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Jörg Haider: Auch im Tod bewegt er die Massen

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Hunderte Kerzen stehen an der Unglücksstelle
Hunderte Kerzen stehen an der Unglücksstelle © dpa

Lambichl/Klagenfurt - Das tz-Interview mit Christa Zöchling, Redakteurin beim österreichischen Polit-Magazin „Profil“ und Haider-Expertin.

Tausende Kerzen brennen für Haider, der Unfallort wird zur Pilgerstätte, mehr als 50 000 Menschen werden zur Beisetzung erwartet. Was ist nur in Kärnten los?

Christa Zöchling: Die Kärntner haben ihren Landeshauptmann offensichtlich geliebt. Sie sprechen z. B. über das Kindergeld, das sie ihm verdanken, und über andere soziale Leistungen. Und sie tun dabei so, als hätte Jörg Haider das aus seiner Privatschatulle gezahlt. Einmal hat er in seinem Regierungssitz einen Tisch aufgebaut und persönlich Gelder verteilt. Diese Dankbarkeit, von der jetzt so viel die Rede ist, ist einer genialen Inszenierung geschuldet. Die Menschen glauben wirklich, er hätte sie ganz persönlich gern gehabt! Es gibt ja auch dieses Wort, dass er jedem Kärntner schon mal die Hand geschüttelt hat. Wenn Sie mich fragen, hat er es mindestens dreimal getan.

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Besteht nicht die Gefahr, dass hier ein Rechtspopulist zum Märtyrer wird?

Es ist unvermeidlich, dass sich eine Legende bildet. Das liegt natürlich an der politischen Figur, die so erfolgreich war wie keine andere. Man muss sich das vorstellen: Auf bundespolitischer Ebene war Haider fast abgeschrieben. Dann steigt er doch in den Wahlkampf ein und holt mit nur einem Wort glatte zehn Prozent! Mit dem schlichten Slogan: „Deinetwegen“.

Haider hat aber nie mit rechtspopulistischen Phrasen hinter dem Berg gehalten.

Vielleicht hat er gerade deshalb so viel gewonnen. Sein Erfolgsmodell lautete ja: Alles für die Österreicher, nichts für die anderen. Die anderen waren die Sündenböcke, die so genannten Ausländer, auch wenn sie schon längst österreichische Staatsbürger waren.

In Österreich wurde die Nazivergangenheit nie recht aufgearbeitet. Geht man deshalb mit braunem Gedankengut so tolerant um?

Das ist ein richtiger Aspekt, der eng mit der Nachkriegsgeschichte Österreichs zusammenhängt. Unser Land durfte sich erstes Opfer Hitlers nennen. Wenn ein Kollektiv sich aber als Opfer sieht, sieht es auch nicht ein, dass es einen Fehler gemacht hat. Dadurch ist die kollektive Schwelle viel niedriger als in Deutschland, das als besiegter Staat Verantwortung übernehmen musste. Das prägt unsere politische Kultur bis heute.

Haider gilt als Verführer der Massen, als knallharter Politiker. Sie haben ihn getroffen: War der Mensch Haider anders?

Er war ein öffentlicher Mensch, der sich über den Politiker definierte. Aber es gab auch Phasen der Depression, in denen er sich zurückzog.

Alle sprechen von seinem Charisma …

Er hat es verstanden, die Massen zu verführen. Er konnte die Stimmungen erkennen, mit seinem Publikum spielen, frei sprechen. Im persönlichen Gespräch konnte er charmant und liebenswürdig sein. Saß er aber jemandem gegenüber, den er nicht verführen konnte, dann konnte er höhnisch werden, verachtend und verletzend.

Was geschieht jetzt mit den Rechten?

Heinz-Christian Strache, nach der Abspaltung FPÖ-Chef, hat ja den Großteil der Erbschaft schon übernommen, vor allem den rechtsnationalen Kern. Das BZÖ, dessen Chef Haider bis zu seinem Tod war, wird nun von dessen persönlichen Sekretär Stefan Petzner geführt, einem 27-jährigen Buben, der Haider verehrt und bewundert. Sicher kein politisches Erbe.

Dann läuft es auf einen Zusammenschluss von FPÖ und BZÖ hinaus.

Das kann ich mir gut vorstellen, ja.

Haider werde Anhängern wie Gegnern fehlen, ist überall zu lesen – Ihnen auch?

Fehlen – nein. Spannend ist: Gegen Haider und seine Politik hat sich viele negative Energie gerichtet, die ist jetzt frei. Was wird aus ihr? Es ist für unsere politische Kultur vielleicht fruchtbar, wenn sich diese Energie nicht mehr nur an einer Person reibt. Auch andere Herrschaften geben bedenkliche Sachen von sich.

Interview: Katrin Basaran

Ein Abgang mit Donnerschlag

„Jörg Haider ist noch nicht begraben, aber schon setzt die Verklärung dieses außergewöhnlichen Politikers ein. Ein Mann mit Charisma, ohne Zweifel, und ein beinharter Politiker. Aber keine Kultfigur. Dazu fehlt in seinem Nachlass das Große.“ Der Standard (Wien)

„Er ist so gegangen, wie es seine Manier war: mit einem Donnerschlag. Jörg Haider scheute keine Kontroverse, im Gegenteil, er suchte sie, denn sie war sein Lebenselexier.“ Luxemburger Wort

„In der österreichischen Politik hat keiner vor ihm fremdenfeindlichen Gefühlen freien Lauf gelassen. Dieser Geist lässt sich wohl kaum in die Flasche zurückverbannen.“Nepszabadsag (Budapest)

„Wer ihn kannte, konnte von seinem Charme und seinem Charisma eingenommen sein. Diese Gabe brachte ihm den politischen Erfolg, sie machte ihn so gefährlich. Aber Jörg Haider fischte im Trüben und viele seiner Positionen waren unsäglich und völlig unakzeptabel.“General-Anzeiger (Bonn)

„Haiders Tod bedeutet für Österreich eine Zäsur. Denn mit Haider hat der Rechtspopulismus in der Alpenrepublik das eingebüßt, was ihn so verführerisch, so wirkungsvoll und so gefährlich macht: sein smartes, scheinbar ewig jugendliches Gesicht.“Münchner Merkur

Quelle: tz

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