Frau nennt sie „Bombenlegerin“

Muslima wird in S-Bahn beschimpft - und dann passiert Wunderbares

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Mervy Kay, eine Muslima aus Stuttgart, hat mit ihrem Tweet viele Reaktionen ausgelöst.

Stuttgart - Eine junge Muslima aus Stuttgart sorgt mit einem viralen Tweet für Aufsehen: Sie schreibt, wie sie als „Bombenlegerin“ beschimpft wird - und wer sie plötzlich engagiert verteidigt.

Mervy Kay ist eine junge Muslima. Sie ist 22 Jahre alt, studiert in Stuttgart und trägt Kopftuch. Auf Twitter nennt sie sich @primamuslima. Nun hat sie eine Geschichte erlebt, die erschütternd und bewegend zugleich ist. Verpackt hat sie dieses Erlebnis in 140 Zeilen. Der Tweet ging viral - und hat die unterschiedlichsten Reaktionen gezeitigt.

Am Morgen des 16. Januar twitterte Mervy: „S-Bahn ist ausgefallen, dann kommt noch ne Frau und beschimpft mich als Bombenlegerin. Sieben fremde Leute stehen auf und verteidigen mich!“

Seither hat der Tweet fast 2000 Likes bekommen, fast 300-mal wurde er geteilt.

Klar ist: Es sind schwierige Zeiten für Muslime in Deutschland. Und auch für viele Nichtmuslime, die sich nicht mehr orientieren können. Viele Bürger fürchten den islamistischen Terror. Und manche können dabei nicht zwischen Muslimen und islamistischen Terroristen - also Religion und Religionsmissbrauch - unterscheiden. Ständig gibt es neue politische Debatten, die das Thema Islam berühren: Soll eine Lehrerin nun Kopftuch tragen dürfen oder nicht? Wofür steht das Kopftuch? Soll es in Kitas Schweinefleisch geben oder nicht? Die Grundfrage: Wie geht die deutsche Gesellschaft mit ihrer muslimischen Minderheit um?

Um ihren Mitbürgern nahezubringen, wie sie tickt und wie sie sich fühlt, betreibt Mervy ihren Blog primamuslima.de.

Eine Frau sagte, dass das „meine Leute waren in Berlin“

Dieser Name, sagte Mervy gegenüber merkur.de, sei „ein Statement“. Sie wolle damit einen Einblick in das Leben einer Muslima geben: „zeigen, dass ich eine ganz normale Person bin, keine Heilige und auch keine Terroristin“. Bei jeder Debatte, die den Islam streife, sehe man zur muslimischen Frau. „Aber es gibt DIE muslimische Frau nicht“, sagt sie. „Jede Muslima steht für sich.“

Die Geschichte, die hinter ihrem Tweet steckt, erzählt Mervy gegenüber merkur.de so: „Der Tag war schrecklich. Ich musste so früh aufstehen, weil ich montags um 8 Uhr Vorlesung und einen weiten Uni-Weg habe. Dann wurde in Feuerbach eine Strecke gesperrt. Als es dann weiterging, ist meine Bahn, in die ich umsteigen muss, nicht gekommen. Und so weiter. Ich war echt genervt, vor allem weil die Vorlesung schon längst angefangen hatte. 

Dann ist eine Frau genervt aufgestanden an der Bahnhaltestelle Schwabstraße in Stuttgart und hat irgendwelche Dinge vor sich hin gesagt wie: ,Ach ja, ich glaube, ich gehe jetzt, überall diese Muslime.‘ Normalerweise reagiere ich auf sowas nicht, aber ich war so genervt von der S-Bahn, dass ich die Frau damit konfrontiert und gefragt habe: ,Entschuldigung, sprechen Sie mit mir?‘“

Es klingt immer noch fassungslos, wenn Mervy erzählt. „Daraufhin ist die Frau sehr laut geworden.  Sie hat angefangen, mich direkt zu beleidigen. Hat mich aufgefordert, mein Kopftuch abzulegen. Meinte, dass das meine Leute waren in Berlin. Dass ich nur gekommen wäre, um Deutschland zu zerstören. Dass wir Muslime alle von Hartz IV leben. Dass es Allah nicht gebe. Wo er wäre, unser Allah. Und dass wir alle nur kommen, weil wir die Deutschen ausbeuten wollen. Dass die Deutschen uns ihr ganzes Geld geben. Dass wir überall Bombenanschläge planen. Und so weiter.“

Was dann geschah, rettete Mervys Tag - und Weltbild

Doch was dann geschah, rettete nicht nur Mervys Tag - sondern wohl auch ihr Weltbild: „Es haben sich aber immer mehr Leute eingemischt. Ein Mann hat sogar seine Kopfhörer abgenommen. Der Mann ist mir besonders aufgefallen, weil er etwas sehr Krasses gesagt hat: ,Und deswegen beschimpfen Sie jetzt diese Frau hier? Die Leute, die so etwas tun, haben mit dieser Frau nichts zu tun. Das sind genau solche Leute wie Sie!‘ 

Ich habe immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.“

Die Frau, sagt Mervy, habe anfangs versucht, die Leute auf ihre Seite zu ziehen. „Sie sagte Dinge wie ,Aber ihr wisst das doch alle auch. In ihren Ländern würden die uns alle töten.‘ Aber irgendwann hat sie aufgegeben. Sie ist einfach gegangen. Und ich bin auch gegangen. Ich weiß nicht warum. Ich bin einfach in die nächste Bahn eingestiegen und habe mich nicht einmal bedankt. Ich stand wohl einfach unter Schock. Ich habe es vorher noch nie erlebt, dass sich Passanten eingemischt haben, wenn jemand mich angepöbelt hat. Das hat mich sehr, sehr berührt.“

Mervy: „Ich würde mich so gerne bedanken.“

Nun hofft Mervy auf eine Möglichkeit, die Leute wiederzusehen. Sie sagt: „Dann würde ich mich gerne bei ihnen bedanken.“

Mehr als 60 direkte Antworten erhielt Mervy auf ihren Tweet - auch viele negative. Es kamen Vorwürfe, die Geschichte sei erfunden; es seien nur Fake News; sie wolle sich nur als Opfer darstellen; sie mache nur Werbung für den Islam. „Ich werde häufig getrollt“, sagt sie gegenüber merkur.de, auch auf ihrem Blog. Meist störe es sie nicht besonders. Aber bei diesem Tweet sei es extrem gewesen. Bis heute bekomme sie Vorwürfe zu lesen, und die Argumente seien immer die gleichen.

Doch insgesamt war es für Mervy wohl eine sehr positive Erfahrung. „Was mich noch viel mehr überrascht hat“, sagt sie, „waren die ganzen Leute, die mich verteidigt haben. Die hier auf Twitter für mich eingestanden sind, obwohl sie mich gar nicht kennen. Das war wie bei dem Ereignis selbst.“ Viele Leute schrieben auf Twitter beispielsweise: „Wie bitte? Aus welcher Zeit is die denn übrig geblieben? Solche Vorurteile sollten längst verschwunden sein.“ Oder: „Also gibt es doch noch Hoffnung auf ein weiterhin weltoffenes Deutschland. Danke.“ Oder: „Ich danke den 7 Leuten. Wäre mit aufgestanden.“

„Die stille Masse macht den Mund auf“

Für Mervy zeigt dieses ganze Geschehen noch etwas Bedeutsameres: dass offenbar die Zivilcourage gegenüber Pöblern zunimmt. „Ich werde auch öfter auf der Straße angepöbelt, und normalerweise mischt sich nie jemand ein“, sagt sie. „Diesmal haben sich gleich mehrere Leute eingemischt und mich verteidigt. Irgendwas scheint gerade zu passieren. Die ,stille Masse‘ macht den Mund auf.“

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