Jahrestag zur Katastrophe der Gletscherbahn

Kaprun: Was vom Unglück geblieben ist

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Um kurz nach 9 Uhr fuhr der Zug in den Berg (links) und kam oben nie an. Stattdessen quoll schwarzer Rauch in die schneeweiße Gletscherwelt am Kitzsteinhorn

Kaprun - 155 Menschen starben beim schwersten Bergbahn-Unglück in der Geschichte Österreichs, unter den Opfern waren 37 deutsche Skifahrer, fast alle davon aus Bayern. Die tz hat sich zum Jahrestag auf Spurensuche begeben.

Die Augen der ganzen Welt ruhten im November 2000 auf Kaprun, Reporter und Kamerateams belagerten das Dorf. Kaprun. Begriffe wie Unglück, Inferno, Katastrophe hafteten dem 3000-Einwohner-Ort im Salzburger Land an wie schwarzes Pech. Kann ein Dorf das aushalten, heilt die Zeit die tiefen Wunden?

tz-Redakteur Tobias Scharnagl auf Spurensuche.

Die tz hat sich aufgemacht ins Gletscherdorf am Fuß des Kitzsteinhorns. Wie geht es den Menschen heute? Angehörige wollten nicht mit uns sprechen. Zu lange her, zu schmerzhaft. So lauten die Antworten. Dafür sprachen andere Kapruner mit uns, Menschen, die das Unglück miterlebt haben und Verantwortung trugen und noch heute tragen. Einen Satz hört man immer wieder: „Das Unglück ist unweigerlich ein Teil unserer Geschichte.“ Aber stimmt das? Wird an das Unglück erinnert? Oder verblasst die Erinnerung bereits – auch um die Touristen nicht zu verschrecken, die dort ihre Skier anschnallen?

Schon an der Ortseinfahrt wird klar: Der Berg ist überall. Mächtig ragt das scharf geschnittene Kitzsteinhorn (3203 Meter) in den blauen Himmel, gleich einem ewigen Mahnmal. Tod, aber auch Leben – dafür steht der Berg gleichermaßen, drei von vier Jobs im Dorf hängen schließlich am Bergtourismus. Wenn Elfriede Hofer, Wirtin der Pension Hauserhof, aus dem Fenster ihrer Gästestube blickt, schaut sie direkt auf den Berg. „Ein Fremder sieht aufs Horn und denkt sich: Was für ein schöner Berg!“ Sie seufzt. „Uns Einheimische aber erinnert er jeden Tag an das Unglück.“ Sie selbst hat keine Verwandten verloren damals, aber sie hat viele Angehörige versorgt.

Frau Hofer kennt all ihre Geschichten. Noch heute kommen sie zu ihr, besonders dann, wenn der jährliche Gedenkgottestdienst gefeiert wird. In einem dicken grünen Ordner hat sie Todesanzeigen und Sterbebilder gesammelt, Zeitungsartikel, Gemeindebriefe. Auf den Fotos lächeln die Toten für alle Zeit. Der Ordner ist Elfriede Hofers Schatz, ein Stück Zeitgeschichte – und sie, die Chronistin der Katastrophe, hält das Unfassbare fest. „Viele Angehörige sagen noch heute: „Mei Frau Hofer, hams ned was zum Ansehen?“ Dann holt sie ihren Ordner hervor, voll mit Erinnerungen.

So geht es den Kaprunern 15 Jahre nach dem Bergbahn-Unglück

Ein Ort des Erinnerns ist auch der Friedhof. Das Kitzsteinhorn stellt hier die Kulisse. Es ist früh am Morgen, Nebel hängt über dem Dorf, die Gräber sind gepflegt, frische Blumen, vor wenigen Tagen war Allerheiligen. Hier liegt das Grab von Rudi N. 1992 – 2000 steht da. Rudi war gerade acht Jahre alt, als er am Kitzsteinhorn ums Leben kam. Sein Leichnam wurde im Tunnel gefunden, zwischen den Leichen eines jungen Pärchens. Lange quälte die eine Frage die Eltern jener jungen Frau: Warum hatte der Freund ihre Tochter nicht an der Hand gehalten, so kurz vor dem Tod? Erst später wurde klar: Die beiden hatten Rudi bei dem Versuch, den Tunnel zu verlassen, in ihre Mitte genommen.

Am Fuße des Berges, gegenüber der Talstation, steht heute die betongraue Gedenkstätte. Sie ist einem Zug nachempfunden, die 155 Betonsteine auf dem Vorplatz stehen für die 155 Opfer. In der Gedenkstätte herrscht diffuses Licht, durch 155 Spalte fällt ein wenig buntes Licht. Jeder Lichtschlitz steht für ein Leben das damals ausgelöscht wurde, jeder Schlitz ist einer Person gewidmet. Grablichter flackern, kleine Steinengel blicken traurig auf die Bilder der Toten. Auf einem Stein steht: „Wir werden dich niemals vergessen.“

„Ein klassisches Fehlurteil“

„Gerechtigkeit für Kaprun“ – der Wiener Anwalt Dr. Gerhard Podovsovnik (46) ist Rechtsvertreter des 2008 gegründeten Vereins. Er vertrat 160 Hinterbliebene, darunter auch die Familien von 18 der insgesamt 37 deutschen Todesopfer.

Herr Dr. Podovsovnik, nach dem Freisprüchen 2004 ist die Frage, wer für die Tragödie verantwortlich ist, heute unbeantwortet!

Podovsovnik: Unsere Sachverständigen haben klare Schuldige gefunden und in mehreren Gutachten sowohl technisch als auch wirtschaftlich nachgewiesen, wo die Verantwortlichkeiten liegen. Diese hätten zu klaren Schuldsprüchen führen müssen, wie es in Deutschland bei vergleichbaren Fällen und in Österreich auch schon der Fall war, wo aber die Auswirkungen nicht so dramatisch auf die gesamte österreichische Ski- und Seilbahnwirtschaft waren. Ich halte das Urteil für ein klassisches Fehlurteil.

Hätte die Katastrophe verhindert werden können?

Podovsovnik: Ja! Wären die Sicherheitsstandards, die damals schon in vergleichbaren Bahnen vorhanden waren, angewendet worden, hätte die Katastrophe verhindert werden können. Zum Beispiel: nicht brennbare Materialien verwenden. Auch die Stromleitung hätte niemals offen im Tunnel verlegt werden dürfen. Der Brandschutz wurde ignoriert.

In einer außergerichtlichen Einigung 2008 wurde 451 Betroffenen 13,9 Millionen Euro zugesprochen. 25 000 Euro für den Betroffenen – aber keine Gerechtigkeit?

Podovsovnik : Zu wenige Geld für die Opfer und überhaupt keine Gerechtigkeit! Die Töpfe waren prall gefüllt mit mehr als 150 Millionen Euro, ausgezahlt wurden weniger als 10 %!

Was ist mit dem Rest passiert?

Podovsovnik: Darüber wurde nie gesprochen.

Wie sieht Ihr persönliches Fazit 15 Jahre nach dem Unglück aus?

Podovsovnik: Es war extrem viel Einsatz und trotz Vorliegen aller Fakten, bin ich leider juristisch an einem sehr mächtigen Apparat gescheitert.

Tobias Scharnagl, Martina Williams

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