Auszug aus Buch der früheren „Super Nanny“

Katharina Saalfrank: Warum wir Eltern so schwer Nein sagen können

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Diplom-Pädagogin Katharina Saalfrank, bekannt durch die RTL-Serie „Super Nanny“.

Katharina Saalfrank kennen wir als RTL-„Super Nanny“. Die Expertin für Erziehungsfragen weiß, wieso es Eltern so schwer fällt, Nein zu sagen. Einen passenden Auszug aus ihrem aktuellen Ratgeberbuch veröffentlichen wir als Gastbeitrag. 

Um als Mutter oder Vater unsere Position vertreten zu können, ist es nötig, dass wir uns entsprechend äußern. Das heißt, dass wir auch Nein sagen können und eine mögliche Auseinandersetzung nicht scheuen. Viele Missverständnisse und Konflikte in Familien entstehen, weil Eltern, wenn sie Ja sagen, eigentlich Nein meinen. 

Die zehnjährige Lilly möchte bei ihrer Ballettfreundin Lisa übernachten, die gerade zu Besuch ist. Die Mutter möchte es nicht, denn am nächsten Tag ist Schule. Trotzdem erlaubt sie es. 

Lilly: "Darf ich bei Lisa übernachten?" 

Mutter (zögert und denkt: "Eigentlich passt es nicht und ich will es nicht." Sagt aber): "Mhmm … aber morgen ist Schule …" 

Lilly: "Aber Lisas Mutter fährt mich." 

Mutter (denkt: "Ich will es eigentlich nicht, Lilly soll ausgeschlafen sein und nicht übermüdet in die Schule gehen." Sie sagt aber): "Na ja, aber dann muss Lisas Mutter extra den Umweg zu deiner Schule fahren." 

Lisa (schaltet sich ein): "Meine Mama hat gesagt, sie macht das gerne und es passt von der Zeit her." 

Mutter (zögert wieder): "Also eigentlich will ich es nicht …" 

Lisa und Lilly: "Och bitte, bitte." 

Mutter (will es eigentlich weiterhin hin nicht, gibt aber erschöpft auf): "Na gut, meinetwegen, übernachte bei Lisa." 

Am nächsten Tag kommt Lilly total übermüdet und schlecht gelaunt nach Hause. Es gibt einen riesigen Streit um die Hausaufgaben und Lillys Mutter schimpft schließlich: "Siehst du, ich wollte nicht, dass du mitten in der Woche in dem ganzen Schulstress bei Lisa übernachtest. Aber du wolltest ja unbedingt. Ich wusste schon, warum!" 

Lillys Mutter hatte hier einen klaren inneren Impuls, als es um die Frage nach der Übernachtung ging. Sie folgt diesem jedoch nicht und sagte Ja, obwohl sie Nein spürte und meinte. So hat sie keinen klaren STANDPUNKT bezogen, den sie als Mutter jedoch haben darf. Denn nur so wird sie mit ihren Anliegen für ihre Tochter sichtbar. Auch lernt Lilly so, dass man unterschiedliche Ansichten vertreten darf. Was hier noch passiert ist: Die Mutter schiebt nachträglich Lilly die Verantwortung für ihre eigene elterliche Entscheidung und die entstandene Situation zu: "Aber du wolltest ja unbedingt." 

Gräfe und Unzer Verlag/ Autorin: Katharina Saalfrank

Es ist jedoch unsere Aufgabe als Eltern, eine klare Position einzunehmen, diese im wertschätzenden Dialog deutlich zu machen und die Verantwortung für unsere Entscheidungen zu übernehmen. Kinder sind auf der Suche nach Eltern, die Haltung zeigen und Orientierung geben – durch ein Ja oder ein Nein. Ausweichen in Form von Unklarheit ist also keine Alternative zu Strafen und Konsequenzen.

Doch warum fällt uns das Neinsagen manchmal so schwer? Eine Antwort ist: Es erinnert uns an unsere Kindheit und wir verbinden dieses Nein mit elterlicher UNFREUNDLICHKEIT. Natürlich wollen wir zu unserem Kind nicht unfreundlich sein. Dennoch: Ein Nein zu umgehen, sich nicht deutlich zu äußern, weil man vermeiden möchte, sich schlecht zu fühlen, führt allenfalls für den Moment zu einer konfliktfreien, oberflächlichen Lösung. Langfristig wird die Auseinandersetzung jedoch nicht zu vermeiden sein. 

Eine andere Antwort ist: Wir haben unterschwellig die Sorge, kurzfristig die Zuneigung unserer Kinder zu verlieren, wenn wir Nein sagen. Deshalb sagen wir häufig gegen unseren eigenen Impuls Ja oder drücken uns irgendwie unklar aus. Es ist jedoch nicht so, dass Kinder uns ernsthaft weniger lieben, wenn wir Nein sagen. Natürlich macht ein Kind dann seinem Ärger auch lauthals Luft und ruft: "Du bist doof, Mama!" Oder: "Ich hab dich gar nicht mehr lieb, Papa!" So drückt das Kind aber eher seinen (aus seiner Sicht berechtigten) Ärger aus. Es kann dies nur in dieser Form, da es sich sprachlich (noch) nicht differenziert über seine Gefühle äußern kann. Auch wenn wir das nicht gut aushalten können – für die Qualität der Beziehung ist es zuträglich, wenn wir im Kontakt mit den Kindern authentisch sind und als Persönlichkeit sichtbar werden. Ein Nein muss nicht böse ausgesprochen werden. Wir können uns auch in liebevollem und fürsorglichem Ton ABGRENZEN und müssen bei einem Nein nicht die Integrität, die persönliche Grenze des Kindes verletzen und es so abwerten.

Dieser Gastbeitrag ist ein Auszug aus Katharina Saalfranks aktuellem Buch „Was unsere Kinder brauchen“. Saalfrank arbeitet als Familienberaterin und -Trainerin in ihrer Privatpraxis. RTL-Zuschauer kennen sie aus der Fernsehsendung „Super Nanny“ (2004 bis 2011). Für ihre pädagogische Arbeit in dem Format gewann Saalfrank 2007 den Deutschen Fernsehpreis. 

Sehen Sie alle Gastbeiträge gesammelt auf unserer Themenseite.

Katharina Saalfrank: Was unsere Kinder brauchen. Gräfe und Unzer Verlag, ISBN: 9783833852985, 192 Seiten, Hardcover, Buchpreis: 19,99 Euro.

Wie denken Sie über die Frage, warum es Eltern so schwer fällt, Nein zu sagen?

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