink

Ist Jesus Christus an Ostern wirklich auferstanden?

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Papst Franziskus an Ostern 2013 vor einer Ikone von Jesus Christus. Ist Jesus wirklich von den Toten auferstanden, wie es die Bibel berichtet und Christen bekennen?

Ein deutscher Theologe sorgt mit seinen Jesus-Buch in den USA für Aufsehen. Wir sprechen zu Ostern mit Prof. Gerhard Lohfink (79) über Jesus Christus, die Bibel und die Frage nach der Auferstehung.

Ist Jesus Christus an Ostern wirklich auferstanden?

Es ist schon außergewöhnlich, wenn ein deutscher Theologieprofessor in den USA mit einem Jesus-Buch für Furore sorgt. Ausgenommen natürlich, dieser trägt den Namen Ratzinger. Aber der war mit seinen als amtierender Papst Benedikt XVI. veröffentlichten Jesus-Büchern auch ein Sonderfall. Im aktuellen Fall geht es um Professor Gerhard Lohfink, der in der Nähe von München lebt. Bis 1986 lehrte der renommierte Neutestamentler als Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen. Mit seinem Buch "Jesus von Nazaret - was er wollte, wer er war" (Herder Verlag), sorgt er in den Vereinigten Staaten für Begeisterungsstürme.

Zum Beispiel beim Jesuiten-Pater James Martin, der regelmäßig vor einem Millionenpublikum in der großen TV-Show "The Colbert Report" als Experte in Glaubensfragen auftritt. Martin empfiehlt den Amerikanern "neben den üblichen spirituellen Ratschlägen, nämlich: Christus nachfolgen, Nächstenliebe, in die Messe gehen, die Heilige Schrift lesen, regelmäßig beten und den Armen helfen - probieren Sie es doch mal damit: Lesen Sie Gerhard Lohfink!" Der bekannte, kürzlich verstorbene US-Neutestamentler Prof. Daniel Harrington, nannte Gerhard Lohfinks Buch: "Das beste Buch über Jesus, das ich kenne."

Grund genug, mit Prof. Lohfink ein Interview zu den wichtigsten Fragen an Ostern zu führen: Was ist also wirklich dran, an der Sache Jesus Christus, den Evangelien der Bibel und der Auferstehung? Fromme Geschichten - oder Geschichte, wie sie sich wirklich zugetragen hat?

Herr Prof. Lohfink, es kommt nicht so oft vor, dass das Buch eines deutschen Universitäts-Theologen in den USA für Aufsehen sorgt. Sind Sie überrascht von diesem Erfolg?

Nein, denn mein Jesusbuch hatte schon in Deutschland einen sehr guten Start. Außerdem ist es von Linda Maloney, einer Amerikanerin, die einst bei mir in Tübingen ihren Doktor gemacht hat, hervorragend ins Englische übersetzt worden.

Warum immer neue Bücher über Jesus?

Egal ob in den USA oder bei uns: Was schafft eigentlich die Faszination für immer neue Jesusbücher?

Weil Jesus selbst faszinierend ist. Wir kommen mit ihm nie an ein Ende. Und jede Zeit muss ihm neu begegnen.

Es war eine Sensation, dass der jetzt emeritierte Papst Benedikt ein Jesusbuch herausgebracht hat – sogar in drei Bänden. So etwas hat noch kein Papst gewagt. Sein Jesusbuch hat nicht nur viel Zustimmung, sondern auch Kritik gefunden. Wollten Sie Benedikt XVI. korrigieren?

Aber nein! Zu so etwas schreibt man kein Buch, sondern eine Buchbesprechung. Mein Jesusbuch hat einen anderen Ausgangspunkt als das des Papstes. Benedikt XVI. fragt in erster Linie theologisch: Wie sehen die vier Evangelien Jesus? Ich frage viel intensiver, als er es tun kann, historisch: Was hat Jesus eigentlich gewollt? Was hat er getan? Was war sein Anspruch? Die Fragestellung von Benedikt und meine eigene ergänzen sich gegenseitig.

Wer war der historische Jesus?

Vermutlich begegnen den Menschen während der Osterfeiertage wieder Dokumentationen, Magazinartikel und Spielfilme zum Thema Jesus. Aber vielleicht stehen diese Menschen hinterher verunsicherter da als vorher. Darum: Sprechen wir doch über den historischen Jesus, dem Sie in Ihrem Buch nachgehen.

Prof. Gerhard Lohfink (79), der in der Nähe von München lebt, hat mit seinem Buch "Jesus von Nazareth - was er wollte, wer er war" in den USA für Aufsehen gesorgt.

Gern. Die historische Fragestellung, also die Frage "Was ist eigentlich gewesen?" ist unerlässlich. Max Beckmann, wohl der größte deutsche Maler des 20. Jahrhunderts, notierte in einem seiner Tagebücher den Satz: „Wenn man das Unsichtbare begreifen will, muss man so tief wie möglich ins Sichtbare eindringen“. Diese Einsicht gilt auch für den Blick auf Jesus: Wenn wir ahnen wollen, wer Jesus wirklich war, müssen wir so tief wie möglich in seine Menschheit eindringen: in seine Gleichnisse, seine Zeichenhandlungen, sein Leben, sein Sterben. Wenn wir sein Menschsein nicht in seiner ganzen Weite wahrnehmen, werden wir von dem Geheimnis seiner Person nichts erfassen können.

Man hört heute oft, die Evangelien seien höchst unzuverlässige Dokumente, denn sie seien ja erst Jahrzehnte nach dem Wirken Jesu entstanden. In dem Zeitraum vom Tod Jesu bis zur Abfassung der Evangelien seien die Jesus-Geschichten mit Verdrehungen und Legenden überwuchert worden. Was sagen Sie dazu?

Das älteste Evangelium, das Markusevangelium, ist etwa 40 Jahre nach dem Tod Jesu verfasst worden. Das ist für die Antike ein außerordentlich kurzer Abstand. Bei vielen Texten, die damals über große Menschen geschrieben wurden, war der Abstand viel größer.

Berichte der Bibel: Legenden über Jesus?

Im Zeitraum von 40 Jahren konnten sich aber trotzdem eine Menge von Legenden bilden.

Ach wissen Sie, es kommt immer darauf an, was man unter Legenden versteht. Es gibt Legenden, die einen Menschen völlig verzeichnen, ja ihn geradezu entstellen. Auch über Jesus bildeten sich derartige Legenden. Sie wurden aber nie in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen.

Können Sie Beispiele nennen?

Natürlich. Da gab es in der Frühen Kirche, um ein besonders drastisches Beispiel anzuführen, das sogenannte „Kindheitsevangelium des Thomas“. In diesem Evangelium finden sich alle möglichen frei zusammenphantasierten Geschichten vom Jesusknaben. Da wird zum Beispiel erzählt, wie ein Gleichaltriger Jesus auf der Straße anrempelt. Jesus wird wütend und verflucht den anderen. Der fällt sofort hin und stirbt. Erwachsene, die das zufällig mitangesehen haben, sagen staunend: „Woher stammt nur dieser Jesus? Alles, was er befiehlt, geschieht auf der Stelle.“

Ein hässliche Geschichte!

In der Tat. Aber diese und ähnliche Erzählungen sind nicht nur hässlich und geschmacklos. Sie sind auch theologisch minderwertig. Denn sie machen aus Jesus ein Wunderkind, einen perversen Götterknaben, der sich in Selbsthilfewundern austobt. Der wirkliche Jesus hat gerade keine Selbsthilfewunder gewirkt. Er hat keine Steine in Brot verwandelt, als ihn hungerte, und er konnte nicht vom Kreuz herabsteigen. Die Kirche hat solche dümmlichen Legenden zu Recht nicht in den Evangelienkanon aufgenommen. Das wäre also ein Beispiel für eine entstellende, verzerrende und verzeichnende Legende. Es gibt aber auch Legenden, die zwar ebenfalls mit fiktiven Elementen arbeiten, die aber gerade in ihrer Fiktion den betreffenden Menschen exakt darstellen und deuten. Ein Beispiel: Papst Johannes XXIII. soll sich einst in seinem Arbeitszimmer mit einem Kardinal unterhalten haben. Der Besucher fragt ihn: „Warum haben Sie ein Konzil angekündigt? War das denn wirklich notwendig? Wozu brauchen wir überhaupt ein Konzil?“ Da geht Johannes an eines der großen Fenster, macht es auf und sagt: „Ja, dieses Konzil ist notwendig. Wir brauchen einfach einmal frische Luft in der Kirche.“ Ob sich das wirklich zugetragen hat, weiß ich nicht. Nehmen wir einmal an, das Ganze sei frei erfunden und nie passiert. Dennoch ist diese Papstlegende (oder Papstanekdote) „wahr“. Denn sie charakterisiert diesen großartigen Papst treffend. Genau so war er. Insofern beruht sie auf Augenzeugen. Nicht auf Augenzeugen dieser Szene, sondern auf Augenzeugen, die diesen Papst, die seine Spontaneität und seinen Glauben kannten.

Evangelien als Augenzeugenberichte über Jesus?

Gut. Aber jetzt zurück zu den Evangelien! Stehen hinter den Evangelien wirklich echte Augenzeugen Jesu? Waren die Evangelisten selbst Augenzeugen?

Inwieweit die vier Verfasser der Evangelien selbst Augenzeugen waren, möchte ich offen lassen. Sie waren auf jeden Fall Autoren, die Nachrichten und Erzählungen über Jesus gesammelt haben. Sie haben mit Sicherheit auch noch Augenzeugen gekannt. Und sie hatten Kontakt mit Gemeinden, in denen man Verlässliches und sicher Überliefertes über Jesus wusste.

Echte Worte von Jesus in den Evangelien?

Vor wenigen Wochen hat Papst Franziskus gesagt: „Im Evangelium spricht Jesus!“ Stimmen Sie ihm da zu? Hat Jesus die Worte, die ihm die Evangelien in den Mund legen, wirklich so gesprochen?

Hier muss man unterscheiden. Es gibt sehr viele Jesusworte, die wegen ihrer Thematik, ihrer Diktion, ihrer Bildhaftigkeit und sprachlichen Kühnheit von Jesus selbst stammen. Es gibt in den Evangelien aber auch Texte, denen zwar ein authentisches Jesuswort zugrunde liegt, die aber deutlich überarbeitet und aktualisiert sind. Schließlich gibt es Texte, vor allem im Johannesevangelium, die der historische Jesus in dieser Form mit Sicherheit niemals gesprochen hat…

Aber das ist doch fatal.

Nein, überhaupt nicht. Wir brauchen nicht nur Jesusworte, die Jesus genau so und nicht anders gesprochen hat, sondern wir brauchen auch Jesusworte und Jesustexte, in denen seine Person gedeutet wird, die also sehr genau die Absicht und das Wollen Jesu ins Wort bringen. Ohne Deutung, die aus dem tiefen Verstehen eines Anderen kommt, gibt es überhaupt keinen echten Zugang zu ihm. Das gilt nicht nur für Jesus, sondern für jede große Persönlichkeit. Jesus spricht aus allen Texten der Evangelien zu uns, selbst wenn es fiktive Texte wären. Auch ein fiktiver Text kann Wahrheit vermitteln. Die großartigen Gleichnisse Jesu sind samt und sonders fiktive Texte. Vermitteln seine Gleichnisse etwas keine Wahrheit?

Historischer Jesus oder Christus des Glaubens?

Ich vermute, damit sind wir jetzt genau bei der berühmten Frage, ob der sogenannte „historische Jesus“ eigentlich ein anderer sei als der sogenannte „Christus des Glaubens“. Wie sehen Sie das?

Mit der Unterscheidung „historischer Jesus“ – „Jesus des Glaubens“ haben Sie tatsächlich den entscheidenden Punkt angesprochen. Es gab Theologen, die behaupteten: Der historische Jesus kümmert uns nicht. Von dem weiß man sowieso kaum etwas. Wir haben uns nur mit dem Jesus des Glaubens zu beschäftigen. Uns interessiert grundsätzlich nur der Jesus, den uns das Wort Gottes vor Augen stellt. Diese Position verzichtet auf die Rückfrage nach dem historischen Jesus und damit auf einen „vernünftigen“ Glauben. Umgekehrt gibt es Theologen, die sich aufführen, als seien sie bloße Religionswissenschaftler. Sie behaupten: Uns interessiert nur der Jesus, den wir als Historiker rekonstruieren können. An den glauben wir dann. Auch dieser Standpunkt hat ein schweres Manko: Er schaltet die Kirche als Glaubensgemeinschaft aus. Praktisch führt dieser Standpunkt dazu, dass sich die betreffenden Autoren einen Jesus nach dem eigenen Geschmack formen. Sie eliminieren alle Texte als nicht authentisch, die nicht in ihr eigenes Weltbild und in ihre eigenen Wunschvorstellungen passen. Was dabei herauskommt, sind oft Jesusbilder, die allzu deutlich den Geist ihrer Verfasser zeigen. Meistens sind sie auch sehr zeitgebunden.

Theologisch vernünftig ist nur eine dritte Position. Sie ist überzeugt, dass der Christus, den die Kirche glaubt, deckungsgleich mit dem historischen Jesus ist.

Das müssen Sie genauer erklären. Ist das nicht ein reines Postulat? Wird hier nicht eine hochkomplexe Wirklichkeit so zurechtgebogen, wie es der Kirche in ihren Kram passt? Die Theologen sind doch Meister darin, unüberbrückbare Gegensätze am Ende doch noch harmonisch zusammenzuleimen.

Bleiben Sie friedlich! Die katholische Kirche nimmt historische Fakten sehr ernst. Das hängt mit ihrem Realismus zusammen und vor allem auch damit, dass für sie der Glaube sehr viel mit der Vernunft zu tun hat. Andererseits weiß die Kirche, dass die ganz großen Dinge des menschlichen Lebens nicht mit bloßer Faktenerkenntnis zu erfassen sind.

Welche Erkenntnisse über Jesus Christus?

Was ist das: „bloße Faktenerkenntnis“?

Betrachten wir irgendeinen Menschen – einen berühmten Menschen der Geschichte oder meinetwegen auch jemanden aus unserer unmittelbaren Umgebung: Jeder Mensch ist nicht nur eine Persönlichkeit mit vielen für ihn typischen Eigenheiten. Nein, jeder Mensch ist Person. Das heißt, er hat eine Tiefe, die uns nicht einfach zugänglich ist. Letztlich ist jeder ein Geheimnis. Wer einen anderen Menschen liebt, wird ihn niemals wie eine Sache behandeln, die man restlos analysieren kann, sondern er wird die Tiefe des Anderen achten und gerade das Geheimnis des Anderen lieben. Deshalb reicht es nicht, wenn ich über einen Menschen nur die äußeren Fakten weiß. Also: wann geboren, wann gestorben, wie groß, wie schwer, welche Haarfarbe, welche Blutgruppe, Name des Vaters, Name der Mutter usw. usw. Das ist zwar alles wichtig. Aber wenn ich wissen will, wer der Andere wirklich ist, muss ich mehr über ihn wissen. Das Geheimnis seiner Person liegt tiefer. Einen Anderen in seiner Tiefe zu erkennen, braucht ein sensibles Hinschauen, braucht Offenheit, braucht unter Umständen das Wagnis des Vertrauens. Damit nähern wir uns schon dem Glauben derer, die Jesus damals voll Vertrauen und Glauben begegnet sind. Anders kann man ihn letztlich nicht begreifen. Nur dieses Erkennen aus Glauben konnte das Geheimnis Jesu sachgerecht oder besser „persongerecht“ deuten. Es schließt aber die „bloße Faktenerkenntnis“ gerade nicht aus, sondern schließt sie ein oder setzt sie voraus.

Jesus Christus eine Variante des Horus-Mythos?

Ich möchte noch ein bisschen weiterbohren. In den letzten Jahren haben viele Positionen aus der Pop-Kultur das Bild von Jesus geprägt. Dokumentationen wie „Religulous“ behaupten: Der Jesus-Mythos ist lediglich eine Variation des ägyptischen Horus-Mythos. Auch heißt es zuweilen, dass das Christentum lediglich der Mithraskult unter einem anderem Namen sei. Was ist davon zu halten?

Der Film „Religulous“ war keine Dokumentation, sondern Satire in der Pseudo-Form einer Dokumentation. Und Mythos wurde schon in der Antike definiert als das, „was niemals war, aber immer ist“. Mythos wurde also verstanden als das Ins-Bild-Bringen einer Wahrheit über die Welt, die als Wahrheit immer gilt, als historisches Geschehen oder historische Person freilich nie existiert hat. Deshalb trifft der Begriff „Mythos“ auf Jesus nicht zu. Jesus hat gelebt, hat gehandelt, hat unerschrocken und klar geredet, Menschen folgten ihm nach, andere hassten und verfolgten ihn, und am Ende ist er einen dreckigen Tod gestorben. Jesus war das absolute Gegenteil von einem Mythos.

Jesus Christus der Wundertäter?

Ein Stein des Anstoßes sind für Skeptiker auch die Wunderberichte im Neuen Testament. Oft heißt es: „Kein Mensch kann auf dem Wasser gehen, Tote auferwecken und Gehbehinderte per Handauflegung heilen.“

Das Letztere ist mit Sicherheit falsch. Von dem späteren Kaiser Vespasian wird berichtet, dass er zwei Kranke durch bloße Berührung geheilt hat. Wir müssen damit rechnen, dass es Spontanheilungen gibt, die bei hoher Erwartungshaltung geschehen können.

Halt! Setzen Sie jetzt Jesus mit einem späteren römischen Kaiser gleich und bringen Sie die Wunder Jesu auf eine Ebene mit irgendwelchen antiken Wundergeschichten?

Keineswegs. Ich möchte nur zeigen, dass wir bei den Heilungswundern Jesu natürliche Ursächlichkeiten nicht einfach ausschließen dürfen. Es ist ja doch kein Zufall, dass Jesus den Glauben und das Vertrauen der Kranken erfragt und einfordert. Wo er keinen Glauben findet, wie zum Beispiel in Nazaret, kann er auch nicht heilen. Das Besondere der Heilungswunder Jesu liegt nicht darin, dass die natürlichen Kräfte der Schöpfung ausgeschaltet wären, sondern dass er seine Heilungen als Zeichen des nun anbrechenden Reiches Gottes versteht. Jesus deutet also seine Wunder als Taten Gottes, als Signale dafür, dass sich nun durch ihn und in ihm Gott selbst als der rettende und die Welt ins Heil bringende Herr zeigt. Für mich ist historisch völlig sicher, dass Jesus in diesem Sinn viele Kranke geheilt hat und sich dabei durchaus von anderen Wundertätern der Antike unterscheidet. Die waren übrigens sehr selten.

Gut. Aber auf dem Wasser gehen oder Tote erwecken ist noch einmal eine andere Sache.

Zugestanden. Nur gilt auch hier: Woher wissen wir denn, was möglich und was nicht möglich ist? Das Wissen, was wir können und nicht können, beruht auf reinen Erfahrungswerten. Es wäre einfach unwissenschaftlich, aus einem Erfahrungswert ein absolut geltendes Gesetz abzuleiten. Im Übrigen: Wenn erzählt wird, Jesus sei über den See Gennesaret gegangen, ist nicht auszuschließen, dass es sich dabei um Symbolsprache handelt. Dann wäre der entsprechende Text in seiner theologischen Wahrheit auszulegen. Es kann aber auch sein, dass Jesus wirklich über das Wasser gegangen ist. Mit Erfahrungswerten ist das jedenfalls nicht zu entscheiden. Ähnliches gilt für die Auferweckung von Toten durch Jesus.

Ist Jesus Christus an Ostern auferstanden?

Damit sind wir beim Thema „Ostern“. Ist Jesus Christus nach seinem Tod am Kreuz von den Toten auferstanden?

Ja. Ich glaube als Christ, dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Gründe, an die Auferstehung zu glauben?

Glauben Sie das einfach, weil es zum christlichen Glauben gehört, oder haben Sie dafür auch Gründe?

Ich habe dafür auch Gründe. Denn, wie schon gesagt: Der Glaube ist nichts völlig Irrationales. Er hat immer auch mit der Vernunft zu tun und mit vernünftigem Erkennen. Darf ich für die Beantwortung Ihrer Frage etwas weiter ausholen?

Selbstverständlich.

Sehen Sie, der Glaube an die Auferstehung Jesu ist ja kein erratischer Block, der isoliert und verloren in einer völlig anderen Landschaft herumliegt. All diejenigen, die an die Auferweckung Jesu durch Gott glauben, glauben ja zunächst einmal daran, dass die Welt einen Sinn hat und kein absurder Unsinn ist. Sie glauben daran, dass der letzte und tiefste Sinn der Welt Gott selber ist. Sie glauben daran, dass Gott die Welt zu sich hinführen will, in sein Licht, in seine Herrlichkeit. Vor diesem Horizont glauben sie an die Auferweckung Jesu. Wo dieser Horizont fehlt, wäre es sinnlos, mit dem Thema „Auferweckung Jesu“ den Anfang zu machen. Im Glaubensbekenntnis der Kirche geht dem Bekenntnis zur Auferweckung Jesu der Glaube an „Gott den allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ voraus. Das ist natürlich kein Zufall. Der Glaube an die Auferweckung Jesu ist eingebettet in den Glauben an Gott. Darüber ist immer zuerst zu reden.

Gut. Setzen wir diesen Horizont „Es gibt Gott“ und „Es gibt einen Sinn und ein Ziel der Welt“ einmal hypothetisch voraus. Aber das reicht ja wohl noch nicht.

Nein, das reicht noch nicht. Aber es ist schon sehr viel. Ich bin also überzeugt, dass es Gott gibt, dass er die Welt erschaffen hat, dass das Ziel der Welt nicht das reine Nichts, die reine Absurdität ist, sondern Verwandlung zu einem Leben voll Sinn und Schönheit – eben Existenz bei Gott. In dieses Vertrauen hinein höre ich nun die Botschaft glaubwürdiger Zeugen: „Wir haben Jesus als den Auferstandenen gesehen.“ Sie werden zugeben: Das ist dann etwas anderes, als wenn ich noch gar nicht weiß, ob ich überhaupt an einen Sinn der Welt glauben soll.

Die Auferstehung - nur eine Halluzination?

Aber die Zeugen, auf die Sie sich berufen, könnten sich doch getäuscht haben. Ihre Visionen könnten Halluzinationen gewesen sein, Sinnestäuschungen, bloße Einbildungen – und die angebliche Erscheinung Jesu vor einer ganzen Gruppe von Jüngern könnte auf Massensuggestion beruhen.

Sie rechnen also mit psychogenen Elementen bei den österlichen Erscheinungen. Das heißt, Sie rechnen damit, dass in der Seele, in der innerseelischen Tiefe der Jünger Bilder und Worte aufstiegen, die ihnen Jesus als Auferstandenen zeigten. Ich würde das überhaupt nicht ausschließen. Wenn Gott in der Welt handelt, handelt er immer durch die Kräfte und Strukturen der Welt. Die Theologen sagen: Er handelt stets durch „Zweitursachen“, das heißt durch die Schöpfung hindurch. Es ist also geradezu damit zu rechnen, dass er Jesus als den Auferstandenen durch die innerseelischen Kräfte der Osterzeugen hindurch offenbart hat und nicht in einer die Schöpfung pervertierenden Weise an allen menschlichen Strukturen vorbei. Bei den österlichen Erscheinungen Jesu liegen die Dinge ähnlich wie bei den Wundern Jesu. In beiden Fällen handelt Gott. Aber er stellt dabei nicht seine eigene Schöpfung auf den Kopf. Er durchbricht sie nicht. Er umgeht sie nicht, sondern er erhebt und vollendet sie. Ich habe also gar kein Problem, bei den österlichen Erfahrungen der Jünger auch mit innerseelischen Vorgängen zu rechnen. Entscheidend ist, dass durch diese innerseelischen Vorgänge hindurch Gott selbst handelt und den Auferstandenen offenbart.

Beweise für die Auferstehung Jesu?

Reichen ihnen solche Überlegungen für Ihren Osterglauben?

Sie sind wichtig, damit mein Glaube nicht irrational wird. Damit er vernünftig ist. Aber der Glaube selbst ruht auf dem Zeugnis der ersten Jünger, das in der Kirche getreu und sorgfältig weitergegeben wurde. Ich glaube den Osterzeugen und dem Osterzeugnis der Evangelien. Es kommt aber noch etwas Wichtiges hinzu. Dass ich an die Auferstehung Jesu glaube, hängt auch damit zusammen, dass ich in meinem eigenen Leben immer wieder erfahren habe, dass es so etwas wie Sterben und Auferstehen gibt. Nach einem großen Leid, nach tiefem gegenseitigen Missverstehen, nach anscheinend ausweglosen Situationen konnte es geschehen, dass es Heilung oder Versöhnung oder neuen Sinn und neues Leben vor Gott gab. Das beweist nicht die Auferstehung Jesu, aber das rückt sie mir näher.

Auferstehung: War das Grab Jesu am Ostermorgen leer?

Noch eine letzte Frage zu Ostern: War das Grab Jesu am Ostermorgen leer?

Ich vertraue der Erzählung vom leeren Grab. Sie ist für mich wahr. „Wahr“ in dem Sinn, wie ich es schon vorher in unserem Gespräch beschrieben habe. Bei der Erzählung vom leeren Grab gibt es sogar eine Beobachtung, die sozusagen „historisch-flankierend“ hinzu kommt: Das leere Grab wird von Frauen entdeckt, deren Namen genannt werden. Wäre diese Geschichte frei erfunden, hätte man keine Frauen, sondern Männer auftreten lassen. Denn das Zeugnis von Frauen galt in der damaligen Welt leider nicht viel. Für den Historiker ist das ein Indiz, dass man diese Erzählung nicht einfach historisch entsorgen kann.

Was ist Ihrer Meinung nach der beste Weg für Menschen, die Jesus begegnen wollen, aber nicht wissen wie?

Die Evangelien lesen. Sich immer wieder kleinere Abschnitte aus den Evangelien vornehmen. Sich Jesus vorstellen. Ihn anschauen. Ihm zuhören. Dann vielleicht sogar mit ihm sprechen. Und wenn dabei Probleme auftauchen, vielleicht mit einem erfahrenen Theologen reden oder ein gutes Jesusbuch lesen. Vor allem aber: Sich darüber im Klaren sein, dass ich Jesus auf die Dauer nicht ohne die Kirche haben kann, nicht ohne eine lebendige Gemeinde, nicht ohne regelmäßigen Gottesdienst, nicht ohne das „Hören“ des Evangeliums, nicht ohne die Begegnung mit Jesus in den Sakramenten.

Die besten Bücher über Jesus?

Mal abgesehen von Ihren Büchern: Was sind denn für Sie die besten Jesusbücher?

Da möchte ich mit Nachdruck auf das dreiteilige Jesusbuch von Papst Benedikt verweisen. Das ist ein Buch, das wirklich getränkt ist mit biblischer Theologie. Wer es langsam und es nachdenkend liest, kann sich in die Gestalt Jesu hinein meditieren. Empfehlenswert ist auch das Buch meines Freundes Marius Reiser, "Der unbequeme Jesus". Marius Reiser ist ein hervorragender Kenner der antiken Welt; vor ihrem Hintergrund zeichnet er das einmalige und alles überragende Profil der Gestalt Jesu.

Jesus: Lügner, Spinner oder Sohn Gottes?

Der bekannte christliche Autor C. S. Lewis hat einmal geschrieben: „Entweder war Jesus der größte Lügner und Spinner aller Zeiten, oder er war der Sohn Gottes!“ Wer ist Jesus denn für Sie?

Zunächst einmal der Mensch, dem ich am meisten vertraue. Ich sehe bei ihm nichts, das ich lächerlich oder falsch oder unwichtig finden könnte. Er redet über die alles entscheidenden Fragen der Welt und der menschlichen Existenz. Hinter ihm steht eine lange Geschichte der Aufklärung, die mit Abraham begonnen hat. Bei Jesus finde ich Antwort auf die vielen Fragen, die ich habe. Er hat mich noch nie enttäuscht. Das ist sozusagen das Vorfeld. Und hinter diesem Vorfeld höre ich dann das Glaubenszeugnis der Kirche: In Jesus habe Gott selbst gesprochen, habe Gott selbst gehandelt. Er sei die Gegenwart Gottes in der Welt. Wer ihn sehe, sehe Gott selbst. Das glaube ich mit meiner ganzen Existenz. Dieser Glaube schenkt mir immer wieder Trost und eine stille, beständige Freude. Ich freue mich jetzt zum Beispiel auf das Osterfest. Die Atheisten müssen sich mit einem „Hasenfest“ begnügen.

Diese Bücher sind von Gerhard Lohfink aktuell erschienen:

Interview: Franz Rohleder

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