tz-Rückblick

So geht es den Kaprunern 15 Jahre nach dem Bergbahn-Unglück

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Auch am Friedhof dominiert der Blick auf das Kitzsteinhorn. Der Schicksalsberg, an dem Manfred Aigner und so viele andere sterben mussten an diesem traurigen 11.111.2000.

Kaprun - Vor 15 Jahren ist es in Kaprun zum schwersten Bergbahn-Unglück in Österreich gekommen. Die tz hat nachgeforscht, wie es den Menschen heute in Tirol geht und was vom Unglück geblieben ist.

Kaprun. Ein Name wie Donnerhall. 155 Menschen starben beim schwersten Bergbahn-Unglück in der Geschichte Österreichs, unter den Opfern waren 37 deutsche Skifahrer, fast alle davon aus Bayern. Am Mittwoch jährt sich die Tragödie zum 15. Mal. Die tz hat sich auf Spurensuche begeben: Wir sprachen mit den Menschen in Kaprun, mit einem Überlebenden und Angehörigen aus der Oberpfalz sowie dem Opferanwalt aus Wien: Was ist vom Unglück geblieben?

„Wir haben uns gefangen, es muss weitergehen!“

Manfred Gaßner (57) ist seit 2013 Bürgermeister der Gemeinde Kaprun. Das Unglück wird auch er nie vergessen. „Damals brach eine tiefe Depression über unser Dorf herein.“ Heute stehe Kaprun wieder gut da, sagt Gaßner. „Wir haben uns gefangen, haben in den Gletscher investiert und eine Werbegemeinschaft mit Zell am See gegründet – wir sind froh, dass das Geschäft wieder floriert.“

Gaßner, so sagt er selbst, ist angetreten, um Kaprun in die Zukunft zu führen. Muss man die Vergangenheit dafür ruhen lassen? „Das Unglück kann man nicht unter den Teppich kehren. Das ist Geschichte. Fertig!“, sagt Gaßner. „Die Gedenkstätte wird ein ewiges Mahnmal sein, dass Technik nicht immer beherrschbar ist.“

Den Angehörigen will Gaßner so lange eine Plattform für ihr Gedenken bieten, wie sie das wünschen. Der Rathauschef sagt, das nach wie vor herrschende Interesse am Unglück sei berechtigt. „Es ist legitim, wenn jemand meint, sich damit beschäftigen zu müssen.“ Zum Abschied fügt er noch hinzu: „Das Unglück muss in Entfernung rücken. Es kann nicht ewig präsent sein, es muss weitergehen.“

Nahe an der Verzweiflung

Norbert Karlsböck Bürgermeister a. D. jetzt Gletscherbahn-Chef

Den Menschen Norbert Karlsböck hat die Katastrophe an den Rand der Verzweiflung gebracht, als Bürgermeister musste er damals aber vor allem eines: funktionieren. „Jeden Morgen hat es eine große Anstrengung gebraucht, aufzustehen und einen neuen Tag zu beginnen.“ Angehörige irrten weinend über die Straßen und suchten Trost. Trauer habe auf ihm gelastet, ja – aber auch eine große Verantwortung: „Für die Menschen im Ort musste das Leben wieder erträglich werden.“ Bloß wie?

„Wir standen vor dem nichts, fragten uns: Wie soll es jetzt weitergehen?“, erinnert sich Karlsböck. Vor allem: Wie sollte es weitergehen am Berg? „Rasch war klar: Die Stollenbahn kann nicht mehr in Betrieb gehen. Wir müssen den Berg neu erschließen.“ Heute wie damals lebten drei von vier Kaprunern vom Tourismus, die nackte Existenzangst trieb die Menschen an. Mit kleinen Schritten ging es vorwärts.

In Kaprun fragten sie sich: „Was ist der Kern unseres Tourismus?“ Die Antwort hieß: Mensch und Natur. Die Gastlichkeit der Einheimischen, die Freundschaften zu den Touristen und die atemberaubende Bergwelt. Weniger wichtig: Technik. „Weiche Faktoren“ sollten in den Vordergrund. Wenn Technik, dann nur noch die beste die es gibt – und die sicherste. „Und die überprüfen wir heute stärker als viele andere“, sagt Karlsböck. Bereits im Jahr 2006 kam Karlsböck zur Gletscherbahn, im Jahr 2013 legte der Bürgermeister sein Amt nieder und wurde Chef der Bahn.

In Zeiten großer Not besinnen sich Menschen wieder auf Gott. Das lernte auch Diakon Toni Fersterer (46). Sein Vorgänger als Seelsorger der Gemeinde Kaprun hatte ihm anvertraut: „Beim Unglück haben mich die Kapruner zum ersten Mal gebraucht.“

Das hat tiefe Gräben hinterlassen

Diakon Toni Fersterer vor dem Kitzsteinhorn

Nun leitet Toni Fersterer seit dem zweiten Jahr die Gedenkfeier. Er sagt: „Für die Menschen ist es wichtig, diesen Tag nicht allein begehen zu müssen.“ Schicksalsgemeinschaft – so bezeichnet er die Gruppe der Angehörigen, zusammengeschweißt durch die Ereignisse, verbunden in Trauer und Gedenken. Das sei nicht immer so gewesen. „Das Unglück hat auch tiefe Gräben hinterlassen.“ Gräben? „Na ja, die durch die gerichtliche Aufarbeitung entstanden sind.“ Mehr möchte Fersterer dazu nicht sagen. Was die Kirche den Trauernden geben könne? „Wenig“, sagt Fersterer. „Schon gar keine Antworten.“ Alles, was er anzubieten habe, sei es, die Trauer mit den Angehörigen auszuhalten. Und ihnen die christliche Hoffnung näherzubringen: „Dass der Tod nicht das Ende ist.“

Die quälende Frage nach dem Warum bleibt ewig

Bernd Geier.

Es ist ein Wort, das Hermann Geier nicht aus dem Kopf geht. Warum? Der 78-Jährige ist einer der zwölf Überlebenden der Gletscherbahnkatastrophe von Kaprun. In der tz erinnert er sich. Freitag, 10. November 2000, 16 Uhr: Beim Skiclub Unterweißenbach (Oberpfalz) ist die Stimmung blendend. Ein Bus bringt 49 Skifreunde nach Kaprun. Auch Geier steigt ein. Der kaufmännische Leiter einer Ziegelei ist frisch in Rente. „Nach 52 Jahren Arbeit hab’ mich narrisch auf die Freizeit gefreut“, sagt er.

Samstagfrüh, Sonnenschein. Geier stellt sich an der Bahn an, weiter hinter ihm steht sein Sohn Markus, damals 35. Dem dauert die Warterei zu lang, er marschiert mit einigen anderen zur Gondel. Hermann Geier stellt sich in den unteren Teil des Waggons.

Um 9.07 Uhr startet die Bahn, bereits nach 20 Metern breitet sich leichter Brandgeruch aus. „Wir haben uns aber nichts weiter dabei gedacht.“ Nach 1132 Metern stoppt die Bahn im Tunnel. „Plötzlich haben wir den Qualm aus der leeren Führerkabine gesehen.“ Erste Flammen. Gedrängel im Zug. Hektik. Hermann Geier und seine Freunde suchen einen Feuerlöscher. Nichts. Sie suchen einen Hebel, um einen Notausgang zu öffnen oder Alarmknöpfe. Nichts.

Die Türen sind verschlossen, giftige, gelbe Gase breiten sich aus, weil die Verkleidung innerhalb der Kabine und die Sitze zu brennen beginnen. Hermanns Spezl Hubert, ein Bär von einem Mann, schnappt sich ein Paar Skier. „Er wollte damit die Scheibe einschlagen. Aber das ging bei dem Plexiglas nicht.“ Die Menschen kratzen Löcher ins Glas, brechen Stück für Stück weg. „Raus!“, schreit einer. „Alle Kinder zuerst raus!“

Im Tunnel gibt es keine Beleuchtung, keine Schilder für einen Notausgang. Die Menschen taumeln in Panik nach oben – sie haben keine Chance. Nur einer der Oberpfälzer, ein Feuerwehrler, brüllt: „Runter! Durchs Feuer runter!“ Die Vilsecker stolpern mit Skistiefeln über die Gleise Richtung Talausgang. „Im Tunnel gab es Explosionen und Lichtblitze. Wie eine Bombe, die in die Luft fliegt.“ Wenn der Zug jetzt nach unten rast, sind wir alle tot, denkt Hermann Geier. Elf Erwachsene und ein Mädchen torkeln nach draußen, kauern sich links neben den Tunnelausgang. Hermann Geier sucht seinen Sohn. „Wo ist Markus? Der stand doch hinter mir in der Schlange!“

Um 11 Uhr die Erklärung, dass es keine weiteren Überlebenden gibt. „Da hab ich gedacht, ich hab meinen Sohn verloren!“ Dass Markus heil an der Mittelstation sitzt, erfährt er erst Stunden später. „Im Hotel haben wir gewartet, ob nicht noch einer der unseren zurückkommt.“ Vergebens. Der Bus bringt am Sonntag 29 Skiclubmitglieder heim nach Vilseck, 20 Sitze bleiben leer. Auch der von Hubert, der die Scheibe eingeschlagen hatte. Immer wieder stellt er sich die Frage: „Warum? Warum habe ich alter Kerl überlebt, während die Kinder verbrennen mussten?“

2004 fährt er nach Salzburg zur Urteilsverkündung. Fassungslos verfolgt er, wie der Richter alle 16 Angeklagten freispricht. „Keiner von uns wollte, dass einer ins Gefängnis geht. Aber dass die Sache aufgeklärt wird.“ Das passiert nicht, das juristische Hickhack wird ihm zu viel. Geier erleidet einen Herzinfarkt, 2008 folgt ein zweiter. „Ich möchte Frieden schließen und kann nicht“, sagt er traurig. Es bleibt die Frage: „Warum?“

Viele Bahnen sind tickende Bomben

Dr. Bernd Geier kämpft bis heute für die Angehörigen und Opfer der KAtastrophe.

Auch Dr. Bernd Geier (46) wäre beinahe in der Gletscherbahn gewesen. „Aber meine Skier wurden nicht rechtzeitig fertig“, sagt der Sohn von Hermann Geier und Bruder von Markus. Nach der Tragödie versuchte er zu vermitteln: zwischen Behörden und Anwälten der Hinterbliebenen, etwa Michael Witti und Ed Fagan, die in den USA eine Sammelklage angestrebt hatten. Doch die Freisprüche wurden bestätigt. Heute leitet Geier eine Unternehmensberatung in München.

Sie halten bis heute engen Kontakt zu den Hinterbliebenen. Wie geht es den Menschen?

Geier: Nicht gut. Alle sind schwer traumatisiert. Es gab Suizidversuche, Scheidungen. Manche versuchten, sich mit Drogen oder Alkohol zu betäuben. Damals starben 155 Menschen, zwölf haben überlebt. Ich sage immer, es gab 167 Opfer. Denn das wirkliche Leid für diese 167 Opfer und deren Familien, das Unrecht ist erst nach der Tragödie losgegangen.

Sie haben lange Verhandlungen geführt, sind in die USA zu Sitzungen für die Sammelklage geflogen!

Geier : Ich hatte den Familien versprochen, mich um Aufklärung zu kümmern. Und ich glaube an Gerechtigkeit. Die Menschen brauchen einen sauberen juristischen Abschluss. Im Moment stehen sie wie vor einem offenen Grab. Ich kämpfe trotzdem weiter: Es darf nicht sein, dass wirtschaftliche Interessen in Österreich über die Sicherheit von Menschen gestellt werden. Und ich bin überzeugt, dass so ein Unglück wieder passieren wird, viele Bahnen sind tickende Zeitbomben!

Das Inferno

Die Grafik der dpa erläutert das Unglück in Kaprun.

Am 11. November 2000 kamen beim Brand in einem im Tunnel befindlichen Zug der Gletscherbahn Kaprun 155 Menschen ums Leben, darunter 37 Deutsche. In dem brennenden, bergauf fahrenden Zug starben 150 der 167 Passagiere durch Rauchgasvergiftung und durch die Feuersbrunst, im Gegenzug der Zugführer und ein Tourist. An der Mittelstation erstickten drei Menschen an den giftigen Gasen. Als Ursache für das Feuer gilt für die österreichischen Ermittler ein defekter Heizlüfter mit Plastikgehäuse, der im Führerstand des Zugs eingebaut war. Der setzte 18 Liter Hydrauliköl in Brand. Die im Tunnel offen verlegte Hochspannungsleitung entzündete sich. Ein starker Luftzug fachte das Feuer. Durch den gigantischen Kamineffekt kamen die giftigen Gase nach oben bis zur Mittelstation.

2004 wurden beim Strafprozess in Salzburg die 16 Beschuldigten freigesprochen. „Da hat Gott für einige Minuten im Tunnel das Licht ausgemacht“, erklärte der Richter. Die Gletscherbahn habe sämtliche notwenigen Betriebsgenehmigungen gehabt, hieß es. Deutsche Gutachter und die deutsche Staatsanwaltschaft stellten aber später fest, dass der eingebaute Heizlüfter Marke Fakir nicht Ursache für die Katastrophe ist: Dieser war nicht einmal für den Einbau in den Zug zugelassen. Die Hydraulik- und Bremsanlage hatten bauliche Mängel und die im Zug verbauten Materialien war ebensowenig zugelassen wie das Öl.

Der Tunnel ist bis heute geschlossen. Auf die „Gipfelwelt 3000“ schweben nun zwei Goldenbahnen.

Tobias Scharnagl, Martina Williams

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